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Sport-Stammtisch (vom 9. Februar)

Den historischen Sieg am Abend hatte ich schon am Morgen journalistisch exakt vorrecherchiert, denn unser Schreiber im »Volltreffer«-Anstoß hörte »das Knattern der Gewehre, das Geratter der Maschinengewehre und den Donner der Geschütze, als wir nach Frankreich fuhren«. 1935 war’s, der Autor gehörte zum »Reichssportblatt«, und die da nach Frankreich fuhren, waren deutsche Fußballer, die letzten, die in Frankreich ein Länderspiel gewinnen konnten. Bis Yogis Bubis kamen, jung, verspielt und garantiert stahlhelmlos, aber mit einem großen Arsenal an »Waffen«.
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Sport und Sprache – ein weites Feld. Am Mittwoch im »Volltreffer« beackert. Mit Selbstironie, da zu gut wissend, dass auch mit mir manchmal das »Reichssportblatt« durchgeht. Übel genommen wird martialische Bomben-und-Granaten-Sprache allerdings nur uns Sportlern – oder hat irgendjemand »Tagesschau«-Sprecher Jens Riewa einen kriegerischen Macho geschimpft, als er sich anti-outete und rühmte: »Michelle ist eine Granate im Bett«?
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Nicht mal Sexismus wurde ihm damals vorgeworfen. Auch der ist ein weites Feld und wurde ebenfalls von uns gründlich beackert, zuletzt in den »Montagsthemen«. Fast wörtlich (»Altherrenwitze und Frauenhumor«) wurde das Thema nun auch vom »Zeit«-Kolumnisten Harald Martenstein aufgegriffen, der wie ich aus alten »Emma«-Ausgaben zitierte, und zwar die gleichen Witze. Bis auf einen, der mir zu heftig für Frühstücksleser war: »Was ist der Unterschied zwischen einer Krawatte und einem Kuhschwanz? Der Kuhschwanz bedeckt das ganze Arschloch.«
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Martenstein darf das. Ich an Fasching auch. Sogar mit Zugabe Marke »gw«: Was sahen die schlipsabschneidenden Fastnachtsweiber am Donnerstag? Stummelschwänze.
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Tätää! Noch witziger wollte ein Sponsor der Ski-WM in Schladming sein, der die Stimmung in seinem Zelt mit Slogans wie »Zeig der Zilli deinen Willi« anheizen wollte. Das ist noch echter Männerwitz! Leider wurden die Zelt-Slogans in Schladming von einem Kotorkan hinweggewirbelt, der Sponsor zog das Stummelschwänzchen ein und bat um Entschuldigung.
Kotorkan – als ich das Wort erstmals verwendete, versuchten es einige Leser vergeblich zu entschlüsseln (»Kot-Organ?«). Ich hatte »Shitstorm« eingedeutscht. Wer Kotorkan auf der zweiten Silbe betont, kommt so schnell nicht drauf. Apropos zweite Silbe: Habe ich richtig gehört, oder wirbt die AOK jetzt im Fernsehen mit deutlicher Betonung auf dem O? Das nur am Rande.
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Zurück zu uns Stummelschwänzchen. Sorry, dass ich die Sexismus-Debatte nur amüsiert begleiten kann. Irgendwo habe ich vom »Greisenschleim« gelesen, einem besonders ekligen und passenden Wort für die Art Altherrenhumor, der Brüderle ein Synonym gegeben hat. Nähme ich die Sache ernst, würde ich ihn sogar verteidigen, und das fiele mir bei einem wie ihm besonders schwer. Aber »Dirndl ausfüllen« und »Tanzkarte« … weia! Das ist kein Sexismus, das ist nicht einmal mehr Greisenschleim, das ist schon längst vermodert. »Tanzkarte«, dagegen klingt ja »Senioren-Tanztee« nach angesagtester Avantgarde.
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Gäbe es schon echte Gleichberechtigung, hätten wir jetzt einen ganz anderen Skandal. Die »Zeit« gibt einer Besprechung des neuen Schwarzenegger-Films die Schlagzeile: »Ein Hauch von Ötzi.« Man und frau stelle sich bloß vor, einer in die Jahre gekommenen Schauspielerin würde »ein Hauch von Ötzi« bescheinigt – die »Zeit« würde im Kotorkan ersticken (igittigitt).
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Was noch? Gold für Deutschland in Schladming wird direkt neben dieser Kolumne abgefeiert. Größter Wettskandal aller Zeiten im Fußball: Von Europol erst dazu aufgepumpt, mit Hilfe vieler »Informanten«. Aus einer gewissen Lebenserfahrung auch in diesem Milieu sei festgestellt: »Informanten« sind oft nur schwadronierende Wichtigtuer. Geht’s nicht eine bis zwei Nummern kleiner?
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Manche von uns sind jetzt schon vor den drei tollen Tagen in Aschermittwochsstimmung. Aber liebe Mit-Faschingsmuffel, lasst den Narrhallesen ihren Spaß. Außerdem gibt es ein Narren-Motto, mit dem für mehr als ein paar tolle Tage ein uralter Menschheitstraum verwirklicht werden könnte und in das auch Melancholiker mit einem empfindsam gewisperten Helau einstimmen dürfen: Allen wohl und niemand weh. Das find’ auch »gw« ganz scheh. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle