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“Nachdruck”: Viele Volltreffer (vom 6. Februar)

In loser Folge gehen wir mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten. Oft ein Thema: die Diskussion über Sport, Gewalt und Sprache – wie auch in diesem (hier gekürzten) Text, geschrieben nur wenige Tage nach »9/11«, in dem aber auch ein Fußball-Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland eine Sprach-Rolle spielt …
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Nichts wird wieder sein, wie es einmal war. Aber Bomben und Granaten, von Sturmtanks abgeschossen und als Volltreffer im Tor einschlagend – wird es sie nach dem 11. September 2001 tatsächlich nicht mehr geben? Wir sind sensibilisiert, wir werden uns bemühen, man wird uns überwachen, und wir werden in der Hektik des Redaktionsalltags immer wieder einmal scheitern. Und manchmal wollen wir auch scheitern; denn den »Gegner«, die »gegnerische« Mannschaft, das »Besiegen« und die »Niederlage«, auch eine »vernichtende« wie das 1:5 gegen England, werden wir in der Sportsprache nicht . . . nun ja: ausrotten können und wollen. Zwar könnte die Sportsprache eine kritische Überprüfung durchaus vertragen, aber wir sollten sie auch vor den eifernden Sprachreinigungs-Fundamentalisten schützen, die in den Sportjournalisten schon immer nur die Schlachtenbeschreiber vom Ersatzkriegs-Schauplatz Sport gesehen haben und weiter sehen werden, egal wie sehr wir uns um unmartialische Sprache bemühen. Wir haben uns immerhin schon merklich gebessert. Selbst in den schlimmsten »Revolverblättern« (wie Boulevardzeitungen von manch einem Pazifisten genannt werden) wäre heute undenkbar, was 1935 im »Reichssportblatt«, sozusagen dem »Kicker« dieser Zeit, im Vorbericht zu einem Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und Frankreich zu lesen war. Da soll der Torwart »eiserne Wacht« halten, die Halbzeiten heißen »Kampfabschnitte«, und der Schreiber hört »wohl schon halb unbewusst das Knattern der Gewehre, das Geratter der Maschinengewehre und den Donner der Geschütze«, und er erinnert sich: »Auch damals lag der Sonnenschein auf den Moselbergen, als wir nach Frankreich fuhren. Und überall liegen die großen Militärfriedhöfe und mahnen euch, dass man die Männer nicht vergessen soll, die ihr Leben für euch gelassen haben.« Dagegen wirkt Töppi wie eine Friedenstaube, die an einer Beruhigungspille geknabbert hat, und man schließt erleichtert seinen Frieden mit den Wontis und Waldis unserer modernen Fernsehwelt. Aber natürlich kann es nicht schaden, wenn wir uns intensiv darum bemühen, uns noch weiter vom gedankenlosen 1:0-Journalismus und seinen Kriegsjargon-Relikten zu lösen. Und da am Samstag einige (aber erstaunlich und erfreulich wenige) jugendliche Krakeeler die Gedenkminute in den Bundesliga-Stadien gestört haben, schauen wir mal kurz in ein erziehungswissenschaftliches Standardwerk (»Jugendliche Rechtsbrecher – Wege zur Vorbeugung« von Sheldon und Eleanor T. Glueck), um die richtigen und vor allem friedlichen Worte zu finden. Nachdem uns die Autoren das gedankliche Rüstzeug . . .
Entschuldigung . . . die theoretische Basis mitgegeben haben, kommen sie im Schlussabsatz zu ihrem Fazit – und das schlägt wie eine Bom . . . schon gut, hier ist es: »Die spezifischen Treffer auf dem Wege zu einer Vorbeugung sind in den vergangenen Artikeln entwickelt worden. Sie propagieren klar definierte Zielscheiben, auf die ganz spezifische Maßnahmen treffen sollen, um die Garbe der vernichtenden Schüsse auf die allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Übelstände so dicht wie möglich zu machen. Dieser Geschosshagel wird mit der Bitte im Herzen abgefeuert, dass ein paar Kugeln irgendwie ins Schwarze treffen.« (20. 9. 2001)
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Peng! Statt solcher Rohrkrepierer dann doch lieber 1:0-Journalismus, bei dem das Tor auch mal ein Volltreffer sein darf. Einer? Ach was: Bitte zwei, drei viele deutsche Volltreffer heute in Paris! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle