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Sonntag, 27. Januar, 6.20 Uhr

Rausgelinst: Schneeeisregenwalze lässt noch auf sich warten. Dennoch ein schöner Vorteil des neuen Schreiberlein-Schreiberseins mit Tunnelblick durch das Tunnelsystem, dass notfalls der ganze Sonntag im warmen, trocknen Zimmerchen verbracht werden kann und nicht zweimal in die Redaktion  jeweils hin- und zurück gefahren werden muss.

Schnell das Wichtigste der dpa-Nacht abgehakt: Joey Heindle wird 75 und Tony Marshall ist Dschungelkönig. Oder so.

Und nun ans Eingemachte. Dazu bitte ich, zunächst rüberzuklicken und die Mail von Dr. Hauschild zu lesen.

Ist erledigt?

Dann also erst mal kurz zu Punkt eins: Bin ich da missverstanden worden? Ist der Spott auf „uns“ nicht erkennbar? Falls ja: mein Fehler.

Bei Punkt zwei muss ich weiter ausholen. Früher, sehr viel früher, war ich der Basketball-Reporter unseres Verlags. Und das kam so: Als Student in Heidelberg und Kugelstoßer beim dortigen USC hatte ich 1970/71 viel Kontakt mit den Heidelberger Bundesliga-Basketballern. Schon als freier Mitarbeiter der Rhein-Neckar-Zeitung schrieb und redigierte ich in Sachen Basketball. Vor und nach dem jeweiligen Training „räusten“ wir mit ein paar Bundesligaspielern auf einen Korb. Im Spiel eins gegen eins gewann ich oft gegen kräftige Center, denn die waren damals kaum größer als ich, wenn überhaupt, aber nur halb so kräftig (gegen kleine, wieselflinke Spieler hatte ich allerdings keine Chance). 1972 begann ich als Volontär in Gießen und übernahm durch diese Vorgeschichte gleich die Berichterstattung über den MTV 1846. Auch hier blieb ich buchstäblich am Ball, denn ich trainierte in der Osthalle parallel mit den Basketballern (und spielte mit ähnlichem Erfolg und Misserfolg „Eins gegen  eins“), was auch hier beste Insiderkenntnisse mit sich brachte, denn als ständiger Trainingsbeobachter und Davor-Danach-Miträuser war ich topinformiert über die Vorbereitung auf den nächsten Gegner, die Strategie des Trainers und die Form der Spieler. Die meisten von ihnen blieben, wie in Heidelberg,  jahrelang im Verein, Fluktuation gab es kaum, und selbst der eine erlaubte Amerikaner (der eine erlaubte Ausländer im Team war immer ein Amerikaner) war kein Ein-Jahr-Legionär, sondern blieb meist mehrere bis viele Jahre und war zudem fast immer der bewunderte Held der Fans (Ausländerfeindlichkeit? Gab’s nicht. Nur das Gegenteil. Auch das geflügelte Insider-Wort „Schwarz muss er sein und hüppe muss er könne“ war ressentimentfreie Frotzelei und kein Rassismus, sondern eher die Übersetzung der resignierten Erkenntnis: White boys can’t jump). Nach einiger Zeit gab ich mein  Basketball-Amt an den Kumpel und Kollegen Helmut Schwan (ging später zur FAZ) ab und schrieb nur noch ab und an Randstorys und Kommentare. Im Lauf der Jahre (jetzt sind wir schon in den 90ern) verlor ich langsam, aber sicher das Interesse am Bundesliga-Basketball. Die neuen Ausländer-Regeln (immer mehr pro Team erlaubt) förderten das Wandersaisonarbeitertum und das Verschwinden der Identifikation. Die Eventisierung, die alberne Amerikanisiererei (diese Vereinsnamen! Dieses Puschel-Gehoppse!), die Auslagerung in Betreibergesellschaften, in denen Dilettantismus und Großmannssucht eine unheilvolle Allianz einzugehen begannen und vor allem die in schier endloser Zahl und wachsender Geschwindigkeit vorüberziehenden, übererstklassig bezahlten und unterzweitklassigen Spielern aus immer mehr osteuropäischen Ländern (neben den Korbballern aus US-Freizeitligen, die hier gutes Geld verdienten) brachten mich immer mehr vom Bundesliga-Basketball ab, bis ich nicht nur nicht mehr darüber schrieb, sondern mich nicht einmal informierte und bald weniger wusste und vor allem wissen wollte als jeder Osthallenbesucher. Was in den letzten Jahren und nun aktuell im Gießener Basketball Sache war und ist, hielt ich also bewusst von mir fern. Ich wusste nur: Das kann nicht gutgehen, das wird nicht gutgehen. Da wird viel fremdes Geld (Sponsor-Geld, auch Quasi-Zwangsgeld von Gießener Bürgern und Steuerzahlern) gesammelt und mit x-bliebigen wechselnden Bratschipinskis im Team verdaddelt, um in der ersten Liga unten mitspielen und die Staffage für die oben Mitspielenden liefern zu dürfen, und wenn dann doch einmal die finanzielle und/oder sportliche Pleite drohte, wurden schon von irgendwoher ein paar Euro zusammengekratzt und/oder „e wild Katt“ geschenkt, um weiterdaddeln zu können, was aber immer nur eine Fristverlängerung vor dem irgendwann Unvermeidlichen war. Nun ist das Irgendwann da.

Dass ich darüber nicht schrieb und allenfalls mal einen Nebensatz im „Anstoß“ fallen ließ, hat zwei einfache Gründe. Der erste ist rein zeitungstechnischer Natur: Der „Anstoß“ erscheint im „Mantel“ unserer Zeitungen, also im überregionalen Sportteil aller unserer Ausgaben, die Basketball-Berichterstattung bleibt aber dem Gießener Lokalsportteil vorbehalten, da sie so ausführlich ist, dass das in den dem Basketball weniger verbundenen anderen lokalen Sportteilen unangemessen wäre (das Pendant dazu: Eishockey, der in unserer WZ die Rolle des Basketballs in der AZ spielt). Im „Anstoß“ verzichte ich daher auf beide Sportarten (na ja, ab und zu geht der Nowitzki-Fan mit mir durch). Oder haben Sie schon mal einen gw-Satz über Eishockey gelesen (wäre auch mangels Fachwissen sehr anmaßend)? Beim Basketball könnte ich, da die Gießen-Causa mittlerweile überregionale Wellen schlägt, durchaus auch im „Anstoß“ Stellung nehmen – nur fehlt mir auch hier selbstvordnet (siehe oben) das Insiderwissen, um seriös kommentieren zu können, über die gefühlte Abneigung (ebenfalls siehe oben) hinaus.

Letzte Anmerkung: Der Verleger unserer Zeitungen ist uraltes Vereinsmitglied und war lange Zeit maßgeblich im Hintergrund entscheidend mittätig. Was ich damals manchmal an Kritischem schrieb, hat ihm sicher gar nicht gefallen. Er sagte nie ein Wort dazu und ließ mich gewähren. Wir hatten immer und haben allerbestes Einverständnis. Auch heute noch.  Zensur findet nicht statt und würde ich mir auch nicht gefallen lassen.

So, das musste oder sollte mal gesagt werden. Und nun ran an die Montagsthemen. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle