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Sport-Stammtisch (vom 2. Februar)

Ein japanischer Judo-Olympiasieger ist wegen Vergewaltigung zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Er legt Berufung ein – es habe sich um einvernehmlichen Sex gehandelt. Einen Tag zuvor war Japans Judo-Nationaltrainer der Frauen zurückgetreten, weil er Athletinnen in der Olympia-Vorbereitung mit Bambusschwertern geschlagen hat. – »Einvernehmlicher Sex«, das ist in Zeiten, in denen desperate Hausfrauen von einvernehmlich uneinvernehmlichem Sex schwärmen und eine absonderliche »Shades of Grey«-Bestsellerei fördern, eine noch heiklere Geschichte als in Vor-Kachelmannzeiten. Beim Judo-Trainer ist die Sache einfacher, denn er gibt zu, dass die Vorwürfe »mehr oder weniger wahr« sind.
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Mehr oder weniger? Apart formuliert. Wahrscheinlich mehr. Warum reden die Japanerinnen erst jetzt, lange nach Olympia? Weil es in London Gold und Ruhm zu gewinnen gab? Wer dies nicht glauben mag, prüfe sich mit dem »Breaking Bad«-Test. Bryan Cranston, der in der hochgelobten US-Serie den sinistren Ex-Biedermann und Neu-Großdealer spielt, testete kürzlich in der »FAS« seinen Interviewer, ob der sich wann und wie und unter welchen Umständen ohrfeigen ließe: »Wenn ich frage, ob ich Ihnen eine runterhauen darf?« – »Lehne ich dankend ab.« – »Und wenn ich Ihnen dafür 25 000 Dollar auf den Tisch lege?« – »Sie würden hart zuschlagen?« – »Normal hart.« – »Nur mit der Faust?« – »Keine Waffen.« – »Dann los!« – Und wenns sein muss, dann eben auch mit dem Bambusschwert.
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Apropos »Breaking Bad«. Seit dem Erfolg der Serie boomt auch »Crystal Meth«, mit dem Cranston als »Walter White« dealt. Aber schieben wir es nicht dem Fernsehen in die Röhre, denn »Crystal Meth« kannten schon die deutschen Stuka-Piloten, nur hieß es damals noch treudeutsch »Panzerschokolade« oder aber »Hitler-Speed«.
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Auf »Hitler-Speed« war wohl auch der »Spiegel« als er jetzt dem Nazi-Devotionalienhandel eine Titelgeschichte widmete. Wenn das Kujau noch erleben könnte, reiche Beute würde er machen! Zur »Spiegel«-Geschichte eine Woche zuvor hatte ich schon eher Zugang. »Wahnsinn wird normal« hieß der Titel, es ging um neue anerkannte seelische Störungen, durch die »Millionen Menschen über Nacht zu psychiatrischen Fällen« werden. Ich auch. Nicht wegen der »disruptiven Launenfehlregulationsstörung«, durch die der Jähzorn eine neue Karriere als Psychokrankheit macht. Ich bin nicht jähzornig. Ist das klar?! Nein?? Wo ist mein Bambusschwert? Aber nun weiß ich endlich, warum ich nicht vom Thema Doping lassen kann, obwohl ich es immer wieder versuche. Ganz einfach: Ich leide an einer »posttraumatischen Verbitterungsstörung«.
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Daher staune ich auch, dass unsere tollen Handballer über die Spieler des neuen Weltmeisters staunen: »Die haben Schenkel wie Baumstämme.« Jungs, die sind aus Spanien! Aber glaubt bitte nicht, beim Fuentes-Prozess erfahrt ihr mehr. Oder die nun abgeschlossenen Winter-Deals im Profifußball: Was ist das anderes als der Versuch, die eigene durch Training und Talent vorhandene Leistungsfähigkeit durch Zukauf externer Verbesserungsmittel zu steigern? Und was ist das anderes als eine exakte Definition von Doping? Und was wird später aus den »Doping-Opfern«? Laut »Kicker« sind 25 Prozent der Ex-Fußballprofis dauerhaft arbeitslos, und nur zehn Prozent haben fürs Leben ausgesorgt.
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Was hilft gegen posttraumatische Verbitterungsstörungen? Schokolade. Bei mir sogar schon das bisschen Schokoguss auf meinem »Mohrnkopp«. Hochdeutsch: »Mohrenkopf.« Ich weiß, das Wort ist verpönt. Aber ich halte es da mit meinem neuen Lieblingspolitiker, der sogar ein Grüner ist: Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, bei dem Beschwerden eingingen, weil auf einer Schoko-Messe »Tübinger Mohrenköpfle« angeboten wurden. Palmer riet per E-Mail zu »ein wenig Gelassenheit«, denn »eine Debatte über Mohrenköpfe nützt niemandem«.
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Doch, den Sprachpolizisten. Die haben bei Palmer um so heftiger protestiert. Sein schwacher Trost: Wäre ich Tübinger, meine Stimme hätte er sicher. Und wenn Sie, liebe Leser, von diesem Thema noch nicht genug haben, blättern Sie bitte zurück ins Feuilleton. Auf Wiederlesen bei »Gunda und die weißen Neger«. Bis gleich? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle