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Sport-Stammtisch (vom 29. Dezember)

In Hoffenheim wollte Hopp mit dem Hockey-Guru Peters als »Direktor für Sport und Nachwuchsförderung« (hochtrabender ging’s nicht) nachhaltigen Erfolg einkaufen, VW versucht dies in Wolfsburg mit Allofs und Hecking, und in Gießen zerbröselt ein Basketball-Urgestein. Drei scheinbar nicht zusammengehörige Jahresendzeit-Desaster des Sports, doch in Wahrheit die Kehrseite einer einzigen Medaille.
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Keine Angst, dies wird keine sportmoralische Kolumne. Aber wahrscheinlich eine aus der Zeit gefallene. Altvorderers Gefühl: Das Urgestein begann schon vor Jahren zu zerbröseln, als Saison für Saison immer neue ausländische Wanderarbeiter kamen und gingen, bevor man sich ihre Namen merken konnte.
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Apropos Namen. Wie isses bloß möglich, dass sich die deutschen Basketball- und Eishockeyklubs in sprachlicher Ranschmeiße an amerikanische Vorbilder derart affige Namen geben? Gegenüber anderen Trendamerikanismen wirken die Gießener »Fordisicksers« ja schon fast unaffig unauffällig.
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Wäre der Stammverein ein Jahr früher gegründet worden, hießen die »Fordysicksers« nun »Fordifeifers«, was wenigstens ansatzweise hessisch klingt. Aber für Missverständnisse sorgen könnte. Wie bei jenem hessischen Touristen in den USA, der sich im Drugstore eine Dose Niveacreme kaufen wollte und nach dem Preis fragte. »Hau matsch?« – »Fortyfive.« – Nee, fürs Gesicht.«
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Sorry. Wieder aus der Zeit gefallen, diesmal ins Vorpubertäre. Wie zurück zur Ernsthaftigkeit? Am besten mit der »Zeit« und mit dem Thema, bei dem wir alle keinen Spaß verstehen: Gott. Deutschland regt sich auf, weil die Familienministerin aus dem männlichen Gott das Gott machen will. Was so noch nicht einmal stimmt, denn auf eine »Zeit«-Fangfrage hatte sie sachlich geantwortet: »Der Artikel hat nichts zu bedeuten. Man könnte auch sagen: das liebe Gott.« DAS allerdings könnte ebenfalls zu Missverständnissen führen. Wenn beispielsweise meine Mutter nicht »der Mensch« sagte, sondern »das Mensch«, steckte stes eine gehörige Portion Verachtung im Artikel.
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Na ja, ist wohl nicht ernsthaft genug. Jetzt aber: Alle Rückblicke sind geschrieben, gedruckt und gesendet, alle Sportler des Jahres gewählt – nur meiner fehlt noch. Er heißt Coskun Öztürk, ist Spielertrainer bei einem schwäbischen Fußball-Kreisligisten und Ringer beim Bundesliga-Aufsteiger Triberg. Dort hat er in dieser Saison allerdings noch keinen Kampf bestritten, als Fußballer pausierte er ebenfalls lange. Er klagte über Kopf- und Knochenschmerzen sowie über Müdigkeit, was seinen Vereinen suspekt vorkam. Drückte er sich? Warum? Erst spät rückte Öztürk mit der Wahrheit heraus: Er hatte sich typisieren lassen, als die Freundin eines Mitspielers Leukämie bekam. Jetzt, Jahre später, bekam er Post von der Deutschen Knochenmarkspenderkartei (DKMS) – seine Gewebemerkmale passten zu einem Kranken aus Frankreich, dessen Leben er retten konnte. Öztürk überlegte nicht lange, er spendete. Und litt an Nebenwirkungen, die bei ihm besonders stark ausfielen, weil seine Milz nach einem Ringerunfall vorbelastet war. Öztürk sprach nicht darüber, auch auf die Gefahr hin, als Simulant zu gelten. »Ich wollte nicht jedem mein Leid mitteilen.« Erst als die DKMS signalisierte, für das Stammzellenspenden wäre es förderlich, wenn seine Geschichte bekannt würde, gab er sein Einverständnis, die »Süddeutsche Zeitung« (aus der meine Informationen stammen) berichtete – und ich hatte meinen Sportler des Jahres gefunden.
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2012 ist schon fast vorbei – wie schnell die Zeit vergeht! Aber tut sie das wirklich? Gibt es sie überhaupt? In Martin Suters neuem Roman »Die Zeit, die Zeit« behauptet ein alter Mann, Zeit existiere nicht, es gebe nur Ereignisse, und wenn er ein vor dem Tod seiner Frau entstandenes Foto exakt nachstelle, könne er sie wieder lebendig machen. Schräg. Aber dass die Zeit keine feste Größe, sondern zumindest relativ ist, weiß auch jeder Nicht-Einstein, wenn er an die blitzschnelle letzte Minute beim Heimspiel seines knapp zurück liegenden Lieblingsklubs denkt und an die endlosen Sekunden vor dem Abpfiff, wenn er in Führung liegt.
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Kinder haben eine andere Methode als Suters alter Mann, die böse Realität zu überlisten: Sie halten sich einfach die Augen zu. Auch ich habe in diesem Jahr versucht, die Zeit durch Ignorieren zu überlisten. Aber mehr als nur einige Leser haben es be- und, ja, leicht befremdet angemerkt. In diesem Zusammenhang danke ich herzlich für liebe Wünsche und Nachfragen. Zwei für alle, erst gestern eingetroffen: Susanne Zitelmann (Ettingshausen) fragt sich – in selten schöner Handschrift – beim Blick »ins Impressum, ob Sie Fluchtfantasien hegen«, und Dr. Paul Limberg (Linden) »verwundert, wie still und leise, man könnte auch sagen: wie sang – und klanglos Sie, lieber gw, aus der Redaktion ausgeschieden sind«.
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Tja. Augen zu und durch hat nicht funktioniert. Die Realität zu ignorieren, gelingt weder Kindern noch alten Männern. Ich wollte und will einfach weiterschreiben wie bisher, ohne Irritationen durch irgendwelche zeitlichen Nebensächlichkeiten wie das Erreichen des Rentenalters. Als letzte Amtshandlung habe ich daher mit letzter Autorität verlangt, jeden Abschieds-Sang und Klang zu unterlassen. Tut mir leid, damit manche Leser und auch Kollegen verwundert und befremdet zu haben. Vorschlag zur Wiedergutmachung: Im Juni 2029 wird diese Kolumne 50 Jahre alt. Wenn Sie und ich und diese Zeitung so lange durchhalten, feiern wir dann ein Riesenabschiedsfest. Und bis dahin gilt des Urgesteines hessisches Motto: Nicht zerbröseln, sondern – als weider! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle