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Sport-Stammtisch (vom 5. Januar)

»Gib mir einen Punkt, auf dem ich stehen kann, und ich werde dir die Welt aus den Angeln heben.« Archimedes beschrieb die Hebelwirkung, wir alle kennen sie, nutzten sie schon als Kinder beim Schaukeln auf dem Spielplatz. Abseits der Physik hebeln heute Börsianer, die damit ihre Gewinne (und Verluste!) vervielfachen, und auch Euro-Sanitäter tun es, wenn sie ihren Rettungsschirm mit dem Hebel-Trick aufspannen.
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Mit kleinem Einsatz große Wirkung erreichen – was Archimedes, Börsianer, Euro-Retter und Kinder können, nutzt auch dem Stadion-Chaoten. Wie jetzt im Testspiel des AC Mailand bei einem Viertligisten. Als sich Kevin-Prince Boateng von einigen Deppen beleidigt fühlte, ging er vom Platz, seine Mitspieler ebenfalls, das Spiel wurde abgebrochen, zur Enttäuschung von 99 Prozent, zur Freude des einen Prozent hebelnden Pöbels.
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Alle finden es richtig, dass Milan vom Platz ging. Ein wichtiges Zeichen gegen den Rassismus! Ist es das? Oder gibt man damit einer Minderheit einen Hebel in die Hand? Es ist zwar eine Zumutung, sich in diese Schwach-Köpfe hineinzuversetzen, aber wer es tut, hört es dumpf in deren Gehirnwindungen hallen: Was macht mehr Spaß – ein Spiel anzuschauen oder es zu vernichten? Und wie einfach das geht: Irgendeinen Schwachsinn rufen, der nach Rassismus klingt, schon ist’s geschafft.
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Ist »schwarze Sau« eine rassistische oder rein brummsdumme Beleidigung? Bei einem Hellhäutigen würde »weiße Sau« nur als spezifiziertere »Sau«-Beleidigung und nicht als rassistische gelten. Warum ist dann »schwarze Sau« Rassismus? Black is beautiful!
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Da fast alle derartigen Beschimpfungen nur Zeichen von Schwäche und Angst vor der Stärke des Gegners sind, wäre es angebrachter, Verbalidiotien im Stadion zu ignorieren – der Pöbel hätte seinen Hebel verloren. Im Alltag dagegen, im konkreten Einzelfall, hat jeder einzelne von uns die Möglichkeit, Zivilcourage zu zeigen!
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Dem direkt betroffenen Sportler fällt das Ignorieren jedoch nicht leicht. Das weiß ein Rothaariger wie ich sehr gut, der zwischen Makel-Gefühl, Ärger, Verschüchterung und Jetzt-erst-recht-Stimmung schwankte, wenn er früher in gegnerischen Handball-Hallen oft genug als »rote Sau« beschimpft wurde.
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Archimedes hat allerdings nicht nur die Hebelwirkung beschrieben, sondern auch bewiesen, dass Nichtbeachtung von Aggression ins Auge gehen kann. »Noli turbare circulos meos!« (Störe meine Kreise nicht!), beschied er in Syrakus, in seiner eigenen Gedankenwelt gefangen, einem plündernden römischen Soldaten. Der schlug ihm den Kopf ab.
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Patentrezepte gibt es nicht. Schon gar nicht von mir. Nur der Denk-Ansatz steht: Gebt ihnen nicht den Punkt, von dem aus sie die Stadionwelt aus den Angeln heben können.
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Ui, damit es heute nicht zu moralisch wird, zu guter unernster Letzt eine schöne Schote unseres italienischen Freundes Mario Balotelli. Als er einen seiner Superschlitten durch London kutschierte, wurde er von Polizisten angehalten. Sie fanden bei ihm ein dickes Bündel Geldscheine und fragten ihn, warum er so viel Geld bei sich trüge. Antwort: »Weil ich reich bin.« Großkotzig? Nein. Eine nüchterne Tatsachenbehauptung.
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Wetten, liebe Leser, dass Sie ein Wort mit sechs Buchstaben kennen, in dem vier »o« vorkommen!? Auf geht’s: Unsereiner würde von den Polizisten nur gefragt: »Warum tragen Sie so wenig Geld bei sich?« – Antwort: »Weil ich arm bin.« – (Ich hab’s genau gehört, Ihr spöttisches »ooooch!«) (gw)

Baumhausbeichte - Novelle