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Sport-Stammtisch (vom 19. Januar)

Reifen aufpumpen. Armstrong lässt erkennen, warum er sieben Mal die Tour de France gewonnen hat. Nicht, weil er dopte. Sondern weil er nüchtern-kalt die Tatsache feststellt, dass Doping für ihn selbstverständlich und zwingend nötig war. Eben wie Reifen aufpumpen. Ein Satz, so brutal, wie Armstrong Radrennen fuhr und Gegner drangsalierte. Während sich ein Zabel verheult und ein Ullrich verklemmt-verschwitzt vor der Tele-Inquisition wanden, bleibt Armstrong cool und denkt ein paar Züge voraus. Strategie: Zugeben, was nicht mehr zu leugnen ist, verschweigen, was noch verschwiegen werden kann.
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Und dann? Kronzeuge? Eine Option zu seinen eigenen Gunsten und gegen den Radsport, zumal in der besonders (auch finanziell) vorteilhaften US-Variante als »Whistleblower« (»Pfeifenbläser«).
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Was sagen jetzt eigentlich alle seine Promi-Freunde, von Clinton bis Sarkozy?
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Natürlich hat sich Armstrong die Verachtung unredlich verdient. Wer diese Kolumne kennt, weiß, dass ich kein Fitzelchen Sympathie oder Mitgefühl für ihn aufbringe. Ärgerlich nur, sehr ärgerlich, wie spät diese Verachtung kommt (für die ich damals auch Leser-Kritik einstecken musste) und dass sie einhergeht mit dem sportlich abseitigen Reflex, er habe die Tour nur wegen Dopings sieben Mal gewonnen. Aber er hat sie nicht gewonnen, weil er gedopt hat, sondern weil er alles konsequenter, verbissener, brutaler und skrupelloser durchgezogen hat als andere – das Training, die mentale Vorbereitung, das Rennen, das Mobbing der Gegner, das Lügen … und das Doping.
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Alle hätten es wissen müssen, spätestens als Armstrong vor einem Jahrzehnt eine, sorry, verarschende und eine ungeheuerliche Aussage in den medialen Raum stellte. Als für ihn erstmals zu befürchten war, in den Monaten der Tour-Vorbereitung in Europa trainingskontrolliert zu werden, blieb er in den damals kontrollfreien USA und erntete von seinen heutigen Verächtern gerührte Anerkennung für den Grund: Er wolle sich mehr um seine Kinder kümmern. Die Konkurrenz ballte die Faust in der Tasche, die Medien feierten den guten Menschen aus Texas.
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Dann verstieg er sich in seiner anmaßenden Krebs-Besieger-Pose (statt Demut, Dankbarkeit und Mitgefühl mit den Nicht-Besiegern zu zeigen) zum Bekenntnis, dass Verlieren für ihn wie Sterben sei, und dass man mit allen Mitteln dagegen ankämpfen und siegen muss. Während alle Welt ihn noch für »sauber« hielt, in der naiven Annahme, dass ein vom Krebs Geheilter doch niemals dopen würde, hätte man lieber den finsteren logischen Schluss ziehen sollen: Wem Verlieren vorkommt wie sterben, der kämpft gegen das Verlieren mit den gleichen Mitteln wie gegen den drohenden Krebs-Tod, mit unbändigem Willen, besten Ärzten – und allem, was die Pharmazie zu bieten hat.
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Bevor ich mich allzu sehr wiederhole, nun zu einem ganz anderen Thema: Pep Guardiola. Ganz anderes Thema? Nun ja. Zunächst einmal: Klar, das ist ein großer Coup der Bayern. Außerdem wirkt der Mann ausgesprochen angenehm, auch auf mich. Wie ein Gegenmodell zu Fiesling Armstrong. Da bin ich wie ein ehemaliger Ministerpräsident »ganz bei de Leut«, sogar diesmal auch nahe bei den vor Begeisterung schier hyperventilierenden Medien-Leuten. Aber schon beim sportlichen Vorschusslorbeer wage ich Widerspruch. Nicht Guardiola, sondern Cruyff ist der Erfinder des Barca-Stils. Nur hatte Cruyff noch keinen Messi, Iniesta oder Xavi. Auch die hat Guardiola nicht erfunden, sondern nur vorgefunden. Und in der laufenden Saison ohne Guardiola bricht Barcelona alle Rekorde. In der Hinrunde 55 von 57 möglichen Punkten – phänomenal. Der Trainer heißt Tito Vilanova. Er müsste gemäß der Bayern-Philosophie (Zukauf der Besten der Konkurrenz) schon in Hoeneß’ Notizbuch stehen. Für Guardiola jedenfalls wird der FC Bayern München zur ersten echten Bewährungsprobe. Aber gut möglich, dass er sie bravourös besteht.
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Apropos Uli Hoeneß: Erstaunlich oder auch bezeichnend, dass er souverän gegen die Bayern-Sprachregelung verstößt, à la »Heynckes hat sowieso aufhören wollen, und da haben wir uns eben widerstrebend um einen Nachfolger bemühen müssen«. Statt üblicher Kalle-Formeln redet Hoeneß klaren Text: »Natürlich hätte er gerne noch ein Jahr weitergemacht. Wir sind ihm dankbar, dass er kein Theater gemacht hat.«
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»Kein Theater gemacht« – brutal ehrlich. Heynckes nun »lame duck« oder ein »dead man walking«? Mit dem Zwölf-Punkte-Vorsprung in der Liga kämen »duck« und »dead man« sogar Hand in Hand als Sieger ins Ziel. Knackpunkte werden DFB-Pokal und Champions League. Mit Klopps BVB als Konkurrenz. Und bei jedem FCB-Schwächeanfall mit dem Ruf nach Guardiola.
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Ganz anderes Thema? Auch Guardiola hat eine Dopingvergangenheit. Als Spieler wurde er gleich zweimal positiv auf Nandrolon getestet. Das will in Spanien etwas heißen, wo Fußballer sakrosankt sind (wohin sind sie bloß alle verschwunden, die Namen auf der Fuentes-Liste?). Und Messi, der Beste der Welt, konnte dies nur werden, weil er in Barcelona einer Wachstumshormon-Kur unterzogen wurde, die den arg kleinen Buben größer und robuster machen sollte. Nicht wegen Kleinwüchsigkeit (die fängt erst deutlich tiefer an), sondern – von allen offen zugegeben – nur aus Fußball-Erfolgsgründen. Seitdem wird immer mehr kleinen argentinischen Nachwuchskickern von ihren Eltern eine Wachstumshormon-Kur verpasst. Sie sollen alle große Messis werden. Wirklich wahr.
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Ganz anderes Thema? Ich will kein Spielverderber sein, bin von Guardiola angetan und von Messi begeistert, aber wo beginnt Doping, wenn es bei Armstrong endet?
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Natürlich waren Guardiolas Verpflichtung und Armstrongs Bekenntnis die alles überragenden und überstrahlenden Medien-Ereignisse der Woche. Schlechtes Timing der van der Vaarts, deren »Liebes-Comeback« fast unterging. Nicht bei mir! »Ich bin so glücklich. Wir wollen es wieder miteinander versuchen«, sagt Rafael und küsst seine Silvie. Oder umgekehrt. Oder stimmt es gar nicht? Schon gibt es die ersten Dementis.
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Ich glaube an die Liebe und an die Versöhnung. Schon um mir diesen Schluss nicht zu vermasseln: Falls Sie sich nach dieser Kolumne von mir blitztrennen, hoffe ich auf eine Blitzversöhnung, schneller   als bei den van der Vaarts. Spätestens in den »Montagsthemen«. Bis dann. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle