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Sonntag, 30. Dezember, 6:30 Uhr

Draußen dunkel und warm, drinnen auch. Nur der Bildschirm leuchtet. Keine nächtlichen Katastrophen, jedenfalls keine nachrichtlich gemeldeten. Private nächtliche Katastrophen schaffen selten den Sprung in die Nachrichten. Dafür können dpa und Co. die aktuellen Jubiläen abarbeiten: Celentano 75, Godot 60, Dosenpfand 10 Jahre.

Doch, zwei Katastrophen werden von dpa nachgearbeitet: Die Leiche der ermordeten jungen Inderin wurde nun verbrannt, der UN-Generalsekretär mahnt, Gewalt gegen Frauen dürfe nicht hingenommen werden. Und was ist mit Gewalt gegen Kinder? Männer? Menschen?

In New York ist eine Frau festgenommen worden, die einen Mann vor eine U-Bahn gestoßen hat, weil sie glaubte, er sei Hindu oder Moslem. Die hasst sie seit den Zwillingstürmen (was haben Hindus damit zu tun?). Noch gruseliger: Im Dezember wurde in New York schon einmal ein Mann auf die U-Bahn-Gleise gestoßen, auch er starb. Obwohl die U-Bahn erst mehr als eine Minute später kam. Niemand hatte ihm von den Gleisen geholfen.

Wenn ich weiter in derartigen Nachrichten wühle, kriege ich noch Depressionen. Die sind zusammen mit Burn-out, Angstzuständen und ähnlichen psychischen Erkrankungen der häufigste Grund für Frühverrentungen. Ich dagegen bin spätverrentet: 65 plus ein Monat, da erster Jahrgang mit Einstieg in die “Rente mit 67″. Jüngere werden noch älter verrentet, Jahrgang 48 muss schon zwei Monate drauflegen. Letzte Worte dazu (sonst klingt’s langsam nach Kokettiererei): Bei mir ist’s der ganz normale und reguläre Vorgang: Wenn Angestellte das Rentenalter erreichen, sind sie Rentner und keine Angestellten mehr. Also auch keine Chefredakteure, Amtsräte, Richter, Sachbearbeiter usw. Natürlich können diese Rentner auch freiwillig weiter arbeiten, wie und was auch immer. Dann sind sie Freiberufler, quasi Ein-Mann-Unternehmen. Wenn sie großes Glück haben, können sie das, was sie am besten können und am liebsten wollen, weiter machen wie bisher und das, was weniger Freude macht, einfach lassen.  Ich kann das und ich mach das, und dass ich es beim alten Arbeitgeber mache (und nicht bei dessen Konkurrenten oder wo ganz anders oder was ganz anderes), sollte Beweis genug sein, dass beide Seiten miteinander sehr zufrieden sind.

Das beantwortet auch eine in der “Mailbox” (Link rechts) aufgeworfene Frage. Dort werden gleich nach diesem Blog-Eintrag vier letzte 2012-Mails zu lesen sein, von langjährigen und sehr geschätzten Kolumnen-Begleitern. Eine der Mails ist sogar die Lösungs-Mail zur Dezember-Runde von “Wer bin ich?”, für die erst morgen Einsendeschluss ist. Dass sie gefahrlos frühveröffentlicht werden kann, hat seinen Grund.

Ach ja: Adriano Celentano wird 75. “Und die Zeit und die Zeit und die Zeit …” sang einmal ein “Monsieur 100000 Volt” (Gilbert Becaud). Celentano, der verrückte Kerl, hat noch ein paar hunderttausend Volt mehr. Una festa sui prati!

Warten auf Godot wird 60. Das meisteste Stück auf deutschen Bühnen. Das Stück, in dem auch Harald Schmidt schon mitspielte, jener geniale Zyniker, der leider auch glaubt, seine Leidenschaft für die Schauspielerei sei schon Schauspielkunst. Zu besichtigen auch im ZDF-Traumschiff. Seitdem ist für mich Berti Vogts (einst Kaninchen-Mann im Tatort) nur der zweitschlechteste Schauspieler der Welt.

Das Dosenpfand wird 10. Dosenpfand? Noch nie damit zu tun gehabt. Auch, weil ich keine Six-Packs (mehr) habe. Eher Sitz-Packs. Und die kommen nicht von flüssigen Six-Packs. Viel mehr von Spritzgebäck und so. Außerdem stehe ich auf dem (Wein-) Schlauch.

“Montagsthemen”-Themen? Noch keine Ahnung. Vielleicht räubere ich ein bisschen im eigenen Sonntagmorgen-Blog. Rein soll aber auch, traditionell in der Silvester-Kolumne, ein Rätsel. Alter Dosen-Wein (gibt’s ja auch) in neuen Schläuchen. Da lachen nicht die Hühner, da meckern höchstens die Ziegen, denen ich ihr Rätsel-Problem für eine Fußballversion klaue. Bis dann.

Nachtrag 7:30 Uhr:

Oh, schon eine Stunde vertrödelt. Aber das muss noch rein, hübschester dpa-Verschreiber in den Nachtmeldungen:

(dpa) – SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück führt die
Popularität von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) darauf zurück,
dass sie eine durchsetzungsstarke Frau ist und bescheiden wirkt.
«Angela Merkel ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat», sagte
Steinbrück der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Weibliche
Wähler würden ihre Durchsetzungskraft in hohem Maße anerkennen. Die
Kanzlerin habe sich «in einer Männerwelt durchgesetzt, wirkt sehr
unprätentiös und tritt bescheiden auf.» Auch bei SPD-Wählern komme
das gut an. «Das heißt aber nicht, dass ich als der Gottseibeiuns
wahrgenommen werde», fügte Steinbrück hinzu.

Sein Verhalten will der Kanzlerkandidat nicht an den Vorteilen
seiner Gegnerin im Bundestagswahlkampf ausrichten. Er werde nicht
versuchen, sich grundsätzlich zu ändern oder in einem Kurs zu lernen,
Beliebtheitspunkte zu sammeln. «Das würde ohnehin als Schauspielerei
entlarvt», sagte Steinbrück. Wahlen würden nicht nach Beleibtheit
entscheiden. 2005 sei er als Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens
beliebter gewesen als sein damaliger Kontrahent Jürgen Rüttgers von
der CDU und habe trotzdem die Landtagswahl verloren.

Wenn Beleibtheit entscheiden würde, wäre aber manches besser, glaubte jedenfalls Cäsar, dem Shakespeare andichtete (ich übersetze es mal “by heart” und aus dem Kopf und ohne Wikipedia): “Lasst dicke Männer um mich sein und solche, die die ganze Nacht schlafen. Aber (der dünne) Cassius  hat einen schiefen und hungrigen Blick. Er denkt zuviel, und das ist gefährlich.”

 

 

Baumhausbeichte - Novelle