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Rund um … im Henninger Turm (Anstoß vom 11. Januar)

Der Henninger Turm stirbt einen langsamen Abriss-Tod, und nicht nur alte Frankfurter schauen wehmütig zu. Für uns Sportler bleibt er ewig mit einem großen Radrennen verbunden, das nun »Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt« heißt – einer der irrwitzigen neuen Namen im Sport, die nur Kalauer der Realsatire sind. Warum nicht gleich »Rund um Bankfurt«, mit der EZB als Hauptsponsor (die sponsorn schließlich alles von hier bis Griechenland)?
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»Rund um den Henninger Turm« war allerdings kein zutreffender Name, denn es ging nicht rund um den Turm, sondern aus Frankfurt in den Taunus und zurück. Rund um ihn ging es nur in ihm, und zwar ganz oben, und damit sind für uns ebenfalls wehmütige Erinnerungen verbunden. Aber auch herrliche, denn dort oben erlebte unsere Kolumne einen echten Höhe-Punkt.
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Vom Bistro im Henninger Turm hatte man einen grandiosen Blick auf die Frankfurter Skyline. An einem klaren Novemberabend des Jahres 1999 kreisten wir über der Stadt und bewunderten die Aussicht. Ja, wir kreisten, denn das Bistro drehte sich langsam um den Schaft des Turms. Ein 360-Grad-Schwenk dauerte eine halbe Stunde – wir drehten viele Runden, dabei im Gespräch auch um ein Sportjahrtausend kreisend. Wir – das waren der unvergessene Kabarettist Matthias Beltz, der Schriftsteller Matthias Altenburg (heute unter seinem Alias Jan Seghers Krimi-Bestsellerautor), Kollege »sk« (der protokollierte und fotografierte) und »gw« als Stichwortgeber.
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Schnell liefen Matthias A. und Matthias B. zur Hochform auf. Kein Wunder, denn sie hatten im Turm-Bistro ein uns Vieren bis dahin unbekanntes Dopingmittel entdeckt: Bockbierbrand. Schmeckt ungefähr so, wie man es ausspricht. Wirkt aber. Auch in der Nachlese fällt es schwer, einige Sätze aus dem Zusammenhang des grandiosen Dialogs zu reißen. Versuchen wir’s mal mit Steffi Graf und Andre Agassi. Altenburg: »Man sagt ja, dass Agassi jetzt den Beruf gewechselt hat, er sei Grafiker geworden.« – Beltz: »Der alte Scherz. Der wird aber bestimmt auch gestrichen.« – gw: »Nein, warum? Das ist doch ein ehrenwerter Beruf.« – Altenburg: »Ich weiß nicht, ob jeder den Witz verstanden hat. Soll ich das nochmal anders betonen, das mit dem Graff . . .« – gw: »NEIN!« – Altenburg: »Ok, ok, ich bin schon still.«
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Mancherorts in Hessen hatte man seltsame Sexualobjekte. Altenburg: »Als Beckenbauer noch Fußball gespielt hat, da durfte ich, wenn ich bei Verwandten zu Besuch war, nie ins Fernsehzimmer, weil sich da die älteren Cousinen immer von innen eingesperrt haben, weil die den so geil fanden. Ich habe immer versucht, durchs Schlüsselloch zu gucken, aber ich habe nichts sehen können und nur von innen so ein blödes, dummes Mädel-Kichern da rausgehört. Die fanden die Beine klasse von dem, oder die Augen, ich weiß es nicht.« – Beltz: »Beckenbauer als Sexualobjekt – das gefällt mir.« – Altenburg: »In der Schwalm war das möglich.« – Beltz: »Da tragen sie ja auch genügend Röcke übereinander.«
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Frankfurt spielte im Henninger Turm immer eine Rolle. Beltz: »Ich erinnere mich noch deshalb an Seoul 1988, weil es das Jahr war, in dem unser wunderbares Varieté in Frankfurt von Johnny Klinke und Margaretha Dillinger gegründet wurde.« – gw: »War da nicht noch einer dabei?« – Beltz: ». . . und Matthias Beltz. Irgendwann waren dann auch mal lauter amerikanische Gäste da. Und da dachte ich, ach du Scheiße, was machst’n jetzt, die verstehen ja kein Deutsch. Da ist mir dieser Scherz eingefallen zu Ben Johnson: ›The heart full of hope and the ass full of dope‹ – und deswegen war ich Ben Johnson sehr dankbar, dass er mir im Tigerpalast 1988 einen Lacher beim amerikanischen Publikum gebracht hat.«
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Schließlich versuchten wir noch, ein Jahrhundert-Fazit zu ziehen. gw: »Deutschland hat in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zwei Weltkriege verloren, in der zweiten Hälfte drei Fußball-Weltmeisterschaften gewonnen. Wie bewerten Sie dieses Sportjahrhundert aus deutscher Sicht?« – Beltz: »Das Verhältnis von drei zu zwei, also wie auch das erste Fußball-Weltmeisterschaftsergebnis 1954 in Bern, das heißt, die Verlustangst geht weg, weil wir mit Nina Ruge der Meinung sind: Alles wird gut.« – Altenburg: »Eben. Kein Krieg ist so schlimm wie eine verlorene Weltmeisterschaft.« – Beltz: »Richtig. Und Deutschland ist bei sich bei, hat gemerkt, dass es Sportarten gibt, die man nicht kann. Was die Deutschen nicht können, ist Weltkriege führen.« – gw: »Und wie geht’s nun weiter? Wie wird das nächste Jahrhundert?« – Beltz: »Das nächste Jahrhundert ist immer das schwerste.«
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Vielleicht auch, weil es nicht nur im Sport nur noch rund um Bankfurt geht und nie mehr Rund um den Henninger Turm. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle