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Sport-Stammtisch (vom 26. Januar)

Skandal! Fußball-Profi tritt Balljungen brutal in den Bauch! In welcher Welt leben wir denn? In dieser: Charlie, Sohn eines der Besitzer des FC Swansea, kündigt vor dem Spiel gegen Chelsea via Twitter an: »Der König der Balljungen ist zurück für seinen letzten Einsatz«, er werde gebraucht »for timewasting« (= zum Zeitschinden). Das tut er auch, denn als der Ball auf ihn zu rollt, wirft er ihn nicht schnell zurück, sondern sich auf den Ball und hält ihn fest. Eine selten idiotische Aktion, nur leicht übertroffen von der des Chelsea-Spielers, der den Ball unter dem Bauch des Jungen wegkicken will, was natürlich medial gar nicht gut ankommt und zum Youtube-Hit wird. Und nun ist der Junge weltberühmt. Was der echte Skandal ist.
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Auch Stalker wollen berühmt werden. Daher beherzigt Katarina Witt »seit 20 Jahren« den Rat eines Profilers »dass man darüber in der Öffentlichkeit nicht redet« (Quelle: »FR«-Interview). Von dem Balljungen über die Stalker zu den Krawallos rund um die Fußballstadien: Sie alle eint der Trieb, um jeden Preis wahrgenommen zu werden. Wirkungsvollstes Gegenmittel wäre die Witt-Strategie. Nur: Kaum jemand will sie anwenden. Vor allem nicht: die Masse der Medien.
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Was hat die große Aufmerksamkeit gebracht, die den protestierenden Fußball-Fans zuteil wurde? Nichts. Siehe Leverkusen. Doch, der Eintracht bringt sie etwas – eine der wahrscheinlich empfindlichsten Strafen, die bisher gegen einen Bundesligaklub ausgesprochen wurde. Sie wird allen schaden, dem Klub, den 99,9 Prozent Fußball-Fans – und sie wird nur der idiotischen Miniminderheit nutzen. Wirksamstes Gegenmittel: Identifizieren, bestrafen und ansonsten ignorieren.
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Sorry für den unpassenden Vergleich, aber auf anderer Ebene funktioniert das mediale Schweigen: Aus gutem Grund wird in der Presse über Selbstmorde sehr zurückhaltend bis gar nicht berichtet, um Nachahmungseffekte zu verhindern.
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Anderes Thema. Grundrecht auf Fußball. Das gibt es, hat der Europäische Gerichtshof jetzt festgestellt. Eineinhalb Minuten pro Spiel darf ein Fernsehsender auch ohne Senderechte übertragen, für lau. In Zeiten, in denen über die Zwangsgebühren der Öffentlich-Rechtlichen heiß diskutiert wird, macht das Urteil den Weg frei für eine komprimierte Sportschau, mit der viele, viele Millionen eingespart würden. Nur: Wer will das schon? Nicht die Sender, nicht die Fans, nicht die Liga. Denn dieses Grundrecht gibt es schon längst, die EU hat nur bestätigt, was seit 20 Jahren im Rundfunkstaatsvertrag steht.
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Dass es die Sender und ihre Moderatoren und Reporter nicht wollen, könnte ähnliche Beweggründe haben wie beim Balljungen, den Stalkern und den Krawallmachern – die Angst, nicht öffentlich wahrgenommen zu werden.
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Dass wir Deutsche in Europa als pingelige Finanzbürokraten wahrgenommen werden, sollte uns nicht allzu sehr ärgern. Denn in dieser Wahrnehmung schwingen auch Neid und Anerkennung mit. Und daher ernannte Arsenal-Coach Arsene Wenger natürlich keinen anderen als Per Mertesacker zum Schuldeneintreiber für die Mannschaftskasse. Sie motzen über uns, aber sie brauchen uns!
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Neue Zahlen aus dem Land meiner griechischen Freunde: Mit den Olympischen Spielen 2004 machten sie 6,5 Milliarden Euro Miese. Das könnte uns nicht passieren! Oder? Berliner Flughafen, Hamburger Elbphilharmonie … schweigen wir lieber fein stille. Das Klischee passt sowieso selten. Sonst hätte Wenger ja auch unseren Poldi zum Schuldeneintreiber ernennen können.
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Also kein innerer Reichsparteitag für uns, was in Griechenland geschieht (außerdem geht’s dort endlich langsam aufwärts). Sind Sie jetzt zusammengezuckt? An ihrem inneren Reichsparteitag wäre beinahe die Karriere der ZDF-Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein zerschellt, und ich schreibe das Tabu-Wort jetzt schon zum dritten Mal: »Für mich ist das ein innerer Reichsparteitag.« Na ja, ich hab ja auch keine Karriere, die zerschellen könnte. Außerdem sage das nicht ich, sondern FDP-Kubicki, weil sein alter Kumpel Buchholz (als Vorstandsboss von Gruner + Jahr ausgemustert) für die FDP in den Bundestag will. Warum? Fragen Sie alle jene oben, die unter mangelnder öffentlicher Aufmerksamkeit leiden. Jedenfalls hat der »Spiegel« Kubicki mit dem Reichsparteitag-Satz zitiert, ohne Kritik, ohne Nachhall, ohne Skandal. Vielleicht aus Mitleid mit der Partei, denn die ist mit ihren Kubickis, Brüderles und Schwesterles gestraft genug.
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Und da wäre noch der unvergleichliche Thomas Müller, der wegen des nicht nur ihn nervenden Guardiola-Hypes eine neue Zeitrechnung fordert: »Bis zum 31. 6. um 0:01 hat der Name Guardiola hier nichts zu suchen«.
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31. Juni? Ein Datum, ähnlich dem 35. Mai. Kennen Sie das Kinderbuch von Erich Kästner? Kompletter Titel: »Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee«. Übrigens reitet Konrad auf einem schwarzen Pferd namens Negro Kaballo. Sogar Kästner ein Rassist wie die Gebrüder Grimm, der Struwwelpeter-Autor und Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf mit ihrem »Negerkönig«-Vater! Auf den Index damit! Dies war mein Beitrag zur Pippi-Debatte. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle