Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Ludger Behnen zum Martenstein-Zitat in “Ohne weitere Worte”

Ich nehme zwar an, dass wir zu diesem Thema unterschiedlicher Meinung sind, aber – großes Kompliment! – Sie gehören zu den wenigen Konservativen (sind Sie das überhaupt? Ich meine mich zu erinnern, dass Sie sich selbst so sehen), mit denen ich Lust habe mich auszutauschen; liegt vermutlich an ihrem sehr angenehmen selbstironischen Humor; und daran, dass Sie auf meine erste Mail so freundlich geantwortet haben; und … (ach was, bevor Sie abheben, lege ich endlich los:)
Ich weiss ja (steht ja auch drüber), dass „Ohne weitere Worte” auch „Peinliches, Schräges, Dümmliches” enthält. Aber irgendwie sagt mir mein Gefühl, das Zitat von Harald Martenstein sollte eher ein (einigermaßen) witziger, „erhellender” Beitrag zur unmäßigen Steuergier des Staates sein. Wenn das so sein sollte, möchte ich eine „erhellende” Polemik dagegenstellen:
Der Steuersatz von 75% in Frankreich sollte für Menschen ab 1 Million Euro Jahreseinkommen (Einkommen! Nicht Vermögen! Also: Zuwachs des Vermögens!) gelten. Ich hab mir mal die Mühe gemacht, Herrn Martenstein im Original weiter zu lesen: „Jeder Sparkassendirektor verdient mehr als ein namhafter Kolumnist. (…) Der bestverdienende Sparkassendirektor Deutschlands (…) bekommt jährlich 593.000 Euro, brutto” – und fiele nicht einmal mit diesem Einkommen in die 75%-Steuerklasse. Herr Martenstein braucht also bestimmt nicht zu befürchten, dass „sie” (Die Bösen? Die Sozialisten?) ihm das bisschen, „was ich kriege” (Ursprung von „kriegen”: „sich durch Krieg aneignen”!), „wegsteuern” (Wieso „weg”? Benutzt er nicht auch öffentliche Straßen, schickt seine Kinder in öffentliche Schulen, akzeptiert das öffentlich subventionierte Gehalt von Bank- und Sparkassendirektoren …?).
Aber das befürchtet er ja auch gar nicht; er will nur Stimmung machen: ‚Wir alle strengen uns so sehr an, und von dem bisschen, was wir dafür kriegen, bekommen wir dann noch 75% weggenommen …’
Neben dieser bedrohlichen 75%-Stimmungsmache stehen absolute Zahlen: Ein Einkommens-Millionär, der 75% Steuern zahlt, hat ein Netto (!) -Jahreseinkommen von mindestens 250.000 Euro (!). Ich würde sagen, damit sollte sich jemand dankbar bescheiden, dessen große Leistung es ist, eine Zeitlang so zu tun, als wäre er ein dicker, kluger Gallier …
Und auch jemand wie Herr Martenstein, dessen große Leistung es ist, Stammtischparolen niederzuschreiben, sollte meines Erachtens erheblich höher besteuert werden – immerhin scheint er damit so viel zu verdienen, dass er genug für eine Auswanderung in die Karibik beiseite legen kann, wovon andere, die nicht weniger, wahrscheinlich härter und höchstwahrscheinlich sinnvoller arbeiten, nur träumen können …
Also: Steuern hoch, damit Herr Martenstein endlich auswandert! Weg isser!
(Und hoffentlich pinkelt er in genau das Flugzeug, das ihn in die Karibik bringt …) (Ludger Behnen)

Baumhausbeichte - Novelle