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Neujahrsthemen (vom 2. Januar)

Jetzt wird auch das neue Jahr schon alt. Heute der zweite Tag, übermorgen das dritte Springen ….
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Mehr noch als in anderen Sportarten bleibt beim Skispringen das Erfolgsgeheimnis … ein Geheimnis. Niemand kann es lüften, allenfalls dran zupfen. So darf man beim Skispringen nicht denken müssen, auch wenn man denken können muss.
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Nur im Fußball ist alles ein bisschen anders. Hier haben die Experten die Statistik entdeckt und die Statistiker ihr Expertentum, und schon kennen wir das neueste Erfolgsgeheimnis: die zwingende Torchance, die für die Titelprognose wichtiger sei als die bereits erreichten Punkte  und Tore. Kleines Problem am Rande: In den letzten zwölf Spielzeiten holte der Torchancen-Beste nur sechs Mal den Titel. Eine Trefferquote also, in der sich Fachwelt, Statistik und wir Laien gemeinsam wiederfinden: fifty-fifty.
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Die Wissenschaft hat auch festgestellt, dass es keinen »Lauf« gibt und dass die Leistungsfähigkeit einer Mannschaft während einer Saison gleich bleibt. Na prima, dann kommt Eintracht Frankfurt in die Champions League. Nur Spielverderber erinnern da noch an die Abstiegs-Rückrunde. An die WAS? Vergessen, vergessen. Für immer.
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Niemand leidet an der Datenwut sinnfrei gesammelter statistischer Studien mehr als … Statistiker. Schließlich wissen sie selbst am besten, dass die Kohl-Doktrin (»Wichtig ist, was hinten rauskommt«) in ihrer Wissenschaft nur umformuliert gültig ist: Was hinten rauskommt, ist nur dann wichtig, wenn es vorne richtig reingesteckt wurde.
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Was falsch reingesteckt wird, (ver-)führt nicht nur im Fußball zu Gaga-Ergebnissen. Zwei hübsche Beispiele (gelesen in der »SZ«): Menschen, die Blondinenwitze mögen, sind auch für die Todesstrafe, und Frauen, die kurz vor dem Eisprung stehen, entdecken Schlangen im Gebüsch früher als andere Menschen. »SZ«-Fazit, dem ich mich vollinhaltlich anschließe: »Seit es ›Studien‹ gibt, ist der Wahnsinn in der Welt.«
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Warum Fußball-Experten, Statistiker, Spielsüchtige und sonstige Zocker (Börse!) so oft scheitern, ist schon längst soziologisch bewiesen: Es liegt an der »Kontrollillusion«, Unbeeinflussbares beeinflussen zu können. Eines führt dann leider zum anderen, und darunter leiden letztlich die anderen, denn: Vor allem Menschen, die sich überschätzen, geben sich gerne der Kontrollillusion hin, und da selbstbewusste Selbstüberschätzer oft auch von ihrer Umgebung überschätzt werden, klettern sie in der sozialen und beruflichen Hierarchie höher und höher. Ergebnisse sind in Politik und Wirtschaft zu besichtigen. Na ja, auch im Journalismus.
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Neujahrsspringen, Silvesterläufe, »Dinner for one« – same procedure as every year. Oder? Der »90. Geburtstag« feierte zwar 50. Geburtstag, war diesmal aber kaum noch telepräsent. Radiopräsent war dagegen gestern »unser« Henni Nachtsheim. Auf HR1 sprach er auch über »hessische Identität«, und da erlaube ich mir eine eigene statistische Erkenntnis: Auch May Warden  war eine Hessin. Das weiß ich, seit ein Kameramann petzte, dass Freddy Frinton auch im wirklichen Leben was mit ihr hatte, denn als er May bei den Proben zu »Dinner for one«  an der Hüfte berührte, kicherte sie: »Hör auf! Das gefällt mir!« Männer sagen, das ist weibliche Logik, Frauen sagen, das ist Männer-Phantasie von weiblicher Logik. Doch es ist eindeutig geschlechtsübergreifend hessische »Komm her, geh doch fort!«-Logik. Niemand kann das hessisch-»dreggischer« aussprechen als Henni: »Komm här, geh doch fott!«
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Jetzt wird sogar schon das neue Jahr alt. Heute der zweite Tag, übermorgen das dritte Springen … 2013 kommt här – und geht bald wieder fott. Für dazwischen eine gute Zeit wünscht:  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle