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Sonntag, 13. Januar, 6.15 Uhr

Müde. Die Rache der Neuroparasiten (siehe “Die Raupe Nimmersatt”/gw-Beiträge Kultur/unter den Links rechts). Seit halb zwei hatten sie mein Hirn gekapert. Aufgabe: Eine große Halle für Sport- und andere Veranstaltungen innerhalb einer Nacht planen, bauen und eröffnen. Wowi und dem Elbkonzertschiff zeigen, was eine Barke, was eine Harke ist. Budget: 40 Millionen für den Bau, 400000 für die Innenausstattung. An Schlaf nicht mehr zu denken. Das Gehirn rattert und knattert zu laut. Offenbar habe ich mehr Gehirnzellen als Balotelli (hat eine, laut Expertise seines Extrainers Mourinho/übermorgen in OWW). Ich zweige ein paar von den 40 Millionen für die Innenausstattung ab. Zuvor habe ich die Trägerschaft geklärt: Stadt, Umlandgemeinden, Schulen (Land Hessen), Vereine, IHK und noch ein paar mehr gründen eine Firma. Boss und alleinverantwortlich und alleindassagenhabend: natürlich ich, wer sonst. Daher läuft auch alles wie am Schnürchen. Die Halle steht, ist auf Jahre hinaus ausgebucht, hat weniger als geplant gekostet. Hessens neues Schmuckstück. Dann ist es sechs, die Neuroparasiten ziehen ab, mit meiner Halle, mit meinen Plänen, alles ist weg und ich bin müde, todmüde.

Nicht zwischen Nacht, Traum und Tag , sondern vorgestern frisch und munter auf der letzten morgendlichen Radrunde vor dem Frost gesehen: ein knapp eichhörnchengroßes und eichhörnchenähnliches Tier (ui, “eischhörnschenähnlisch”, daran scheitert jeder eschte Hesse, isch muss es zum Glück nur schreiben). Etwas kleiner, deutlich schmaler, Schwanz nicht buschig. Schneeweiß! Auf einer Wiese zwischen Bieber und Königsberg sitzt es, sieht mich, steht ruckartig senkrecht wie ein weißer Stock, haut ab, Laufstil wie der schnellste Wurm der Welt: langgestreckt, gekrümmt, langgestreckt. Verharrt kurz, guckt, ob die Gefahr noch da ist, ruckt stocksteif senkrecht, äugt, haut wieder ab. Zu Hause im Bestimmungsbuch nachgeschaut. Eindeutig: ein Hermelin! Soll in unserer Gegend sehr selten, scheu und vor allem nachtaktiv sein. Mein Hermelin pusselt auf einer Wiese herum, am hellen Spätmorgen, und galoppiert wurmartig über die Wiese davon. Aber dennoch ganz klar ein Hermelin. Soll ich dem Förster Bescheid sagen? Gehe ich als Neuentdecker des Hermelins in die mittelhessische Geschichte ein? Nein. Weil später eine Nachbarin meine Sensationsentdeckung lässig kontert: Ach ja, ein Hermelin. Hab kürzlich auch eins gesehen. Nix isses mit Entdecker. Auch als Wowiharkenzeiger gehe ich nicht in die Geschichte ein, weil die Neuroparasiten mich missbraucht haben. Wahrscheinlich stecken sie Wowereit meine nächtliche Arbeit, und morgen eröffnet er den Berliner Flughafen.

Gestern, diesmal mit dem Auto an meiner Radrundenstrecke vorbeigekommen, rattert und knattert unterhalb von Hohensolms die Schneekanone. Der einzige Lift weit und breit bis Winterberg soll wohl wieder in Betrieb gehen. Ein Kilometer Luftline Richtung Norden liegt meine Trauma-Solaranlage im Nato-Tanklager, ein Kilometer Luftlinie südlich dreht sich eins der neuen Windräder, die von überall und weit her zu sehen sind. Die Schneekanone verbraucht in der Stunde ungefähr so viel Energie, wie ein Windrad am Tag und die Solaranlage im mittelhessischen Schattenland im Monat produzieren.

Ich muss noch ein bisschen weiter schreiben, weil ich sonst nichts anderes machen kann: Keine Mails “schecken”, keine Nachtnachrichten sichten, kein Internet, keine Montagsthemen vorbereiten. Bin auf eine Taste gekommen, die das Erscheinungsbild des Blogs auf dem Bildschirm verändert hat. Vollbildmodus oder so. Nirgends etwas zu sehen, wie ich da rauskomme. Thema Kartoffelpfannkuchen. Meine Spezialität, beim Essen (niemand schafft mehr) und beim Zubereiten. Mein Einfach-Rezept: 2,5 kg Kartoffeln und drei Zwiebeln, zwei Eier, viel Salz, etwas Mehl. Sonst nichts. Kartoffeln (festkochende, hessische) schälen, Zwiebeln abpellen, beides halbieren und in meiner Quetschmaschine (ein Profi-Stück!) zu Mus machen. Eier, Salz und Mehl verquirlen. Mit dem Musmatschtopf und der extra dazu gekauften Campingkochplatte nach draußen gehen (weil drinnen darf ich nicht, wegen des nichtrausgehenwollenden Bratgeruchs) und in Pflanzenöl (früher Olivenöl genommen, geht auch) einen Riesenhaufen Kartoffelfannekuche backen (andere sagen “Puffer” dazu). Frostbibbernd zurück in die Küche, Tisch decken und der Drinnenverbieterin servieren. Wie’s ihr schmeckt! Das gibt mir das Gefühl eines Sechssternekochs.

Langsam naht die Stunde der Wahrheit. Wie rauskommen aus dem Vollbildmodus? Wahrscheinlich könnte mir jeder Blogleser einen simplen Tipp geben, nur: Um den zu lesen, müsste ich raus aus dem Vollbildmodus und rein in die Mails können. So weiß ich nicht einmal, ob schon erste Tipps für die gestern abend gestellte Aufgabe von Prof. Börgens (siehe Mailbox) gekommen sind.

Jetzt hilft alles nichts mehr, für den Blog-Text drücke ich auf “Publizieren”, und dann schlägt die Vollbildstunde der Wahrheit. Bis dann. Vielleicht.

Baumhausbeichte - Novelle