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Sonntag, 10. Februar, 6.10 Uhr

Etwas früher dran. Zum Glück. Gerade noch rechtzeitig aufgewacht: Großes Hotel in einer südeuropäischen Hauptstadt. Das Athletenhotel. Die Stunden vor dem Länderkampf. Die üblichen Rituale. Im Kopf der Satz von Neckermann: Denkt immer daran, dass Ihr auch die deutsche Wirtschaft vertretet. Blödes Zeug. Habe ich nie dran gedacht. Nur an den Wettkampf, an meine Leistung. Doch diesmal ist alles anders. Je mehr der Wettkampf naht, desto klarer wird mir: Ich kann das ja gar nicht mehr! Nur: Die anderen wissen es nicht. Selbst ich weiß es nicht. Erst denke ich, das wird schon irgendwie gutgehen, das schaff ich schon, ohne dass auffällt, dass ich wenig drauf habe. Von Minute zu Minute wird mir aber mehr bewusst, WIE alt ich bin und WIE wenig ich drauf habe, nämlich nichts. Das werden keine schlappen 19 Meter, auch keine katastrophalen 18, undenkbare 17, unfassbare 16, desaströse 15 Meter, sondern höchstens 14, ach was, 13, 12, 11 … aber bevor ich bei einer realistischen Weite ankomme, darf ich aufwachen. Diese Erleichterung. Sagt Freud was dazu? „Der Traum und seine Be-Deutung?“
In der Mailbox nichts außer Kot. „Großer Schwanz? MySizeXL ist das Nahrungsergänzungsmittel in Tablettenform, dessen Wirkung nachgewiesen und frei von Nebenwirkungen ist.“ Frei von Nebenwirkungen auch bei Dopingtests? Meistgenannte Erklärung bei positiven Dopingbefunden: „verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel“. Nehmen die Jungs heutzutage dieses Großer-Schwanz-Zeug? Haben sie es nötig? Wär ja furchtbar. Okay, ich weiß ja: Sie nehmen fast alle irgendein Nahrungsergänzungsmittel, ohne sexuellen Bezug, aber riskant ist es auf jeden Fall. Bei mir früher war es einfacher: Ich kannte nur reines Milcheiweißpulver. Nahm „Prallo K“, das war eine Art Molkerückstand, höchstprozentiges Eiweiß, das Ralf in großen Mengen für ein paar Pfennig aufgekauft hatte, bei irgendeiner EU-Institution, die das für Mangelkatastrophen gehortet hatte. Ralf ließ es umtüten und nannte es „Prallo K“. Machte damit sein erstes richtiges Geld. Werbespruch: „Prallo K in den Darm bringt Kraft in den Arm.“ Wirklich. Ich bekam Sonderkonditionen.
Stimmt die Erinnerung? In „Sport-Leben“ (siehe rechts) habe ich es vor etwa 15 Jahren genauer beschrieben, auch das eklige Ritual des Einnehmens und teilweise spontanen Erbrechens. Kann mich aber heute nur noch verschwommen erinnern. Zum Glück. Und welch ein Glück, dass ich heute nacht nicht zum Wettkampf antreten musste, sondern aufwachen durfte.

Am Freitag im Blog Zweifel an der Qualität der Samstags-Kolumne geäußert. War kein Fischen nach Komplimenten. Dennoch Dankeschön für solche. Meistens kann ich das eigene Schreiben erst beurteilen, wenn ich es am nächsten Tag nachlese. Ganz frisch nachgelesen, überwiegt das Gefühl der Mühe oder das der Leichtigkeit des Schreibprozesses. Am Freitag war es ein sehr mühsames, daher die Zweifel. Nachgelesen: eigentlich ganz normal.

Der übliche Blick in die Nachrichtenlage der Nacht: Guildo Horn ist neu verheiratet und wird 50, bei Dieter Pfaff ist „der Krebs weg“ (freut mich, vor allem auch, dass er nicht sagt, er habe ihn „besiegt“), Whitney Houston ist seit einem Jahr tot, und der Strompreis wird für uns immer höher, je niedriger die Einkaufspreise sind. Wie energiewenden sich eigentlich die anderen? Überhaupt nicht? Ach so. Wenn wenigstens diesmal die Welt am deutschen Wesen genesen würde.
Sport: Drei Ronaldo-Tore für Real, Khedira und Özil auf der Bank. Noch keine NBA-Ergebnisse da. „Montagsthemen“ liegen noch im Dunkel der Nacht. Dortmunds Anfälligkeit hinten, schon lange, nicht nur gegen den HSV? Die Millionen der Sportförderung? Cancellara? Da hinge ein ganzer Doping-Zopf dran: Baseball, Wellness, Anti-Baby-Pille, Australien usw. Mal sehen. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle