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Ludger Behnen: Das Ziegenproblem oder: Und die Wissenschaft hat … doch nicht recht

Seit Langem (langem?) lese ich Ihre Kolumne mit
Freude und Gewinn (überwiegend!), so manchem Stirnrunzeln und manchmal
Ärger – nämlich immer dann, wenn das Ziegenproblem mal wieder auftaucht.
Offenbar inspirierender, konstruktiver Ärger, der zum Nachdenken und
jetzt sogar Schreiben anregt, also nichts Schlechtes; trotzdem könnt‘
ich mich aufregen … tu ich gleich auch. Aber vor der Aufregung noch
kurz etwas zum sportlichen Aspekt der Neufassung …

Die Lothar- statt- Ziegen- Version macht
mir sportlich etwas Kopfzerbrechen. Sicher, wer Okocha geliebt hat,
möchte auch Messi im „eigenen“ Stadion sehen, verständlich; aber ist es
wirklich ein Gewinn, wenn ein auf starfreiem Tempofussball basierendes
Erfolgssystem durch den Einbau eines Spielers komplett geändert werden
muss? Und: Während Lothar bei Misserfolg problemlos gekündigt werden
kann, würde die Trennung von Messi bei Erfolglosigkeit einen Fan-Ärger
heraufbeschwören, der dem Verein womöglich mehr schadet, als Lothar es
je schaffen könnte. Heribert sollte also bei seiner ersten Wahl bleiben,
wenn die Mathematiker recht hätten …

Haben sie aber nicht! Und mich wundert, dass ein
alter Gegen-den-Strom-Schwimmer wie Sie klein beigibt und sagt: Ich
versteh’s nicht, aber ich glaub’s. Vor langer, langer Zeit sind die
Wissenschaften angetreten, um der Verdummung Einhalt zu gebieten und den
Glauben durch Vernunft und Verständnis zu ersetzen.
Und jetzt denken ihrerseits die Herren Wissenschaftler, mit ihrer
formelhaften (ha! Der ist gut! „Formel“haft bei Mathematikern)
Herrschaftssprache das Volk für dumm verkaufen zu können! ‚Ich versteh’s
nicht, aber wenn Wissenschaftler das sagen, wird’s schon stimmen.‘
Nicht mit mir! Wissen Sie eigentlich, wie oft Wissenschaftler schon Mist
erzählt haben und ihre Thesen auf dem Müll der Wissenschaftsgeschichte
gelandet sind …!?

Natürlich wissen Sie das! Schon zwei Tage später
schreiben Sie: „Was hinten rauskommt, ist nur dann wichtig, wenn es
vorne richtig reingesteckt wurde. Was falsch reingesteckt wird,
(ver-)führt […] zu Gaga-Ergebnissen.“ Genau darum geht es hier doch
auch. Natürlich sind die Formeln richtig, und das Ergebnis stimmt –
wenn’s zu der Fragestellung passen würde.

Tut’s aber nicht! Herr Tempelfeld hat in seiner
Mail – unbeabsichtigt – einen Ansatz gefunden, der zu mehr Verständnis
führt: Ob nämlich im ersten Durchgang 3 oder 100 Hütchen zur Wahl stehen
(oder 1000 oder 100.000 oder gar keins und es stattdessen eine
Werbepause gibt), ist vollkommen wurscht. Die Regeln besagen, dass, egal
welches Hütchen Heribert wählt, es sowieso nicht angehoben
wird; damit stehen im „ersten Durchgang“ die Chancen für einen Gewinn
bei Null, ebenso wie die Chancen zu verlieren bei Null stehen. Es gibt
überhaupt kein Gewinnspiel, deshalb gibt es mathematisch gesehen auch
überhaupt keinen Wahrscheinlichkeitsraum!

Heribert kann also nicht bei einer Gewinnwahrscheinlichkeit bleiben, weil
es bisher noch gar keine Gewinnmöglichkeit gab. Das ganze Hin und Her
ist also nichts weiter als ein Ablenkungsmanöver (bei Hütchenspielern
sehr beliebt), das darüber hinwegtäuschen soll, dass es nur einen einzigen (nämlich
den sogenannten „zweiten“) Durchgang mit Gewinnchancen gibt. Es geht
nur um die Wahl: Hütchen 1 oder Hütchen 2, und die Chancen stehen 50:50,
und es ist mathematisch und real ganz egal, ob Heribert jetzt auf ein Hütchen zeigt oder es vor 10 Minuten getan hat.
So! Alles klar? Vermutlich nicht. Aber egal, auch wenn ich mich doch irren sollte, hab ich mir jedenfalls mal Luft gemacht.

Danke für’s Lesen.

Weitermachen!

(Ludger Behnen)

Baumhausbeichte - Novelle