Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Gunda und die weißen Neger (Nach-Lese vom 2. Februar 2013)

Zu Gunda Bahr kommen wir später. Vorher haken wir einen der beiden »Skandale« ab, die als Sturm im deutschen Wasserglas toben: Altherrenpeinlichkeiten sind kein frauenverachtender Sexismus, sondern nur peinlich – für die alten Herrenwitzbolde. Schluss. Kein Wort mehr dazu.
*
Der zweite »Skandal« köchelt im deutschen Inneren latent vor sich hin und kocht bei Gelegenheit gerne über. Dass eine Bundesministerin ihrem Kind beim »Pippi Langstrumpf«-Vorlesen den »Negerkönig« in einen »Südseekönig« verwandelt, wird begeistert beklatscht oder stinksauer bebuht. Aber warum lassen wir uns immer wieder derart überflüssige Diskussionen aufdrängen, in denen sich zwei fundamental gegnerische Parteien ihre Meinungen an den Kopf werfen und keinerlei Interesse an Konsens haben? Diskussionen, die vernünftige Menschen (hoffentlich also die Mehrheit) gar nicht erst vom Zaun brechen würden?
*
Den »Negerkönig« gibt es schon seit 2009 nicht mehr, die Ministerin liest also ein altes »Pippi«-Buch vor und übernimmt an einer Stelle die neue Version. Na und? Wenn in Otfried Preußlers »Kleine Hexe« keine »Negerlein« mehr vorkommen – wen stört das? Und wenn im Kindergarten das Lied von den »zehn kleinen Negerlein« nicht verändert (das wäre albern), sondern gar nicht mehr gesungen würde – litten die Kinder dann etwa unter schwersten entwicklungskulturellen Defiziten?
*
Auf der anderen Seite schere ich mich seit Kindesbeinen nicht darum, welcher Name für meine Lieblingsleckerei gerade zum korrekten Ausdruck ernannt wurde, für mich bleibt der »Mohrnkopp« ein »Mohrnkopp«, zumal er bei mir phonetisch weniger einem »Mohrenkopf« als einem »Mond-« oder »Mohnkopp« gleicht. Und wer mir – und Axel Hacke – den aus Matthias Claudius’ Nebeln steigenden »weißen Neger Wumbaba« verbieten will, nähme uns den hübschesten deutschen Wortverwechslung-Gag überhaupt. Wenn dann ein Buch mit dem Titel »Mein schwarzer Hund« von »LesMigras« (»Lesbische Migrantinnen und Schwarze Lesben«) als diskriminierend gegeißelt wird, weil Schwarz als Symbol für Negatives gelte, könnte man fast das bekommen, worum es in dem Buch geht, denn der »schwarze Hund« steht hier als Synonym für Depression.
*
Überhaupt: »Diskriminierung«. Ein Reizwort, das man gründlicher als den »Neger« aus der deutschen Sprache entfernen sollte. Die einen gebrauchen »Diskriminierung« als Vorschlaghammer, die anderen reagieren genervt auf dieses Kampfwort korrekter Gesinnungsträger. Ohne das Verb »diskriminieren« müssten wir andere Wörter in den Mund nehmen: Herabwürdigen, verletzen, traurig und/oder wütend machen, beleidigen, beschimpfen, verunglimpfen und so weiter und so weiter. Und dann kämen wir endlich bei jenen an, um die es geht. Nicht bei den gegnerischen Haudrauf-Parteien, sondern bei den Menschen dazwischen, die unter beiden zu leiden haben.
*
In der »Zeit« schreibt Özlem Topcu einen Satz, den alle verinnerlichen sollten: »Weiße dürfen nicht bestimmen, wann Schwarze sich gekränkt fühlen dürfen.« Dialika Neufeld (Vater Senegalese), eine offenbar starke Frau, ergänzt im »Spiegel«: »Es gibt Kinder, denen das ständige ›Neger‹-Sagen mehr weh tut als mir damals. Allein deshalb sollten die Verlage ihre Bücher überarbeiten.«
*
Aber ein Original darf man doch nicht verändern! Dieses Gegenargument ist ein sehr schwaches, eigentlich ist es überhaupt kein Argument, denn Originale werden unentwegt verändert. Seit Luther gab es 87 neue und teils deutlich unterschiedliche Bibelübersetzungen, und die Verlage werfen immer wieder Neuauflagen von Klassikern der Weltliteratur auf den Markt und bewerben sie ausdrücklich mit der jeweils neuen, kongenialen, endlich dem Text gemäßeren Neuübersetzung.
*
Ein weiteres Argument für die generelle Beibehaltung von »Neger« & Co. in der Literatur ist nicht nur schwach, sondern grundfalsch und Ausdruck eines echten Rassismus, der nur nicht als solcher empfunden wurde. »Neger« sei früher ein üblicher Ausdruck gewesen und völlig wertfrei gemeint, heißt es. Wertfrei? Nein, unempathisch und gedankenlos, auch wenn der »Neger« manchmal sogar jovial gelobt wurde wie in einem United-Press-Artikel aus dem Jahr 1952, auf den ich bei Recherchen in anderer Sache (»So wahr das«/»Nach-Lese« vom 24. 11. 2012/nachlesbar im gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«) gestoßen bin und der »beweist«: »Negern liegt der Kommunismus nicht«, weil »die kommunistische Agitation dem afrikanischen Eingeborenen eigentlich gegen die Natur geht, denn im Grunde ist er ein geborener Kapitalist.« Aha. Und außerdem: »Der durchschnittliche Eingeborene ist den Freuden des Lebens und des Besitzes hingebungsvoll zugeneigt. Jede Art von Jux und Scherz versetzt ihn in Ekstase. Die Humorlosigkeit des Kommunismus und seine Verständnislosigkeit für irdische Genüsse sind dem Wesen des Negers völlig fremd.«
*
Jovialer Rassismus. Der Autor würde sein 52er-Original heute sicher liebend gerne verändern. Und dass »Neger« früher stets wertfrei benutzt worden wäre, widerlegt schon der Titel der Autobiographie des am 19. Januar (an seinem 87. Geburtstag) gestorbenen Hans-Jürgen Massaquoi: »Neger, Neger, Schornsteinfeger.« Was ihm andere Kinder in Nazi-Deutschland nachriefen, war gewiss nicht »wertfrei«, sondern erfüllte alles Schmähliche, das in den angeführten Ersatzverben für »diskriminieren« steckt. Denn »man hat so gesprochen, weil es damals normal war (…), Menschen anderer Herkunft abzuwerten« (Topcu).
*
Wir brauchen keine sprachpolizeilichen Vorschriften, sondern: Fingerspitzengefühl, Mitmenschlichkeit und Einfühlungsvermögen. Dann können wir es uns auch manchmal – nicht oft, immer seltener – leisten, von »Negern« zu sprechen, und ich kann weiter meinen »Mohrnkopp« essen.
*
Der große (schwarze) Schauspieler Denzel Washington antwortet, von der »Welt« zur aktuellen deutschen »Neger«-Problematik befragt: »In dem Stück ›Fences‹ von August Wilson (…) sagt eine Figur dauernd ›Neger‹. Das Stück ließe sich gar nicht aufführen, wenn wir dieses Wort durch ein korrektes ersetzen wollen.« Auch dass in Tarantinos Film »Django« das Wort »Nigger« inflationär auftaucht, lässt ihn kalt: »Soll ich Ihnen was sagen? Meine Tochter hat bei ›Django‹ als Assistentin für Tarantino gearbeitet.«
*
Nicht jeder ist so souverän wie Denzel Washington. Auf sie sollten wir nicht mit großen »Skandal«-Diskussionen ein- und an ihnen vorbeigehen, sondern in unserem täglichen Leben Rücksicht nehmen. Ja, das klingt ein bisschen nach Sonntagsrede. Aber so ist es nun mal. Und nun benötigen wir Werktagstaten.
*
Ach so, Gunda Bahr. Das Nachbarsmädel aus Jugendtagen. Wenn ich Axel Hacke den Text zum Claudius-Lied zugeschickt hätte, den wir damals sangen, müsste er sich nicht gegen absurde Rassismus-Vorwürfe verteidigen.
*
»… und aus den Nebeln steiget, der heiße Feger Gunda Bahr.«
*
Obwohl Hacke dann noch ganz andere Probleme bekommen hätte.
*
So bleibt »der weiße Neger Wumbaba« unsterblich. Und sind wir nicht alle weiße Neger und ein bisschen wumbaba? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle