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Sport-Stammtisch (vom 12. Januar)

Packt Armstrong bei Oprah Winfrey aus? Große Spannung vor der US-Talkshow am 17. Januar. Nicht bei mir. Die Sache ist abgehakt. Was eine liebe langjährige Leserin einfach nicht verstehen will. Ich sei angefeindet worden, niemand habe mir geglaubt, als ich schon vor zehn Jahren all das geschrieben habe, was erst heute als bewiesen gilt. Warum weise ich nicht darauf hin, dass ich Recht behalten habe? Das müsse jetzt einfach wieder auf den Tisch! Ich scheute mich ja sonst nicht, auch mal besserwisserisch zu wirken (oh, kleiner Rüffel?) und kramte doch gerne in alten Geschichten, wie jetzt beim Henninger Turm. Also, warum nicht?
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Weil ich nicht auf Menschen trete, die am Boden liegen, selbst wenn sie Armstrong heißen und mein ständiges sportliches Ärgernis waren. Jetzt treten genug andere auf ihm herum. Und schaden dem Sport mehr, als ihm Armstrong geschadet hat. Sie haben ihn gefeiert, als »Krebs-Besieger« für dopingresistent gehalten, ihn im Duell mit Jan Ullrich bewundert und gepriesen, und lassen den himmelhoch Gefeierten abgrundtief fallen. Schlimm für den Sport, dass sie nun ein weiteres simples und sportunverständiges Urteil fällen: Armstrong gewann die Tour nur, weil er am meisten gedopt hat, Ullrich war als Tour-Zweiter auch Doper Nummer zwei, und der Zehnte der Tour hatte eben nur am zehntdreistesten gedopt. Moral von der Geschicht’: Wahrscheinlich war der ungedopte Tour-Letzte der Beste, und wir alle wären Toursieger, wenn wir wie Armstrong gedopt hätten. So einfach, so schlimm geht’s im Sport zu, speziell im Radsport? Nein, so einfach und schlimm geht’s im Sportjournalismus zu, speziell bei den Dopingschreibern.
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Armstrong war – leider, wie wir Ulle-Fans zugeben müssen – einfach der Beste. Er hat besser, konsequenter, brutaler trainiert, gekämpft, getrickst, Rivalen drangsaliert … und eben auch besser, konsequenter, brutaler gedopt. Er hat die Tour siebenmal nicht wegen, sondern mit Doping gewonnen. Als Unsympath. Als Bester. Was oft einander bedingt. Leider.
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Ich hab’s abgehakt. Nur den einen Satz nicht – dass der große Kämpfer Armstrong den Krebs besiegt habe. Dem kann man nicht oft genug entgegenhalten: »Den Krebs besiegt« – das ist ein schiefes Bild, ein schlimmes dazu, ja, ein mitleidloses, ein bösartiges: Als wären die Opfer dieser Krankheit Verlierer, die sich nur ein bisschen mehr hätten anstrengen müssen.
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Das war’s. Stichwort Henninger Turm. Anmerkung zum gestrigen »Anstoß«: »Der Abriss des Henninger Turms berührt mich irgendwie persönlich, war er doch unvergesslicherweise das erste Hochhaus, auf das ich im Knabenalter (mit Tante) mal durfte. Ich erinnere mich noch gut an die Flachsereien der Herren dort oben im Turmrestaurant: ›Hier, Bubsche, noilisch habbe se ein hier nunnergeschmisse, gugg, do nunneh, im Goldfischbegge (brrr ist das hoch, schwindel, taumel, schnell weg vom Geländer) hoddäh geleesche un bleed geguggt. Un waaste aach worum?‹ – Ich: ›Nee, wieso?‹ – ›Der hot e Lischäh bestellt!‹ Schallendes Gelächter. Rauhe Sitten hier in Sachsenhausen, dachte ich damals. Und was ›e Lischäh‹ ist, musste mir Tantchen nicht erklären, weil sie & ich quasi aus einer Fußballerkneipe mit ›Lischäh‹ stammen. – Ihr Lischäh-Eksport-Fän Michael Fliegl (Mücke).«
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Wie schön. Überhaupt finden sich in der Online-»Mailbox« des gw-Blogs »Sport, Gott & die Welt« einige bemerkenswerte Leser-Zuschriften, unter anderen zwei kontroverse und sehr interessante zur Neuformulierung des »Ziegenproblems«. Eine komprimierte Sammlung »E-Mail für mich« soll nächste Woche im Blatt folgen.
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Letzte Woche ohne  Fußball. Die Winterpause wurde mit Wahlen und Ehrungen überbrückt. Messi Weltfußballer, klar. Löw wählte Özil vor Neuer. Albern. In der Weltelf kein Deutscher. Auch blöd. Im »Kicker«: Eintracht Frankfurt »positivste Überraschung« der Hinrunde, mit weitem Abstand gewählt von den Bundesligaprofis, also eine besonders respektable Ehrung. Ach der »Aufsteiger der Hinrunde« wurde gewählt. Sensationelle Rangfolge: Rode vor Meier, Jung und Trapp. Dann erst mit Alaba ein Außerhessischer. Nächstes Ziel: Europa?
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Beim Testspiel in Freiburg steht heute Paul Scharner erstmals in der HSV-Startelf. Der Österreicher ist ein Anhänger der Sonnenatmung (»Surya Bhedana« = »von der Sonnen durchflutet sein«). Mach ich ab sofort auch, denn das ist eine leichte Yoga-Übung und außerdem … aber zunächst die Anleitung: Bequem hinsetzen, linkes Nasenloch zuhalten und durch das rechte Nasenloch einatmen. Dann rechtes Nasenloch zuhalten und durch das linke ausatmen. Und so weiter. Wirkung: »Die Surya Bhedana reinigt und stimuliert das Gehirn, weil sie die Sonnenenergie aktiviert, die die Hitze im Körper erhöht (aber Vorsicht, liebste Zielgruppe in einem gewissen Alter: »Hitzewallungen können durch Surya Bhedana stark zunehmen«). Die Sonnenatmung »unterdrückt alle Krankheiten, die aus einem Ungleichgewicht des Vata (im Ayurveda für Wind) resultieren und heilt alle Leiden, die durch Würmer bedingt sind.«
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Würmer! Wirkt die Sonnenatmung dann auch gegen Neuroparasiten? Denn was diese fiesen Kerlchen mit der Raupe Nimmersatt und mit uns allen anstellen … das lesen Sie heute bei uns im Feuilleton. Bitte zurückblättern. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle