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Das war’s im Oktober: “Il grande”, die Brause-PR und ein fatales 4:4

Wiesenhof, der neue Trikotsponsor von Werder Bremen, geht in die PR-Offensive und sogar kritischen Fragen nicht aus dem Weg. »Haben Sie auch schon mal Mitleid mit den Hühnern im Schlachthof empfunden, die nach 30 Tagen filetiert werden?«, fragt die FAZ den Wiesenhof-Vorstand Peter Wesjohann. Antwort: »Das Leben ist vergänglich, der Tod gehört dazu.« Da lachen ja nicht mal die Hühner.
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Gottgläubige und atheistische Naturwissenschaftler: Die einen wissen, dass sie glauben, die anderen glauben, dass sie wissen. Was glaube ich? Dass am Tag nach dem Jüngsten Tag die Schlagzeile von »Bild« lauten würde: ALLES GANZ ANDERS!
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Lothar Matthäus ist ein Pionier der postironischen Zeit. In seiner Biografie klärt er Grundlegendes: »Egal, wo ich in Italien hinkomme, ob auf Sizilien, in Rom, in Verona oder selbst beim Italiener in München – ich habe dort einen Spitznamen: Il grande. Der Große. Wer in Italien ›grande‹ sagt, meint ›Grande Lothar‹. Nur hier, in Deutschland, bin ich ›der Loddar‹«. – Wenn die höchste Ausprägung der Postironie jene ist, selbstironisch zu sein, ohne es selbst zu merken, dann ist Lothar Matthäus in der Tat »Il grande«. Loddar – Allmächtiger! Hilf! Ihm!
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»Fahrradhelme sind schlecht für die Organspende. Sie schützen vor Hirntod.« (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
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Eine Sonderausgabe des SZ-Magazins, in dem Frauen ihren Traummann beschreiben. Leider bin ich nicht dabei. Außer vielleicht bei einer, der Textchefin des Magazins. »Sie kann sich nur in einen Mann verlieben, der ihren Humor zu schätzen weiß«, lese ich, und dann listet sie einige ihrer Lieblingswitze auf. Zum Beispiel den: »Kommt ein Mann zum Bäcker: ›Grüß Gott, ich hätte gern sechs Semmeln.‹ Sagt der Bäcker: ›Nehmen Sie doch sieben, dann haben Sie eine mehr.‹«
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(Einen Moment bitte. Muss mich sammeln, hatte mich vor Lachen weggeschmissen. So, weiter geht’s:) Irrwitzig genial blöd. Ich hätte nur nie gedacht, dass Frauen über so etwas lachen. Aber Vorurteile sind ja da, um abgebaut zu werden.
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»Bis heute verfolgt mich der Albtraum, dass meine Mutter mich morgens weckt und sagt: Steh auf, Arnold, geh zur Arbeit. Und ich bin im Dörfchen Thal in der schönen Steiermark geblieben, und dieses ganze wundervolle Leben, mein Leben, hat nicht stattgefunden.« (Arnold Schwarzenegger im Zeit-Magazin)
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Da lässt sich einer wie ein nasser Sack vom Himmel fallen, die Welt schaut fasziniert zu und findet es toll, toll, toll. Auch, weil die Brause-PR-Maschine braust und braust und extreme Idiotie als grandiosen Extremsport verkauft. Früher ließen sich lebensmüde den Lebenskick Suchende in ein Fass stecken und stürzten sich die Niagarafälle hinunter.
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Die rotbullige Brause-PR will uns einreden, das Vomhimmelplumpsen sei Abenteuer, ähnliche Spielchen mit dem Tod ein wahres Lebenselixier, und wer das nicht nachempfinden könne, müsse ein furchtbar langweiliger Spießer sein. Dann bin ich halt einer.
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Man denke es mal vom anderen Ende her: Der Ösi würde vor den Augen der lebenselixiergeilen Weltöffentlichkeit verglühen und in Bruchstücken aufklatschen – grandioser Extremsport? Aus fasziniert dem Megasuperevent Zuschauenden würden in Überschallgeschwindigkeit noch viel fürchterlichere Spießer als ich, die empört-betroffen ein Verbot derartig perverser Spektakel forderten. Aber nicht der Stratosphärenspringer ist pervers, sondern die Welt, in die er beifallumrauscht springt.
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Wer braucht solch ein Spektakel, um sich lebendig zu fühlen? Wer innerlich scheintot ist?
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Über das Warum und Wieso zerbricht sich halb Deutschland die Köpfe. Von Bierhoff bis zu den Stammtischen wollen jetzt alle »knallhart analysieren«. Aber bitte – was denn? Solch einen Spielverlauf gab es noch nie, er ist rational nicht fassbar, auch fußballerisch nicht. Zu analysieren wären der Rausch bis zum 4:0 und der 0:4-Kater danach, aber diese zwei Hälften lassen sich nicht zu einem Ganzen zusammenanalysieren. Sie sind bestenfalls psychoanalysierbar, wahrscheinlich aber nur kaffeesatzlesbar.
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Nur der fatale Trend, der ist da und erhält neue Triebkraft. Schon der alte Lineker-Satz vom Fußball, bei dem am Ende immer die Deutschen gewinnen, wirkte manchmal wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Auch wenn es genügend Spiele gab, die Deutschland mit oder ohne Rumpelfußball verlor, der plakative Spruch hatte sich in den Köpfen von Freund und Feind festgesetzt und wirkte als leichter psychologischer Vorteil. Jetzt aber kehrt sich der Trend um: Egal, wie es steht, gegen Deutschland geht immer was. Fatal, fatal. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle