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“Nachdruck”: Sportriese auf Stelzen (Anstoß vom 9. Januar)

In loser Folge gehen wir mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten. Immer dabei: die DDR, als bundesdeutsches Schreckgespenst vor und als Vorbild nach der Wende. Auch in und nach London 2012 spukte die DDR beziehungsweise die Grundlage ihrer sportlichen Erfolge in Funktionärsköpfen aus Sport und Staat. Kaum noch insgeheim, fast schon offen fordern die »Leistungsoptimierer«, deren »Zielvorgabe« in diesem Winter wieder Thema in den Kungelzimmern ist, sich das Sportsystem der DDR zum Vorbild zu nehmen. Dagegen setzen wir heute noch einmal unsere Argumente vom 2. Oktober 1990, als anlässlich der Wiedervereinigung schon damals erste Rufe nach »Hinüberrettung« des DDR-Sportsystems laut wurden.

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Man lese, denke und staune: Prominente Vertreter unserer staatstragenden Parteien plädieren, vom Glanz der Medaillen geblendet oder geistig erblindet, für ein Sportsystem, dessen Erfolg nur im Rahmen eines Unrechts-Systems möglich war. Haben die großdeutschen Medaillenjäger denn vergessen, dass die DDR nur ein Sportriese auf Stelzen war, konzentriert auf wenige Spitzensportler in ausgesuchten Sportarten? Haben sie vergessen, dass viele Sportarten in der DDR überhaupt nicht vorkamen oder verkümmerten? Schauen wir uns nur einmal die Sportarten an, zu denen man einen Schläger benötigt: Tennis, Tischtennis, Badminton, Squash, Golf, Hockey, Eishockey – was hatte die DDR hier zu bieten? Nachahmenswert? Wissen sie denn nicht, dass die DDR-Trainer und -Sportwissenschaftler nicht besser als andere waren, sondern nur die schlechteren Lebensbedingungen in der DDR zu ihrem Besten nutzen konnten? Wenn eine 18-jährige Bundesdeutsche nach Mallorca wollte, musste sie ein paar Monate sparen, die Gleichaltrige aus der DDR aber jahrelang hart trainieren, denn nur der Erfolg im Sport konnte Auslandsreisen und einige – an bundesdeutschen Maßstäben gemessen bescheidene – Lebensstandard-Vorteile verschaffen. Nachahmenswert? Wissen sie denn nicht, dass die hochgelobte Talentförderung in Wahrheit eine Talent-Zwangsrekrutierung war? Wenn bei einem Zwölfjährigen die Handgelenksvermessung ergab, dass er im Diskuswerfen eine bessere Perspektive als im Handball hatte, dann musste er Diskuswerfer werden, und wenn er noch so gerne Handball spielte. Nachahmenswert? Wissen sie denn nicht, dass eine Kosten-Nutzen-Rechnung den DDR-Sport an das Ende einer Weltwertung stellen würde? Hinter einer DDR-Medaille stehen so viele Trainer, Funktionäre und Wissenschaftler wie in der Bundesrepublik hinter zehn und mehr Medaillengewinnern. Nachahmenswert? Wissen sie denn nicht, dass das DDR-Sportsystem kein Prachtstück, sondern ein Sargnagel des real existierenden Sozialismus auf deutschem Boden war? Und nicht nur ein Sargnagel, sondern der Henker des Sports in der DDR überhaupt! Denn im Sport kann Spitzensport immer nur den kleinen, spektakulären oberen Bereich abdecken und muss auf dem Breitensport basieren. Im DDR-Reagenzglas ließ die SED aber einen künstlichen Staatssport mixen und mit einer sportlichen Genmanipulation das Horrorgebilde DDR-Spitzensport entstehen, während der gesamte Breitensport wegrationalisiert wurde. Nachahmenswert? Die DDR ist zusammengebrochen, mit ihr der DDR-Spitzensport. Da ist nichts mehr zu retten, auch nichts hinüberzuretten. Der DDR-Sport kann nicht isoliert betrachtet werden, er war in seiner Summe genauso schlecht und unmenschlich wie das gesamte System.
(2. Oktober 1990)
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Zu späten »Ehren« kam dieser Text jetzt, als der Journalist  Herbert Fischer-Solms Teile davon  für einen längeren Text über den DDR-Sport  übernahm (ich wusste nichts davon, aber als mein alter Abi-Klassenkamerad durfte er das ungefragt). Er benutzte sogar mein Wort vom »Sportriesen auf Stelzen« als Titel. Das ging der  »linken, marxistisch orientierten, überregionalen Tageszeitung« (Eigenauskunft) »Junge Welt« gewaltig auf den Keks, Fischer-Solms wurde vor zwei Monaten fürchterlich abgewatscht. Mich erwähnte die »Junge Welt« dabei  ebenfalls, schimpfte mich aber nicht aus (was ich fast ehrenrührig finde): »In seinem ›Epilog‹ zitiert Fischer-Solms als Kronzeugen den ehemaligen BRD-Kugelstoßer Gerhard Steines, wonach der Erfolg des DDR-Sportsystems ›nur im Rahmen eines Unrechtsstaats möglich‹ war. Und der Autor fügt dem hinzu: ›Das war kein Prachtstück, sondern ein Sargnagel des real existierenden Sozialismus auf deutschem Boden.‹«
Da kann alle »Junge Welt« und alte Seilschaft Gift und Galle spucken: So isses. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle