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Sport-Stammtisch (vom 14. Februar)

In der Türkei mit dem Auto unterwegs. Einsame Gegend. Weit und breit kein Mensch. Aber was ist das? Weit ab von der Straße, in einer Senke, eine riesige Menschenmenge. Es müssen Tausende sein. Hingefahren, über Stock und Stein. Jetzt zu erkennen: Die Senke bildet eine Art natürliches Amphitheater, und die Menge sieht einem Ringkampf zu. Mitten in der freien Natur, ohne Stadion oder sonstige sportliche Infrastruktur.
Ein Volkssport dort. Zuletzt mit 22 Disziplinen olympisch, was allerdings wirklich zu viel des Ringens ist. Diesen Sport aber komplett aus dem olympischen Programm zu kippen, ist für Türken (und Iraner und andere) schlimmer, als uns Biathlon wegzunehmen. Obwohl: Erst ohne Magdalena N., jetzt ohne Medaillen – wenn die so schwach weitermachen, brauchen wir sie auch nicht mehr!
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War nur ein Scherz. Aber warum ist Biathlon mittlerweile fast schon kernolympisch und Ringen bald gar nicht mehr? Selbst bei uns gibt es ja rund um Aschaffenburg mehr wettkämpfende Ringer als im Allgäu Biathleten. Antwort des IOC: Die Ringer leisten »keine Lobbyarbeit«. Will heißen: Sie biedern sich nicht an, nehmen keinen Einfluss, schönen sich nicht, bleiben der Tradition treu und machen im IOC nicht gut Wetter für ihren heute »uncoolen« Sport. Nach IOC-Logik einzig mögliche Konsequenz: Raus mit den Ringern!
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Na ja, erst ab 2020. Wer weiß, ob die Ringer nicht sogar das IOC überdauern. Ältere werden jedenfalls nie vergessen, wie Wilfried Dietrich 1972 in München den US-amerikanischen Vier-Zentner-Koloss Chris Taylor aushebelte, und durch den Ringer-Fan John Irving bleibt dieser Sport zumindest literarisch unvergänglich.
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Zum Fußball – ich finde keinen eleganten Übergang – komme ich jetzt nur mit einem kraftvollen Überwurf à la Dietrich gegen Taylor: Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Spieler einer Mannschaft, die die gleiche Musik hören, ihre Leistung steigern.
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Beim Test von Forschern der Leibniz-Uni Hannover »wurden die Fußballer mit drahtlosen Kopfhörern ausgestattet, die auf die Tausendstelsekunde synchronisierte elektronische Musikstücke wiedergaben. Der Komponist Matthias Hornschuh hatte diese eigens für den Versuch mit einer Beatzahl von 140 Schlägen pro Minute geschrieben – das entspricht der durchschnittlichen Sprintgeschwindigkeit von Fußballern« (Welt am Sonntag). Ergebnis: Die Pässe kamen früher, schneller und genauer als beim Test ohne oder gar mit asynchroner Musik.
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Nun ist es durchaus nicht nur in der Musik von Vorteil, wenn das Orchester synchron spielt und nicht kakophonisch. Beim Rudern richten sich die Crews nicht ohne Grund nach dem Takt gebenden Schlagmann, und wenn bei Drachenbootrennen nicht die Trommeln geschlagen würden, gäbe es dort keine Rennen mehr, sondern nur noch unfreiwillige Nachstellungen der Seeschlacht von Salamis. Aber im Fußball? Während des Spiels? Was geschieht mit dem überdurchschnittlich schnellen Sprinter? Verhaspelt und verstolpert er alles odonkorhaft? Und was nützt die schönste synchrone Musik, wenn sie asynchron warnende Rufe wie »Vorsicht Hintermann« oder »Leo!« übertönt?
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Haben die bei Leibniz einen Keks? Ach so, klar, sie haben einen. Das »Krümelmonster« hat ja den geklauten goldenen Bahlsen-Keks zurückgegeben und an das Niedersachsenpferd vor der Leibniz-Uni gehängt. Aber das nur am Rande.
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Die Verbesserung durch synchrone Musik hat, sagen die Forscher aus Hannover, damit zu tun, dass sich die Hirnaktivitäten angleichen, wenn Menschen die gleichen Melodien und Rhythmen hören. In einem anderen, ähnlich gelagerten Test bei Musikern fand die Doktorandin Johanna Sänger vom Berliner Max-Planck-Institut heraus, dass die »Gleichschaltung der Hirnwellen beim anführenden Spieler stärker ausgeprägt waren«.
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Die Fußball-Forscher wurden übrigens angeführt von Effenberg. Alfred, nicht Stefan. An Fußball-Anführer »Effes« Hirnaktivitäten möchte ich auch nicht unbedingt angeglichen werden.
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Bleibt noch eine Frage offen. Nur für mich. Sie wissen es schon, aber ich in der Ungnade der zu frühen Geburt dieser Kolumne kann leider nur hoffen, dass der BVB wunderbar synchron gespielt hat und ihm nicht der ukrainische Marsch geblasen wurde. (gw)

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