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Sport-Stammtisch (vom 22. Dezember)

»Glückslose« und »leichte Gegner« für die deutschen Klubs, war überall zu lesen, auch bei uns. Glückslose? Bayern, Dortmund und Schalke konnten als Gruppensieger sowieso nicht auf die allergrößten Kaliber treffen, und im verfügbaren Rest gab es einen Klub, gegen den niemand spielen wollte: Donezk, unbequem als Gegner und als Reiseziel. Auch Arsenal und Galatasaray sind nicht ohne, so dass solche Glückslos-igkeit mit etwas Glücklosigkeit schnell das Aus bedeuten kann.
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Im Europacup verhindert der vorab selektierende Auslosungsmodus das, was das reine Los im DFB-Pokal angerichtet hat. Viel zu früh treffen München und Dortmund aufeinander, alle sind kreuzunglücklich damit. Beim vielzitierten »Tanz auf drei Hochzeiten« wird einem vorzeitig die Musik abgedreht, und wenn dann noch Glücklosigkeit beim Glückslos dazu kommt …
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Aber sehen wir es positiv, wie Bayern-Boss Rummenigge, der statistisch abgesichert behaupten kann, in dieser Saison gegen den BVB »noch unbesiegt« zu sein. Bin ich übrigens auch, und ich habe nur einmal weniger gegen den BVB gespielt als die Bayern (Super- und sonstige Suppencups zählen nicht, das sind Vorsaisonspielereien).
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Positiv auch, dass im DFB-Pokal nicht manipuliert wird. Jedenfalls nicht beim Losen. Ansonsten wird fast überall manipuliert, so oder so, und dass im Breiten-, Fitness- und Alterssport alle Dämme brechen, wenn Überehrgeizige und/oder im echten Sportlerleben zu kurz Gekommene und in einer Midlife-Krise Steckende ihrer Leistung pharmazeutisch auf die Sprünge helfen, habe ich schon zu Beginn der Dopingdiskussion behauptet und als deren Nebenprodukt vorausgesagt.
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Was aber selten etwas mit Doping im Wortsinn zu tun hat, denn wer außerhalb von  Wettkämpfen, die unter der Regie eines dem DOSB angeschlossenen Verbandes stehen, sportlich tätig ist, dopt nicht, weil es das Delikt Doping nur im verbandlich organisierten Sport gibt. Wer auf den Mont Everest steigen, durch die Antarktis wandern oder eben die Alpen per Rad überqueren will, dopt nicht, wenn er »dopt«, sondern begeht Medikamentenmissbrauch. Was allerdings schlimm genug ist. Dies tat auch jener Extremradfahrer, der offenbar starb, als er sich eine Epo-Spritze setzte. Der »Spiegel« macht daraus einen Doping-Skandal, der aber keiner ist, sondern »nur« die tragische Geschichte eines weiteren Drogentoten, die ohne das Reizwort Doping nur in einer Kurzmeldung der Lokalpresse auftauchen würde.
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Der Extremradfahrer betrieb einen Radverleih auf Zypern, dort hatte ihn auch mein Kollege »mö« kennengelernt und »schon damals den Eindruck, dass er in seinem Leben nur gut Radfahren und Räderreparieren kann und deshalb Existenzängste hat«. Scheint also ein typischer Fall gewesen zu sein von – siehe oben – Überehrgeiz eines zu kurz Gekommenen und in einer Midlife-Krise Steckenden. Das ist nicht nur kein Doping-Problem im Sinne des Wortes, auch kein Problem nur des Sports, sondern ein alle angehendes und viele betreffendes.
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Überhaupt scheint Überehrgeiz bei Extremausdauerleistern äußerst schädliche Nebenwirkungen zu zeitigen, denn (Achtung, liebe ernsthafte Leser, jetzt starten wir in die etwas alberne Schlussetappe) die Wissenschaft hat festgestellt, dass bei Ultramarathonläufern die grauen Zellen  schrumpfen. Ebenfalls im »Spiegel« lese ich von einem sehr zweifelhaften Trost: »Die Zellen des Denkorgans sterben nicht, sie schrumpfen nur. Acht Monate nach dem Ultramarathon hatten die Gehirne wieder ihre ursprüngliche Größe erreicht.« – Aber welcher Ultramarathonmann hält es mindestens acht Monate lang ohne Ultraläufe aus, um nicht buchstäblich laufend zum Schrumpfkopf zu werden?
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Doch womöglich lauern die Gefahren weniger im Laufen als in derartigen Studien. So will die Forschung wissenschaftlich sauber bewiesen haben, dass Männern nicht nur beim Laufen, sondern auch beim bloßen Denken das Gehirn schrumpft … sie müssen bei Tests nur Bilder blonder Frauen betrachten, und schon geben sie dümmere Antworten als zuvor. Grund: Sie reduzieren ihre Hirntätigkeit, um auf eine Stufe mit den Blondinen zu kommen. Dies ist kein Blondinenwitz, sondern Wissenschaft. Aber auch die kann ein Blondinenwitz sein.
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Hübsch auch die Erkenntnis, dass Menschen mit großen Füßen größeres Geld verdienen als Kleinfüßige. Ich muss nicht einmal wissen, dass diese Studie durch nicht berücksichtigte Messgrößen (»Confounder«) verfälscht wurde. Mir reicht die eigene Privatstudie beim Blick auf die Füße der reichsten Männer der Welt. Geschätzte Durchschnittsgröße: 39. Meine Schuhgröße: 47. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle