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Dr. Hans-Ulrich Hauschild hält (k)eine 2029-Festrede

2029? Na, da bin zu alt, um die Festrede zu halten. Würden Sie so wie so nicht, keiner will Sie hören. Und wenn Sie 85 Jahre alt sind schon gar nicht. Schade, hätte Ihnen allen so gerne etwas zu gw. und seiner Antizeitgeist – Kolumne gesagt.

Dann also im Vorgriff meine Antwort auf Ihre Einladung zum Jubiläum am 1.10.2029 im Deutsche Bank Saal des ehemaligen Rathauses Gießen, jetzt Zentralverwaltung der Daimler-Stadt Gießen (die Stadtverwaltung ist, wie die Landes- und Bundesregierung, längst privatisiert).

Leider kann ich nicht zu Ihrer Jubelfeier kommen. Ausgangsverbot für über 70jährige. Für Sie gilt vielleicht eine Ausnahmegenehmigung, wie sie in § 56 b, Satz 1, WASges normiert ist. Mit diesem Gesetz, Sie erinnern sich, wollte die Jamaika – Koalition im Jahre 2021 sowohl die Renten armutsfest als auch bezahlbar für die »jüngere Generation« halten. Die Armutsgrenze wird in § 3, Satz 4 wie folgt definiert: »arm im Sinne dieses Gesetzes ist, wer weniger als 5 % des durchschnittlichen Einkommens eines Arbeitnehmers mit mindestens sechs Semester Hochschulstudium bezieht«. Sie erinnern sich ebenfalls, Sie machten eine Bemerkung im Anstoß Oktober 2021 dazu, dass das Durchschnittseinkommen sich auf 5.000 Euro belief. Arm war und ist also jemand, der monatlich 250 Euro und weniger zur Verfügung hat. Alle anderen gelten als nicht hilfebedürftig.

Konsequent dazu bestimmt § 19, Satz 1: »Bewohnern der Bundesrepublik Deutschland in der Fassung des GG, Artikel 116 x wird das Wahlrecht entzogen, wenn sie

das 70. Lebensjahr vollendet haben – dies gilt nicht für Bewohner, die ein mit 3 % zu versteuerndes Vermögen von 56 Mio und mehr aufweisen.«

§ 112 sagt: « Menschen oberhalb der Armutsgrenze im Sinne von § 3, Satz 4 dieses Gesetzes werden ab ihrem 70. Lebensjahr in großzügig auszustattende Altenresidenzen überwiesen«. Für diese Unterbringung haben sie selbst aufzukommen. Für Menschen unterhalb der Armutsgrenze bestimmt das Nähere eine Rechtsverordnung«.

Da ich, lieber Herr Steines, keine Ausgangsgenehmigung bekomme, mir auch ein Ausgang gar nicht leisten könnte, da mein Äußeres genau so aussieht, wie man sich einen alten Mann vorstellt: Trainingsanzug, keine Schuhe, ungepflegt, muss ich Ihnen also leider absagen. Aber danke, dass Sie an mich gedacht haben.

Ich leiste mir schließlich noch den Hinweis auf zwei aufklärungsbedürftige Sachverhalte, weil sich vielleicht niemand mehr daran erinnert:

Was ist das WASges? Das Gesetz zur Sicherung des Wohlstandes für alle. Was war und ist die ewige Jamaika – Koalition? Unter der Führung von A. Merkel, Salär aus den Händen der Daimler AG ca. 1 Mio Euro, haben sich die Jungen Liberalen, die Jungen Grünen und die Jungen Christen in der Union als Parteien verselbständigt. Sie erreichen jedes Mal zusammen ca. 99 % der Stimmen. Die Mitgliedszahlen bewegen sich bei bundesweit jeweils ca. 1.000. Die Jungen Liberalen (Zusatz: marktradikal, jungendlich, gesund und frisch) hatten bei der letzten Bundestagswahl im Jahre 2029 genau 1.200 Stimmen, aber das waren dann 18 % der abgegebenen Stimmen (18 %? – Westerwelle hatte es wohl auf den Schuhsohlen kleben). Die SPD ist in den Jungen Liberalen aufgegangen. Die die überwiegende Mehrheit ja gar nicht stimmberechtigt ist und der Rest nicht hingeht, reicht das.

Nun, das alles wird keiner sagen bei Ihrer Jubelfeier, weil ja keiner da ist, der es sagen könnte oder dürfte. Bleibt die Erinnerung:

»Die Ideologie des Wachstums ist der fatale Systemfehler unserer Zeit und die »Gewinnwarnung« ihr perversestes Symptom.«(Anstoß vom 16.12.2012, 5.30 Uhr) – heute, 2029, wäre ein solches Satz nicht mehr möglich, weil ihn keiner verstünde, nicht inhaltlich nicht, sondern er würde wie eine Fremdsprache wirken.

Herzlichst an alle, die wenigstens noch eine Zeitung lesen können (für 1.000 Heimbewohner eine Zeitung).

 

Ihnen und den heutigen Kolumnenlesern wünsche ich trotz allem, oder eigentlich gerade deswegen, ein gesegnetes Neues Jahr 2013.

Herzliche Grüße

Ihr

Hauschild

Baumhausbeichte - Novelle