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Sonntag, 6. Januar, 6:30 Uhr

So warm da draußen. Drinnen krabbelt ein Marienkäfer über den PC-Bildschirm. Das Wetter, der Klimawandel, Petra Kleinert, Kali & Salz. Aus dem Leben eines Kleinaktionärs oder: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Petra Kleinert? Heißt sie so? Oder ist das die blonde Schauspielerin, die früher an der Seite der taffen Dunklen mit dem griechischen Namen ein prima Krimi-Duo spielte und heute, nach deutlicher körperlicher Veränderung, in ulkigen Rollen (der Eifel-Krimi) zu sehen ist? Oder heißen beide so? Nein, jetzt fällt es mir ein: Petra ist die Schauspielerin, die Wetterfrau heißt Claudia. “Bin ich doof oder was”, schrie sie sich mal selbst an, als sie sich verhaspelte. Nett. Warum muss ich bei ihr immer an Edward mit den Scherenhänden denken? Achten Sie mal auf ihre Hände. Enorm.

Die dunkle Kollegin von Petra, auch ihr Name fällt mir wieder ein: Despina Panajou. Leider lange nicht mehr gesehen. Despina – wenn mich mein sehr bescheidenes griechisches Vokabelwissen nicht täuscht, bedeutet das “Herrin”.

Noch früh am Morgen und schon so verhaspelnd abgeschwiffen. Zurück zum Wetter. Schon seit Wochen morgens um diese Zeit kein Eis, kein Schnee, nicht mal eisüberhauchte Autoscheiben. Klimawandel? Na ja, letztes Jahr war’s eisig. Ist alles noch kein Klima, nur Wetter. Alt genug, knapp 250 Jahreszeiten bewusst erlebt zu haben (richtig gerechnet? Oder wäre ich dann 100?), kann ich aber langsam schon klimatisch behaupten: Es ist wärmer geworden. In der Schule gab es hitzefrei, wenn das Thermometer nach der zweiten Stunde, also kurz vor zehn, 25 Grad zeigte. Hitzefrei war sehr selten. Als Sportler mochte ich die Hitze und verlor an Leistung, wenn es unter 25 Grad war. Ich verlor oft an Leistung. Im Winter musste ich fast jeden Tag den Kugelkreis eine halbe Stunde mit Hacke, Schippe und Salz bearbeiten, bevor ich trainieren konnte. Hat sich alles geändert, gewandelt, zumindest kurzklimagewandelt. Aber liegt’s an uns? Die Fachwelt ist sich nicht einig, aber etwa im Verhältnis von 80:20 glaubt sie an deutlich menschengemachten Klimawandel. Dennoch ist der Mensch nichts gegen ein paar Protuberanzen.

Der Klimawandel macht auch mir zu schaffen. Und damit zu Kali & Salz, dem Leben eines Kleinaktionärs und dem Sein, das das Bewusstsein bestimmt. Als hessenpatriotischer Kleinaktionär vor einiger Zeit K&S-Aktien gekauft. Haben sich seitdem fast halbiert. Der verfluchte Klimawandel! Berge von Salz bleiben in den Depots und kommen nicht auf Straßen und Bürgersteige, wo sie hingehören! Und dieses blöde Umweltbewusstsein, das meiner Firma ständig neue Auflagen macht! Was schaden der Werra schon die paar Schadstöfflein!? Denkt doch mal an mich, an meine wenigen, kleinen und gar nicht mehr feinen Aktien! Lasst es schneien, Autos und Fußgänger rutschen, gebt uns die Werra frei, und schon klappt’s wieder mit K&S!

Na ja, die Verluste habe ich mit Südzucker-Aktien ausgeglichen. Haben sich durchgesetzt, trotz all der Stimmungsmache und Anti-Zucker-Kampagnen (zuletzt Titelthemen bei den Hamburger Blättern, fand ich gar nicht süß!). Und dann dieser neue zuckerlose Süßstoff, von dem alle schwärmen – das eklige Zeug, pfui Teufel, wie das an meinen Aktien klebt!

Ironie ist ja so ne Sache. Von Autisten weiß man, dass sie null Gespür dafür haben. Ein Unternehmer, der bewusst Autisten (mit leichtem Asperger, weil die sich so gut auf eine Aufgabe konzentrieren können) einstellt, fragte einmal einen zu spät kommenden Angestellten ironisch, ob er nicht noch später kommen könne. Scheinbar ironisch-freche, aber ironiefrei ehrlich-logische Antwort: “Ja, kann ich.”

Wir Zeitungsmenschen glauben manchmal, nach Ironieabsonderung, dass es unverhältnismäßig viele Autisten unter den Lesern gibt. Stimmt nicht, es gibt nur schlechte Ironie. Wer mein K&S/Südzucker-Geschreibsel nicht als Ironie erkennt, ist kein Autist, sondern hat mich der Schwachironie überführt. Oder bestimmt das Kleinaktionärsein doch das Bewusstsein? Wieviel Prozent ehrlicher Ärger stecken in der Ironie?

Dies war mein Beitrag zum menschengemachten Klimawandel: Habe mich warmgeschrieben für die Montagsthemen. Zum wiederholten Mal. Nicht 250, sondern mindestens 2500 Mal. Macht mindestens fünf Grad mehr an Erderwärmung. In meinem Arbeitszimmer. Dann mach ich mal das Heizöfchen aus.

Baumhausbeichte - Novelle