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Karin Scheunemann über den Steffi-Graf-Film und manches mehr

Noch kann man und sollte man die besten Wünsche für ein
gutes neues Jahr an Freunde oder Weggefährten weitergeben; bei Dir mit dem
Wunsch, den Ruhestand so wie wir weiter als Unruhestand auszufüllen, die Augen
und Ohren offenzuhalten für Schönes oderBizarres und weiter den Finger in die
Wunde der Überheblichkeit und Arroganz zu legen, Und damit möchte ich gleich
anfangen: Gelesen in der WZ aus dpa am 04.01.2013: Politiker von CDU und Linken haben
den Journalisten und Verleger Jakob Augstein gegen Antisemitismusvorwürfe in
Schutz genommen. Die US-Menschenrechtsorganisation „Simon-Wiesethal-Zentrum“
hatte den Herausgeber der linken Wochenzeitung „Freitag“ wegen israelkritischer
Äußerungen auf der Rangliste der 10 schlimmsten Antisemitisten der Welt auf
Platz 9 gesetzt! (geht’s noch?!) Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia
Klöckner und der Linken-Fraktion-Vorsitzende Gregor Gysi kritisierten diese
Äußerung-vollkommen zu Recht. Ich glaube, auch Simon Wiesenthal würde sich im
Grabe umdrehen ob dieser Eischätzung. Also wenn ich Frau Merkel kritisiere,
dann löse ich eine Staatskrise aus mit meiner Demokratie-Feindlichkeit oder
vielleicht noch besser, ich bin antichristlich/antiprotestantisch. Ich habe
aber noch eine Steigerung der Vermutung „Die spinnen die Amis“: Mo Farah
beklagt sich in der Zeitung „Sun on Sunday“, er werde regelmäßig bei seiner
Einreise in die USA festgehalten. Auf dem Weg zu einer Familien-Weihnachtsfeier
in Portland (Oregon): “Ich konnte es nicht glauben; wegen meiner somalischen
Herkunft werde ich an der US-Grenze jedes Mal aufgehalten. Diesmal habe ich
sogar meine (Gold-)Medaillen herausgeholt, um ihnen zu zeigen, wer ich bin“. Doch
die Beamten habe das kalt gelassen. (Der gebürtige Somalier war mit 8 Jahren
mit seinem in England geborenen Vater nach GB ausgewandert) Er beklagte sich,
dass er schon bei der Bewerbung um einen dauerhaften Wohnsitz in den USA
Probleme bekommen habe. Dort arbeitet er mit seinem Trainer (siehe gw). Die
Beamten hätten nach einem Kurzaufenthalt mit Touristenvisum darauf bestanden,
dass Farah das Land für 90 Tage verlasse: “Wir bekamen einen Brief, dass
untersucht werde, ob wir eine terroristische Bedrohung sind.“ (siehe–Leichtathletik-vom
3.Januar 2013) Einmal aus einem Schurkenland-Land, dann für immer böse! Wie war
das mit den weißen Amis und den Sklaven? Ich weiß, warum ich bis jetzt nicht in
die Staaten gefahren bin; ich könnte nicht mit gutem Gewissen den berühmten
Fragebogen ausfüllen (kenne ich von meinen Söhnen), ohne in Versuchung zu geraten,
Kommentare dazu abzugeben.

Aber nun zu einem Film am gestrigen Nachmittag: Friedrich
Bohnenkamp versuchte eine Annäherung an den Menschen Stefanie Maria Graf. Die
Sportlerin Steffi Graf glaubt ja jeder zu kennen, was sich dabei auch als irrig
herausstellte nach Gesprächen mit Trainern und Mitstreiterinnen. In hohem Maße
respektiert, aber im Sportbereich kaum mit Freunden (Da braucht man an sich
keine Freunde, da die meisten irgendwann einmal Gegnerinnen sind: dafür sind
ein, zwei richtige Freunde im Privaten wichtig-Zitat eines langjährigen
Wegbegleiters) Uns wurde eine Sportlerin nahegebracht, die sogar ihre Trainer
ins Schwitzen brachte mit ihrem unbändigen Willen, auch im Training das
Allerbeste zu bringen. Auf dem Platz vor zig-Tausend Zuschauern offen,
freundlich, sportlich-fair, aber im Privaten sehr zurückhaltend. Sogar ein Gang
ins Restaurant konnte für sie persönlich unangenehm werden, da sie im Prinzip
menschenscheu war und ist. Aber die ewige Hatz der Journaille und das
Insistieren in das nicht immer einfache Familiengefüge bei Pressekonferenzen
kamen mir im Rückblick noch widerlicher vor. Nach der Heirat mit dem
Paradiesvogel des Tenniszirkus, Andre Agassi, der er ja nur auf dem Court war,
verschwand die Königin aus der Öffentlichkeit (wieder ein Zitat-etwas besseres
hätte beiden nicht passieren können) Sie kommt nur aus ihrem selbst gewählten
Kokon heraus, wenn es um ihr Herzensanliegen geht, nämlich um benachteiligte
Kinder in der Welt. Auch Friedrich Bohnenkamp kam an Stefanie Graf mit einem
Gesprächswunsch nicht heran; bis heute gibt es keine autorisierte Biografie
über sie. Selten habe ich einen Film gesehen, der in so eindrucksvoller aber
auch behutsamer Weise an eine Persönlichkeit herangegangen ist. Ihm ist es
gelungen, einen wundervollen Sportfilm zu schaffen, dessen Gütegrad
seinesgleichen in der Medienlandschaft sucht. Man muß kein Steffi Graf Fan
gewesen sein, man wird es damit unwillkürlich.

Ein kleiner Nachtrag, der ihre Person besser als Lobhudeleien
zeigt, kam von Leuten aus Brühl: Dort war sie zu Besuch und ging mit ihrer
Familie einfach ins Schwimmbad. Erst nachdem es sich herumgesprochen hatte und
man sich um sie scharte, packte sie ihr Handtuch und ihre Familie. Auch der
Türke im Imbisswagen freute sich, als sie mit ihren Kindern vor ihm stand und
Wurst und Hähnchen orderte.

Ich freue mich, dass dieser Film in der fußballlosen Zeit
seinen Platz zu Sportschau-Zeit gefunden hat. Es geht also doch noch: Gute
langfristige Recherche in einen genügenden Zeitrahmen gepackt, jenseits von
jeglicher Sucht nach Tagesgeschäft und Quote. (Karin Scheunemann)

Baumhausbeichte - Novelle