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Die Raupe Nimmersatt und das Dogma Wachstum (Nach-Lese vom 12. Januar)

Die an Henryk Broders Haaren von ihm selbst herbeigezogene Augstein-/Antisemitismus-Debatte – weg damit! Die Empörungsrituale der Kulturschaffenden über die Zugriffsversuche im Hause Suhrkamp – weg damit. Zwei dicke Material-Stapel für die Nach-Lese landen im Papierkorb: Sturm im deutschen Wasserglas und Aufstand im literarischen Elfenbeinturm. Mir viel zu albern, mich mitzuempören. Ich habe ganz andere Probleme: Die Raupe Nimmersatt und das Dogma Wachstum.
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Kennen Sie das? Lästige Sätze, die im Hirn rotieren, zwischen Nacht, Traum und Tag den Schlaf verscheuchen und selbst nicht zu verscheuchen sind, den ganzen Tag lang. Wie dieser: Die Ideologie des Wachstums ist der fatale Systemfehler unserer Zeit und die »Gewinnwarnung« ihr perverses Symptom. Der Satz rotiert im Hirn rotiert … und rotiert … und rotiert. Ich bin machtlos dagegen. Ist ein Neuroparasit in meinen Körper eingedrungen, hat das Nervensystem gekapert und das Denken und Verhalten von mir, seinem Opfer, manipuliert? Bin ich ein Zombie?
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Keine Angst, ich bin nicht völlig übergeschnappt. Das war nur ein kleiner Umweg zu einem Text, der im Wissen-Ressort der Süddeutschen Zeitung erschienen ist (die sich wiederum auf das Journal of Experimental Biology beruft): »Herrscher über die Zombies – Neuroparasiten dringen in die Körper anderer Lebewesen ein und kapern deren Nervensystem. Dann manipulieren sie das Verhalten ihrer Opfer, um eigene Ziele zu erreichen. Eine bizarre Choreographie des Grauens.«
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Ja, das ist wirklich »das Grauen! Das Grauen!« (letzte Worte des sinistren Helden in Herz der Finsternis von Joseph Conrad). Hirnforscher, die die Nichtexistenz des freien Willens rein neurologisch-anatomisch bewiesen zu haben glauben (das In-Thema wissenschaftsfixierter Feuilletons), sollten lieber den hässlichen Monsterminiwürmern auf die eklige Spur kommen, von denen, wenn die Erinnerung nicht täuscht bzw. von diesen Monsterminis nicht aufgefressen wurde, schon meine frühen Lieblingsautoren in meinen frühen Science-fiction-Fan-Jahren gewarnt haben. Nein, nicht Ron Hubbard! Der ist selbst solch ein fadenwürmiger Hirnfresser wie der Myrmeconema neotripicom. Dieser »kapert das Nervensystem von Ameisen der Art Cephalotes atratus, die in Südamerika leben, und steuert deren Verhalten. Hat der Parasit die Kontrolle über das Insekt übernommen, färbt er dessen Hinterteil um, so dass es statt schwarz knallrot leuchtet. Ist die Zeit gekommen, gibt der Parasit im Ameisenleib den Befehl, nach roten Beeren zu suchen. Willenlos setzt sich die Ameise zwischen die Früchte, reckt ihren roten Hinterleib in die Höhe und verharrt. Damit beginnt Phase zwei des Fadenwurm-Plans. Er muss in den Verdauungstrakt eines Vogels gelangen, um sich fortzupflanzen, Eier zu legen und diese über den Kot des Wirtes in die Welt zu entlassen. Weil der rote Leib der zum Zombie verwandelten Ameise den Beeren so sehr gleicht, wird irgendwann ein Vogel zupicken. Der Lebenszyklus des Wurms beginnt von Neuem.«
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So eine fiese Möpp! Und diese ekligen Schmarotzer, deren Erforschung gerade erst beginnt, sollen nicht nur das Verhalten von Tieren, sondern auch das von uns Menschen manipulieren. So steht ein Neuroparasit im Verdacht, das Paarungsverhalten von Frauen zu beeinflussen – indem er Männer befällt. Auf diese Idee kamen die Neuroparasiten-Forscher durch den Toxoplasma gondii: »Weibliche Ratten meiden es normalerweise, sich mit von Parasiten befallenen Männchen zu paaren. Doch mit Toxoplasma gondii infizierte Rattenmännchen üben eine besondere Anziehungskraft auf Weibchen aus: Sie produzieren mehr Testosteron.« Und so vermutet nun das Journal of Experimental Biology, dass auch infizierte Menschenmänner zur Testosteron-Überproduktion gezwungen werden und im Schritt drei Zentimeter größer als nichtbefallene sind, maskuliner und daher attraktiver (im Schritt? Könnte sein. Ist aber ein Freudscher Verschreiber von mir. Entschuldigung, es muss »im Schnitt« heißen).
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Und was hat das alles mit der Ideologie des wirtschaftlichen Wachstums und der »Gewinnwarnung« zu tun? Manche Menschen halten den Primat des Wachstums für einen Fetisch, für ein Schneeballsystem, und die »Gewinnwarnung« – also die börsenkatastrophale Warnung vor einem Gewinn, nur weil dieser nicht so gewaltig wie erhofft gewachsen ist (aber immerhin: Gewinn) – für eine Perversion, die jeder Vernunftbegabte erkennen müsse. Andere aber, in der tonangebenden politischen/journalistischen/wirtschaftlichen Öffentlichkeit die große Mehrheit, halten das Wachstum für die unabdingbare Voraussetzung für Frieden und Wohlstand.
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Wie das? Hier kommen die Raupe Nimmersatt und die Baculoviren ins Spiel. Wachstum ist in der Natur und natürlich auch beim Menschen eine vorübergehende Entwicklungsphase, der die viel längere Zeit des Erwachsen- und Gewachsenseins folgt. Das regeln Hormone (zum Beispiel expressis verbis die aus der Dopingologie bekannten Wachstumshormone), die ja nun auch Manipulateure sind, aber das ist ein anderes Thema. Zurück zu den Raupen: Bei ihnen regelt ein Hormon das Fressverhalten und »gibt das Signal, wenn es Zeit ist, die Mahlzeit einzustellen und sich zu verpuppen«. Baculoviren jedoch produzieren, wenn sie Raupen befallen haben, in ihren Wirtstieren ein Enzym, das das Hormon deaktiviert. Die in Bäumen lebenden Zombie-Raupen werden gezwungen, in die Wipfel zu krabbeln und zu fressen, fressen, fressen. Wachstum bis in den Tod und darüber hinaus: In den Wipfeln der Bäume »birst ihr Körper, ein von Viren verseuchter Platzregen fällt nieder und infiziert neue Opfer auf dem Baum«.

Tja. Die Raupe Nimmersatt und das Dogma Wachstum. Wie viele Neuroparasiten werkeln noch in unseren Köpfen herum? Und vor allem: in meinem? Ich hoffe auf einen Gegenwurm. Wie wär’s mit einem Bücherwurm? Oder einem Zeitungswurm? In und mit seiner Zeitung hat er schon schmerzlich erfahren müssen, was anderen noch bevorsteht: das Ende des Wachstums, der Zwang, mit schrumpfendem Blatt-Laub auskommen zu müssen. Weniger Leser, weniger Anzeigen, dennoch Zeitung. Gute Zeitung für Gerneblattleser. Ohne Gewinnwarnung, aber auch ohne Verlustgeschäft. Schwer möglich? Schwer, aber möglich. Wir versuchen es. Tag für Tag. Wenn es gelingt, wird aus dem alten Zeitungswurm die junge Pionierraupe von morgen, als Vorbild für die Wachstums-Dogmatiker – damit diese aus den Wipfeln ihrer Bäume hinabraupeln, immun gegen den Friss-und-stirb-Befehl der Baculoviren und stattdessen dem Signal zum Erwachsen- und Gewachsensein folgend: Das große Fressen ist vorbei. Verpuppt Euch! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle