Archiv für Februar 2013

Donnerstag, 28. Februar, 16.00 Uhr

Im Zirkus gibt es den guten, lebensklugen, aber etwas simpel gestrickten Clown, beim Wrestling den Part des grundbösen Clowns. Der böse Clown ist aggressiv witzig, hinterhältig und nur auf seinen Vorteil bedacht. Er legt harmlose Menschen auf mieseste Weise rein und tut dann so, als sei er’s nicht gewesen. Obwohl das Publikum weiß, welch ein Drecksack dieser Kerl ist, fällt es immer wieder auf ihn rein, da er nach jeder bösen Tat wieder den tollen, gutherzigen Kerl gibt, dem man doch eigentlich vertrauen könnte .. sollte … müsste?
Dennoch sollten wir nicht so steinbrückmäßig auf die Italiener schauen. Unsere Piraten sind zwar nicht böse, aber dass sie zwischendurch Mal zweistellige Zustimmungszahlen hatten, war fast noch italienischere Irrationalität als die originale.
Wie hieß bloß der Kerl, der zu Hulk-Hogan-Zeiten den bösen Clown gab? Vergessen.
Aus der Kolumnen-Werkstatt: Für den morgen zu schreibenden Stammtisch habe ich noch keine Idee. Das Spiel, DAS Spiel soll keine Rolle spielen, dazu ist bis dahin alles gesagt. Vielleicht nur en passant anmerken, dass Dortmund in Unterzahl gespielt hat, da Lewandowski im Geiste schon das Bayern-Trikot spazieren trug. Zu Verträgen an sich: Absolute Ausnahme, dass pacta servanda sunt. Ablösesummen sind dazu da, um Verträge zu brechen. Wenn die Bayern sagen, sie wollen Lewandoski erst nach Ablauf seines Vertrages, sparen sie nicht nur 30 Millionen, sondern schwächen auch den Konkurrenten, denn Lewandowski wird als halber Bayer nur noch halb so viel Leistung bringen können. Nicht, weil er nicht wollte, sondern weil er nicht können wird.
Für Ohne weitere Worte diesen „Teledialog“ aus der FAS vorgemerkt, Ildiko von Kürthy bei Beckmann zum Thema Männer und Frauen: „Mein Sohn hingegen, der spricht auch schon leider sehr viel, fast weiblich schon. Er stand heute Nacht um vier Uhr an meinem Bett und schrie: ‚Meine Faust hungert nach Gerechtigkeit.‘ So viel zum Unterschied zwischen Männern und Frauen.“ Heute Nacht um vier Uhr? Da regt sich etwas im Mittelfrist-Gedächtnis. Und jetzt live weiter. Ich verlasse mal kurz den Blog und klinke mich ins Redaktionsarchiv ein, Moment …

Wirklich sehr live, der Werkstattbericht. Wieder auf eine falsche Taste gekommen, plötzlich füllt die Seite den ganzen Bildschirm aus, und ich komme nicht raus, weil nirgends etwas anzuklicken ist. Bub angerufen. „Drück mal F11.“ Ha, soxa to theo! Geht wieder. Und schon finde ich im Archiv, was im Mittelfrist-Gehirn rumort hat:

Haben Sie sich eine Tochter gewünscht? – »Ja. Und jetzt habe ich zwei Söhne. (…) Wenn ich diese Mädchen sehe, die so ausdauernd im Sandkasten sitzen und Sandkuchen backen. Und mein Sohn wälzt sich daneben im größten Hundekothaufen und schreit: ›Meine Faust hungert nach Gerechtigkeit.‹ Der ist fünf. Da denkt man doch: Vorsicht beim Absetzen der Pille.«

Habe ich im August 2012 in „Ohne weitere Worte“ aus einem SZ-Interview mit Ildiko von Kürthy zitiert. Aber ob im August 2012 im Sandkasten oder im Februar 2013 am Bett – egal, hauptsache witzig. Außerdem recycle ich meine Texte ja ebenfalls schamlos. Morgen denke ich daran, wegen des trübsten Winters seit mindestens Menschengedenken noch einmal den Duft verfaulender Blätter als wirksames Mittel gegen den Winter-Blues anzupreisen.
Soxa to theo? Socken für Theo? Nee, lautschriftlich „Gott sei Dank“ auf griechisch (den theo muss man mit ti-eitsch aussprechen, soxa auf der ersten Silbe und theo auf dem o betonen).
So, das war nicht nur ein erfüllter Bildungsauftrag mit Griechisch-Grundkurs, sondern vielleicht auch schon ein Steinesbruch für die nächste Kolumne. Die Stunde am Blog muss sich wenigstens ein bisschen lohnen. Um 16.00 angefangen, jetzt 16:59, wegen der falsch angetippten Taste. Jetzt aber Schluss.

Veröffentlicht von gw am 28. Februar 2013 .
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Sonntag, 24. Februar, 5.45 Uhr

Fünf Uhr fünfundvierzig. Um diese Zeit habe ich früher zurückgeschossen. Selbst daran schuld, wenn die Nacht so früh zu Ende geht. Fünf Stücke Torte zum Kaffee, der nahtlos ins Abendessen übergeht, bei dem zehn verschiedene Käse den Magen schließen. Und warum trinke ich so viel Sekt, obwohl ich Sekt nicht mag?
Kein Wunder also, dass sich wieder ein Wort zwischen Traum und Schlaf drängt, ihn verdrängt und mir der Morgen schon graut, bevor er selbst zu grauen beginnt. Katschemäen, Katschemäen, Katschemäen. Was ist das? Ein Pygmäenstamm? Oder ist es ein Verb? Von Schwarzenbeck abgeleitet? Als Katsche seine bzw. Beckenbauers Gegenspieler umsenste, war das Katschemäen? Nein, Katschemäen-Unterricht, das ist es. Da war ich früher, hatte was mit Kindergottesdienst zu tun. War ich ein Katschemäe? Und wie schreibt sich das richtig? Wahrscheinlich habe ich es so was von falsch geschrieben, dass mir nicht einmal Google („“meinten Sie …?“) den Weg weisen kann. Hat aber wohl was mit Katechismus zu tun. Ach, Moment, ich klinke mich mal kurz aus, drücke schon mal auf „Publizieren“, stelle diesen Anfang online und google mir die Katschemäen.

So, wieder da. „Es wurden keine mit Ihrer Suchanfrage übereinstimmenden Dokumente gefunden.“ Ich weiß also nicht, was soll es bedeuten, dass ich nicht schlafend bin, ein Wörtchen aus uralten Zeiten, geht mir nicht aus dem Sinn. Ich glaube, die Hirnzellen verschlingen am Ende Tschmäen und Ka, und das hat mit seinem Völlen Senilmann selber getan.
Aber vielleicht bin ich ja so früh wach (und fit und munter; zu munter, siehe Loreley), weil ich mich selbst vorprogrammiert habe (eines meiner Lieblings-Oberlehrerwörter, denn alles Programmieren ist Vorprogrammieren). Geplant war, ganz früh aufzustehen, Blog zu schreiben, Montagsthemen vorzuthematisieren, über die Sauerlandlinie nach Bergneustadt zur Welpenstunde zu düsen, zurückzufahren, BVB live gucken und dann die Montagsthemen zu schreiben. Doch der Züchter hat gemailt, dass die Stunde wg. Wetters ausfällt, also muss ich die allerliebste Zielgruppe nebst Hundchen nicht begleiten. Aber schon auf das Tagesprogramm programmiert, war ich zur Zurückschießenszeit schussmunter zur Stelle.
Stimmt das eigentlich alles, was ich im Blog an Privatem rumbrabble? Natürlich nöö. Nur manches. Ob es zum Beispiel stimmt, dass ich die allerliebste Zielgruppe gestern öffentlich tief bedauert habe, dass sie seit ein paar Wochen jede Nacht zweimal mit dem Hundchen rausmuss, das zum Pipimachen fiept, und ich dann, statt wegen meines Mitgefühls als empathisch vorbildlich frauenverstehendster Menschenmann gelobt zu werden, als alter, verwöhnter Macho in die Ecke gestellt werde und es erst gar nicht verstehe („Wie oft bist Du schon nachts rausgegangen?“ – „Ich? Ähhhh. Wieso ich?“ – „Unglaublich!“) … und wie bring ich dieses hypotaktische Satzungetüm grammatisch einigermaßen korrekt über die Bühne? … so vielleicht? … müssen Sie selbst entscheiden.
Endgültig vorbei war die Nacht, als sich Schandis kakophonisch zwischen die Katschemäen drängten. „Sie spielen doch nur Räuber und Schandi“, das wollte ich mir als Stichwort merken, als ich gestern in den Nachrichten hörte, dass sich ein paar Eintracht-Fans mit Freiburgern gekloppt haben. Und so was kommt in den Nachrichten! Da bin ich dann doch mal „ganz nah“ bei den Fans. Man kann’s auch übertreiben. Echter Krawall ist die eine Seite, Pyromanie in dichter Menschenmenge ebenfalls, da verstehe ich keinen Spaß (dass Hoeneß sich einen Spaß macht, die Feuerwerkerei bayernhoffähig zu machen, lass ich unkommentiert; mittlerweile fühlt er sich wohl sakrosankt wie ein Altkanzler, der auch sagt, was er will und dafür Beifall bekommt), aber wenn ein paar böse Frankfurter Buben ein paar braven Freiburger Jungs die Schals klauen, gehört das nicht in die Nachrichten, sondern in die Rubrik „Räuber und Schandi“ spielen.
Schandi. Auch so ein Wort aus uralten Zeiten. Als wir es gespielt haben, nie darüber nachgedacht, was es bedeutet. Erst Jahre später fiel der Groschen: Der Schandi war ein eingehessischter Gendarm.
Mal kurz in die Nachrichten der Nacht reingucken: „32 Verletzte bei Nascar-Rennen.“ Wird bestimmt ein Youtube-Hit. / „Piraten leiden unter dramatischem Mitgliederschwund.“ Es gibt sie doch, die Schwarmintelligenz! / „Miss Germany: ‚Ich trage die Krone für Deutschland'“ Prima. Besser als für Deutschland zurückzuschießen. / „George Harrison würde 70.“ Ach, der gute Georgie. Früher sahen viele so aus wie er, und das kam bei den Mädchen so was von an! Zum Neidhassen! Ich dagegen sah eher aus wie der nächste runde Geburtstagler: „Gert Fröbe vor 100 Jahren geboren.“ Und zwar wie Gert Fröbe lange vor „Goldfinger“, so knochig wie als „Otto Normalverbraucher“.
Und was gab’s bei „Wetten dass?“. Guck ich ja schon lange nicht mehr, war mal jahrelang Montagsthemen-Lieferant, seit Gottschalks Abgang nicht mehr. Oha, gestern muss es ja ganz hart gewesen sein: Der Wettgewinner öffnet mit den Speichen des Fahrrads Bierflaschen und heult dann, weil er die Wette zusammen mit seinem verstorbenen Vater ausgeheckt hatte. Wie gut, dass ich’s nicht gesehen habe. Auch Heino war da, der neue Rocker. Diese Geschichte ist derart blöd, dass man kein Wort dazu sagen sollte. Oder wenn doch, dann nur, wenn man eine geniale Seite-3-Geschichte schreiben kann wie Holger Gertz in der Süddeutschen. Ein, zwei Zitätchen fallen für „Ohne weitere Worte“ ab.
Kaffee-Nebenprodukt: Der Neffe hat sein Profilbild geändert. Nun mit Welpe. Ich würde das Hundchen ja auch gern mal mit Bildchen im Blog präsentieren. Würde auch gerne ein altes Foto, das ich Al Feuerbach mailen will (Hi Al, you remember Hannover 1975?), zur Belustigung freigeben. Aber aus irgendeinem Grund hat sich die Word-Press-Seite geändert, es gibt keine Werkzeuge mehr fürs Schriftbildändern und keine anklickbaren Stellen, um Fotos reinzuladen. Wahrscheinlich ist es nur ein Millisekundenhandgriff, aber ich bin zu stur, um Hilfe zu bitten. Aber wenn Sie … ach was, ich will das, was ich schon als Kind gewollt habe: Alleine machen!
Der Streuwagen kommt! Wieviel Uhr ist es? Was, schon sieben? Ganz schön lange rumgebrabbelt. Jetzt aber Schluss.

Veröffentlicht von gw am 24. Februar 2013 .
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Dienstag, 19. Februar, 12.10 Uhr

Neben den drei Standard-Kolumnen Montagsthemen, Ohne weitere Worte und Sport-Stammtisch schreibe ich in dieser Woche auch eine umfangreiche Blog-/Mailbox-Kolumne für Donnerstag (morgen nehmen die Kollegen wohl eine aktuelle Bayern-Kolumne ins Blatt, für Freitag schreibt wieder turnusgemäß Kollege mi) und eine Nach-Lese fürs Samstag-Feuilleton. Um nicht ins Schleudern zu kommen (vor allem für die Feuilleton-Kolumne muss ich noch einiges vorarbeiten), habe ich die Blog-/Mailbox-Kolumne gestern begonnen und heute mit etlichen Mühen (Kürzen, wo’s Kürzen besonders schwerfällt) fertiggestellt. Warum ich das überhaupt erwähne? Klicken Sie bitte in die Mailbox, lesen die Zeilen von Henning Sievers … haben Sie? … und jetzt diese Anmerkung (die ich ihm gemailt habe):

„Gerade im Moment habe ich eine Blog/Mailbox-Kolumne für die Donnerstagausgabe fertiggemacht, mit Ach und Krach und vielen Kürzungen in das zur Verfügung stehende Layout gezwängt. Sie wissen hoffentlich, dass ich Kritik nicht verschweige, im Gegenteil, sie bereichert die Kolumnen mehr als Zustimmung, Ihre diesmal auch wieder. Ich würde es aber nicht schaffen, Ihre Mail auch noch ins Layout zu zwängen, das sowieso schon bis ans Ende der Seite geht, ohne andere Mails rauszuwerfen. Sie kommen mit Ihrer Kritik aber in die Mailbox, ich werde auch diese Anmerkung in den Blog übernehmen, eventuell ergibt sich daraus eine Diskussion mit den Lesern. Von mir nur so viel dazu: BVB/Eintracht: Okay, wenig dagegen einzuwenden. Armstrong: keine Übereinstimmung.“

Die Anmerkung ist mir auch wichtig, weil in der Donnerstag-Kolumne manches freundliche Lob von Lesern steht (die allerliebste Zielgruppe, die zu besonders dezenter Zurückhaltung neigt, drängt stets darauf, Leser-Lob gar nicht erst öffentlich zu machen, was ich meistens auch befolge), da wäre die sachlich-kernige Kritik ein schöner Gegenpol gewesen.

Veröffentlicht von gw am 19. Februar 2013 .
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Sonntag, 17. Februar, 6.10 Uhr

Neugierige Online-Leser wollen unbedingt wissen, um was es im letzten Absatz des Sport-Stammtischs ging. Da einer, der besonders hartnäckig nachfragte, weit weg wohnt und meinem Aufruf zum Kaufen des Blattes nicht folgen kann, lasse ich mich breitschlagen (zerschlagen bin ich sowieso schon nach einer schlaflosen Nacht …ooooch? … ja, Dankeschön für die Empathie). Die Anzeige auf der Stammtisch-Seite war ein Veranstaltungshinweis für einen „Trennungsworkshop nur für Männer“.
Weint Eisenhans? Rennt er in den Wald und umarmt statt seiner Frau eine schöne deutsche Eiche? Sorry. Die Strafe für den Spott folgt nicht auf dem Fuß, sondern gab es schon im voraus. Siehe Nacht.
Ein Trennungsworkshop war früher so unbekannt wie ein Zerknalltreibling. Obwohl eine Trennung ja auch ein Zerknall ist, und irgendein Treibling steckt immer dahinter. Frühmorgensidee: Soll ich daraus eine „Nach-Lese“ machen? Ich darf nächsten Samstag wieder den Kollegen mm vertreten und weiß noch nicht, worüber ich schreiben soll. Trennungsworkshop, Zerknalltreibling, Anglizismen, Fremdwörter überhaupt, Eindeutschungen, dazu natürlich Goethe mit seinem „Gesichtserker“ (Nase), das wäre eine Option. Vielleicht mit Stalaktiten und Stalagmiten – mit der ewigen Frage, die mein Brockhaus schon oft beantwortet hat, von mir aber immer wieder vergessen: Was von beiden ragt von unten nach oben, was hängt von oben nach unten? Etwa Stalaktiten? O, da werd ich ja unfreiwillig noch zum Brüderle mit den hängenden Stalak… pfui Teufel.
Einn anderes Thema wäre ein Klub der toten Dichter: Reginald Hills neues und letztes Buch, das ich gelesen habe, Magdalen Nabbs letzten Florenz-Krimi, den ich nicht gelesen habe, nach dem Hirnschlag-Tot von Magdalen Nabb aus seltsamer Scheu oder Pietät ungelesen ins Lieblingskrimi-Regal verbannt. Vielleicht mit einem Schwenk zu Schirrmachers neuem Buch, das man kaum noch lesen muss, soviel ist schon darüber geschrieben worden.
Dritte Option: Aus meinem eigenen Workshop, der „So wahr das“-Puzzlearbeit, von der ich immer noch nicht weiß, ob und wie ich sie umsetzen soll, ein paar schöne Fundstücke aus unseren Blättern von 1952 zusammenstellen. Herrliche Sachen dabei, „Bimbos“ und „Veronikas“, Erfindungen aus Mittelhessen (die Gummisohle!), Klosterfrau-Melissengeist- und andere heute abgedreht wirkende Werbung.
Was soll ich nehmen? Tendenz momentan: „So wahr das“. Ich lasse mich aber gerne beeinflussen. Was meinen Sie?
Und was ist ein „Zerknalltreibling“? Bitte nicht nachgoogeln, das wär ja Spielverderberei. Oder kennt sogar der hinterletzte Nebenstrang im Netz ihn nicht, den Zerknalltreibling? Denken Sie doch bitte erst einmal nach. Ich kann sowieso jetzt nicht googeln, dazu müsste ich raus aus dem Blog und dann wieder rein, das ist mir zu umständlich. Ich habe den Zerknalltreibling bei Kempowski gefunden, in seinem Dorfschullehrerroman „Heile Welt“ (habe ich Dorfschullehrerroman richtig geschrieben? Schriftbild sieht seltsam aus mit den beiden „ll“ und „rr“; aber stimmt doch, oder?). Ja.
Bevor ich den Zerknalltreibling auflöse ein Blick in die Meldungen der Nacht. Das ist nicht umständlich, dazu drücke ich nur auf „A“ und bin parallel bei den Agenturen. Kurze Sichtungspause.
Wieder da. Nichts Weltbewegendes. Nur ein Interview mit Yoko Ono anlässlich der Frankfurter Ausstellung, darin (im Interview, nicht in der Ausstellung) eine hübsche Passage: „Sie wollen mit 80 ein neues Leben beginnen. Gab es denn im alten Leben etwas, das Sie gerne ungeschehen machen würden?“ – Ono: »Nein, Sie können nicht zurückschauen. Die Vergangenheit ist wie verschüttete Milch.“
Die Vergangenheit ist wie verschüttete Milch. Darüber muss ich nachdenken. „So wahr das“?
Und nun noch der Zerknalltreibling. Aus Kempowskis Roman (gestern erst zu Ende gelesen): „Frühsport wurde also abgesagt, statt dessen wurde ein Morgensingen anberaumt. Es war einer Art Morgenandacht nachempfunden, mit Tagesspruch und Lied sowie aktuellen Tages-Gedenk-Mitteilungen, die der Kursleiter von einem Kalenderblatt ablas: daß Annette von Droste-„Hülsdorf“ an diesem Tag geboren sei und Benz den Vorderachsenantrieb seines Autos erfunden.“ – (habe ich das richtig abgeschrieben? Da ist doch ein Fehler drin? Ja, ich habe richtig abgeschrieben. Da fehlt ein „habe“. Aber jetzt kommt’s, denn so geht’s weiter:) – „‚Zerknalltreibling‘, so hatte man den ‚Motor‘ im Dritten Reich nennen wollen.“ Wirklich? Jetzt geh ich doch mal googeln. Und dann ran an die „Montagsthemen“ Bis dann.

Bin schon wieder da (7.03 Uhr), das muss ich schnell noch loswerden: 7380 Treffer für „Zerknalltreibling“. Bin ich der einzige, der das Wort nicht kannte?

Veröffentlicht von gw am 17. Februar 2013 .
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Freitag, 15. Februar, 17.15 Uhr

Wie im Sport-Stammtisch versprochen (steht online, siehe rechts) folgen zwei ältere Texte zu Oscar Pistorius und Udo Beyer. Zunächst aber eine Anmerkung zum Text von Dr. Hans-Ulrich Hauschild (siehe „Mailbox“): Die Aufforderung zur Stellungnahme fordert mich, da kann ich nicht „aus der Lameng“ einfach losschreiben. Um antworten zu können, muss ich erst nachdenken. Ähnlich geht es mir bei einem anderen Thema: Die Pfarrer-Zeitschrift (Sie erinnern sich? Erstes Thema: Der Zweite, der der erste Verlierer ist) hat mich gebeten, einen Text zu ihrem Thema „Auszeit“ zu schreiben. Will ich gerne tun, muss aber auch hier erst meine Gedanken sammeln, denn die Auszeit im Sport, über die ich schreiben soll, hat mit dem Auszeit-Thema der Zeitschrift nun mal gar nichts zu tun, nichts mit „Innehalten“, „zur Ruhe kommen“, „sich sammeln“, „abschalten“ usw. Im Gegenteil. Redaktionsschluss ist erst im Mai, da habe ich noch genug Zeit. Beim Hauschild-Thema bin ich hoffentlich früher schreibbereit.
Und nun die alten Texte. Zunächst Pistorius (Text von 2007), dann eine Doppelfolge Beyer aus der Serie „Von Olympia nach Athen“ (2004)

Eine ganz andere Frage der Sportmoral

Der 20 Jahre alte Südafrikaner Oscar Pistorius, 400-Meter-Bestzeit 46,34 Sekunden, will an der Leichtathletik-WM in Osaka/Japan (25.8.-2.9.) teilnehmen. Warum auch nicht? Wo ist das Problem? Die Zeit ist ordentlich, und da es in Südafrika keine drei Schnelleren gibt, dürfte einer Nominierung nichts im Wege stehen. * Das Problem: Oscar Pistorius ist an beiden Oberschenkeln amputiert. Er läuft mit Carbonfieber-Spezialprothesen, und das verwandelt eine aus »normaler« Sicht ordentliche Zeit von 46,34 Sekunden in eine phänomenale, eine kaum fassbare Leistung. Seit dem Jahr 1967, als die damals schier unglaubliche Nachricht von einem US-Hochspringer bekannt wurde, der rückwärts die Latte überquerte und mit diesem verrückt-ulkigen Stil Weltklasse-Höhen meisterte, hat mich keine Meldung aus der Leichtathletik mehr verblüfft als diese 46,34 Sekunden eines beidseitig Beinamputierten. * Doch jetzt will Pistorius nicht nur bei Paralympics, sondern auch bei den Weltmeisterschaften der Nichtbehinderten starten. Noch ziert sich der Weltverband IAAF, der erst entscheiden will, nachdem der Beinamputierte am 15. Juli in Sheffield ein Rennen gegen 400-m-Olympiasieger Jeremy Wariner (USA/Bestzeit 43,02) bestritten hat. Was ein Skandal, eine beispiellose Diskriminierung ist: Ein Behinderter darf nur bei den Nicht-Behinderten starten, wenn er gegen den aktuell Weltbesten besteht? Damit unterliegt die IAAF einem fundamentalen Missverständnis: Es darf nicht darum gehen, wie gut oder schlecht Pistorius gegen Wariner abschneidet – das ist nur ein interessanter Schaulauf und hat mit echtem Wettkampfsport nichts zu tun. Es geht vielmehr um die Basis des Sports – und, nun ja, auch um seine Ethik und Moral, diese in der Dopingfrage überstrapazierten Begriffe. * Soll der beinamputierte Sportler bei der WM in Osaka starten dürfen? Bei einer repräsentativen Umfrage würden wohl über 90 Prozent der Befragten die Frage ohne lange zu überlegen bejahen. Wer aber behauptet, es sei zutiefst unsportlich, dem großen Sportler Pistorius die Teilnahme zu verweigern, dem schlüge ethisch-moralische

Verachtung entgegen. Ich wage es trotzdem – und bitte um Ihre Bedenkzeit. * In der »Zeit« lese ich einen Bericht über den Biomechaniker und Maschinenbauer Hugh Herr, der als Jugendlicher beim Klettern beide Unterschenkel verloren hatte und später begann, über künstliche Gliedmaßen zu forschen. Seitdem stellt Hugh Herr immer weiter verbesserte motorisierte High-tech-Prothesen her, mit zwei von ihnen lief Pistorius seine Bestzeit. Schon in wenigen Jahren, Herr ist absolut sicher, wird ein Amputierter mit seinen Prothesen schneller laufen können als jeder Nichtamputierte. Und besser klettern – denn dafür schraubt sich der Amputierte Spezialfüße an die Prothese, die in dünnen Spitzen enden, so dass man auf kleinsten Trittflächen stehen kann, für die ein normaler Fuß zu groß ist. Herr arbeitet an den verschiedenartigsten Spezialprothesen, auswechselbare Titanfüße für die verschiedensten Gelegenheiten: Laufen, Klettern – oder um gefahrlos, weil optimal gefedert, aus dem dritten Stock springen zu können. Eine faszinierende Entwicklung, die stürmisch voran«schreitet«, auch weil genügend Forschungsgeld vorhanden ist: Herr wird vom Pentagon gesponsort, da schon bald tausend Soldaten mit fehlenden Gliedmaßen aus dem Irak zurückgekehrt sein werden. * Doch zurück zum Sport: Vor zwanzig Jahren hätte kein amputierter Sportler bei den Nichtamputierten starten wollen. In zwanzig Jahren wird dies auch niemand anstreben: Zu chancenlos wären die beidbeinig Naturfüßigen. Dass die Forschungslage derzeit einen sportlichen Zeitvergleich überhaupt zulässt, ist nur eine trügerische Momentaufnahme und sollte nicht zum Anlass genommen werden, Unvergleichliches wettkampfmäßig mit- und aneinander zu messen – allein schon aus Respekt vor dem jeweiligen sportlichen Können, dessen Qualität nicht von der (egal ob scheinbar besseren oder schlechteren) Leistung des Kunst- oder Naturfüßigen abhängt. * Falls es doch einmal gemeinsame Starts bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen geben sollte – auf welche Idee die Ehrgeizigsten unter den Naturfüßigen dann kommen könnten . . . das will ich lieber nicht mal andeuten.

Zwischen Olympia und Athen (41/2/1) Auf der Suche nach der Seele des Sports

Wir suchen nach der Seele des Sports und stehen vor einem Grab. Ein Kindergrab in Potsdam. Hell und bunt, liebevoll gepflegt und geschmückt. Todtraurig und lebensbejahend. Vor dem Grab steht ein großer, massiger Mann. »Wenn ich mal nicht weiter weiß, komme ich hierher. Dann geht’s wieder.«
Vor dreißig Jahren ging der junge DDR-Kugelstoßer Udo Beyer, ein 18-jähriges Ausnahmetalent, wie es die Sportwelt seit Randy Matson nicht mehr gesehen hatte, bei den Europameisterschaften in Rom in die Pressekonferenz mit den Medaillengewinnern, seinem Mannschaftskameraden Briesenick, dem Westdeutschen Reichenbach und dem Briten Capes. DDR-Stoßer Briesenick hatte gewonnen, saß aber verkrampft und fast unbeachtet neben den beiden anderen, die sich locker und entspannt auf englisch mit den Journalisten unterhielten. Beyer, nicht zum Siegen, sondern zum Schnuppern von und zur Gewöhnung an internationale Wettkampfluft mitgenommen (was im übrigen ein altes BRD-Vorurteil gegenüber dem DDR-Sport widerlegt), nahm sich in diesem Augenblick vor: »Wenn ich einmal Erster werde, will ich nicht wie ein Plebs danebensitzen.« Also lernte er Englisch, eine in seiner Heimat nicht gerade erwünschte Fortbildung.
Diese Geschichte ist seine erste Antwort auf die Frage nach der Seele des Sports, denn sie hatte ihn in der Seele getroffen und er seine Konsequenzen daraus gezogen, die über den Sport hinausgingen. Lebenshilfe durch den Sport. Wir kommen darauf zurück.
Udo Beyer wächst in einer Familie wie aus dem sozialistischen Lehrbuch auf: Mutter Putzfrau, Vater Heizungsmonteur, fünf Geschwister. Regimegegner war er gewiss nicht. Spartakiadesieger, Aktivist, Verdienter Meister des Sports, Träger des Vaterländischen Verdienstordens, NVA-Offizier, Kapitän der DDR-Nationalmannschaft – aber immer anständig, ehrlich, geradeheraus. Wenn es den Begriff »Kumpel« nicht gäbe, für Udo Beyer müsste er erfunden werden. In der DDR wurde er geliebt wie heute in ganz Deutschland Rudi Völler: viele Fans, keine Feinde, ein Mann des Volks und für das Volk. Undenkbar, dass er »hintenrum« jemanden anschwärzen, gar Spitzeldienste leisten könnte. In seiner Persönlichkeitsstruktur ist so etwas nicht vorgesehen.
Es sei ohnehin falsch, das sportliche mit dem gesellschaftlichen System gleichzusetzen: »Der DDR-Leistungssport war Kapitalismus im Sozialismus. Jetzt haben wir in der Wirtschaft das Leistungsprinzip übernommen, im Sport regiert aber in Deutschland die Planwirtschaft, und das ziemlich planlos«, spannt Udo Beyer den Bogen in die trübe Gegenwart und Zukunft der deutschen Leichtathletik. Die Vergangenheit spart er nicht aus, auch Doping ist kein Tabu-Thema für ihn, doch bedauert er, »dass nach der Wende eine intelligente Art der Aufarbeitung verpasst wurde«. Statt beiderseitiger Aufarbeitung der sozialistischen und kapitalistischen Dopingsysteme nur einseitige Schuldzuweisung – da macht eine ehrliche Haut nicht mit.
Bei einem wie ihm wird man kein einziges mieses Spitzel-Gen finden – aber massenhaft exzellente Sport-Gene. Eltern sportlich, alle Geschwister erfolgreiche Sportler, Bruder Hans-Georg 1980 Handball-Olympiasieger, Schwester Gisela Olympiavierte mit dem Diskus – und derartig vorbelastet gewann Udo schon 1976, als gerade mal 20-Jähriger, Kugelstoß-Gold bei Olympia in Montreal. Später stieß er dreimal Weltrekord (Bestleistung: 22,64 m), erlebte Höhen und Tiefen (1980 in Moskau als haushoher Favorit »nur« Bronze) und galt schon in jungen Jahren bei seinen westlichen Konkurrenten als lebende Legende, über die man staunend Trainingsleistungen von über 300 Kilogramm im Bankdrücken und 22 Meter im Kugelstoßen aus dem Stand zugeraunt bekam. Nach der Wende wurden die Konkurrenten (zum Beispiel Ralf Reichenbach) zu Freunden des knapp zwei Meter großen Dreizentnertrumms und fanden die Legenden als Tatsachen bestätigt. Wenn uns also auf unserer schon vierjährigen Sinnsuche die Historiker, Psychologen, Soziologen, Verhaltensforscher, Literaten und Philosophen immer noch nicht entscheidend weitergebracht haben, dann müssten wir doch wenigstens bei diesem großen Athleten, Weltrekordler und Olympiasieger eine Ahnung von der Seele des Sports bekommen können.
Also fahren wir hin zu ihm, nach Potsdam, genauer gesagt nach Babelsberg, seinen geliebten Heimatort. Der freundliche Riese, mittlerweile auf 130 Kilogramm nicht gerade abgemagert, holt uns am Bahnhof ab, will mit uns in sein Reisebüro fahren, das er 1996 eröffnet hat. Doch auf dem Weg dorthin ändert er plötzlich die Fahrtrichtung. »Fahren wir lieber erst mal bei meiner Kleenen vorbei.« Zum Friedhof also.

Zwischen Olympia und Athen (41/2/2) Auf der Suche nach der Seele des Sports

Vor drei Jahren ist Udo Beyers jüngere Tochter Sophia gestorben. Mit elf Jahren, in den Armen der Mutter, bei einem Ostseeurlaub, kurz nach der vierten Herzoperation des Mädchens. Ein Schicksalsschlag, dessen Wucht Außenstehende auch mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen nicht angemessen nachempfinden geschweige denn in Worte fassen können.
Wir stehen am Grab seiner Tochter. Kann er darüber reden? Ja, er will es sogar. Die ältere Tochter dagegen kann es nicht. Katja hatte ein inniges Verhältnis zur Schwester, aber sie spricht nicht mit ihm über den Tod. Beyer respektiert das, seine Frau Rosi ebenfalls. Der Schicksalsschlag hat das Ehepaar noch enger aneinander gebunden. Nach dem Tod Sophias haben sie begonnen, intensiv Rad zu fahren. Beyer war zuvor fast zehn Jahre lang sportlich nicht mehr aktiv, wog zwischenzeitlich 167 Kilogramm. Seitdem unternimmt er ausgedehnte Radtouren, am Tag vor unserem Treffen war er mit seinem Bruder auf einer Sechzig-Kilometer-Fahrt unterwegs. Schnitt: 32 km/h. Und das als knapp 49-Jähriger, mit 130 Kilogramm Lebendgewicht und auf einem notwendigerweise sehr stabilen und schon recht betagten Mountainbike. Ein Ausnahmesportler eben, der zwar seit Jahren kein Bankdrücken mehr macht, aber auch ohne Training jederzeit noch 180 Kilo stemmen kann. Jetzt fährt er Rad. Das gibt ihm sportliche Befriedigung, das hilft ihm. Er ahnt es ja selbst: »Sport kann auch eine Flucht sein.«
Aber keine Flucht vor sich selbst. Das wusste Udo Beyer schon als kleiner Junge – das heißt, so richtig »klein« war er nie, sondern mit 14 schon 1,94 m lang, kräftig sowieso. Für ihn war früh klar, was wir für uns – Gewinnen, Siegermentalität, Triumph über den Gegner und ob dies und falls ja in welchem Ausmaß unverzichtbar zum Wesen des Sportlerlebens und Sporterlebens gehört – noch nicht so recht auf die Reihe bekommen haben. Beyer: »Erst musst du gegen dich gewinnen, um gegen andere gewinnen zu können.« Daher beherzigte er von klein auf die Forderung seines Vaters: »Wenn du etwas machst, mach es richtig, und zwar mit aller Konsequenz.«
Konsequenz: Der Allroundsportler konzentrierte sich auf das Kugelstoßen, spielte auch nicht mehr Handball, obwohl er als überaus talentiert galt. Die Entscheidung gegen den Mannschaftssport fiel ihm nicht schwer: »Ich wollte keine Medaille teilen.«
Am heutigen deutschen Sport stört ihn, dass vielen schon das Mittelmaß genügt. »Das Anspruchsdenken ist zu gering.« Beyer zieht den aparten Vergleich: »Wie wenn man bei Mercedes schon zufrieden wäre, dass die Autos überhaupt fahren.« Mittelmaß reicht vielen, weil Mittelmaß schon Geld garantiert. »Aber bei wem das Materielle an erster Stelle steht, der wird nie ein Weltklassesportler. Darauf gebe ich Brief und Siegel.«
Und der Profi-Fußball? »Das ist für mich kein Leistungssport. Fußball ist Fußball, er hat andere Gesetze, das sollte man respektieren.« Also kein Hochmut des hart trainierenden Individualsportlers, obwohl der bei gemeinsamen Trainingslagern schon mal die DDR-Fußballer Trainingseinheiten absolvieren sah, »die für uns nicht mal zum Aufwärmen gereicht hätten«. Doch der Erfolg im Fußball wird nicht allein über die Trainingsintensität erreicht, sonst wären die schlapp trainierenden DDR-Kicker gegen die noch viel schlappere westliche Konkurrenz mehrfacher Weltmeister geworden. Beyer weiß, wie vergleichsweise einfach es ist, die Höchstleistung eines Leichtathleten bei Olympia über Monate hinweg vorzubereiten, und wie kompliziert und langfristig unplanbar, Woche für Woche in Bestform antreten zu müssen.
»Man muss Sport wollen, vom Herzen und vom Kopf her. Sport ist Ausdruck eines Lebensgefühls. Ich wollte auch anderen Freude bereiten – nicht unbedingt Erich Honecker, sondern 17 Millionen Menschen. Das ist meine innere Überzeugung. Ich war gerne für die Menschen da.« Der Hobby-Radfahrer findet heute »viel mehr Aspekte im Sport als früher. Sport ist eine der angenehmsten Formen, ein Lebensgefühl auszudrücken. Eines der letzten Gebiete des Lebens, das man selbst bestimmen kann.«
Nach dem Besuch am Grab fahren wir nicht ins Udo-Beyer-Reisebüro, sondern in seine Wohnung. Über Sophia reden, Bilder anschauen, von den letzten Urlaubstagen, von der Beerdigung, vom offenen Sarg. Das Mädchen kam mit einem Herzklappenfehler zur Welt, kämpfte, litt und lebte dennoch froh und glücklich, machte auch Udo Beyer glücklich, der »dankbar für die elf Jahre« ist. Sophia wusste von der möglichen frühen Endlichkeit ihres Lebens und lebte daher bewusster, intensiver und auch »weiser« als andere Kinder ihres Alters. Sophia heißt (griech.-lat.) Weisheit, in Platons Sinne die des Wissens von den göttlichen Ideen, die in ihrer Reinheit nur von der körperlosen Seele geschaut werden.
Wir verabschieden uns. Udo Beyer will heute Abend noch eine lange Runde fahren. »Je näher der Todestag rückt, desto intensiver fahre ich Rad.« * »Sport kann auch eine Flucht sein.« Eine Flucht nicht vor dem Leben, sondern dem Leben standhaltend. »Ohne Sport geht’s halt nicht.«

Veröffentlicht von gw am 15. Februar 2013 .
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Baumhausbeichte - Novelle