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Die Heiligen Drei Könige

Liebes Eintracht-Tagebuch, am Sonntagabend hatte ich ziemlich ungewöhnlichen Besuch. Als ich nämlich die Tür öffnete, weil es geklingelt hatte, standen die Heiligen Drei Könige vor mir. Erst dachte ich, dass es ein paar Kinder aus der Nachbarschaft seien, die sich verkleidet hätten. Aber bei genauerem Hinsehen war schnell klar, dass das hier erwachsene Männer waren. In edlem Gewand, mit langen Bärten und einer spürbaren Ernsthaftigkeit, sodass ich schnell begriff, dass sie das wirklich waren!

Etwas verunsichert bat ich sie also einzutreten, was sie tatsächlich auch taten. Würdevoll nahmen sie an meinem Esstisch Platz und sahen sich interessiert im Raum um. Ich fragte sie, ob sie etwas trinken wollten, worauf sie mir antworteten, dass etwas Warmes gut wäre. Sie seien schon länger unterwegs und die Temperaturen um den Gefrierpunkt seien für Männer in ihrem Alter auch nicht mehr so wegzustecken wie vor ein paar Tausend Jahren.

Da ich keinen Tee zur Hand hatte und meine Kaffeemaschine defekt war, machte ich ihnen heißen Apfelwein mit etwas Zimt, was ihnen offensichtlich gut mundete. Schnell hatten alle drei mehrere Tassen getrunken, und ihr würdevolles Verhalten wich langsam einer gewissen Lockerheit und Fröhlichkeit.

Endlich traute ich mich zu fragen, was sie denn zu mir führe, oder ob sie sowieso jeden hier in der Straße besuchen würden, so wie die Kinder bei Halloween. »Nein, nein, nur auserwählte Leute«, erklärte der offenbar Älteste von ihnen. »Wieso denn auserwählt?«, fragte ich, aber anscheinend waren Fragen dieser Art nicht erwünscht. Das sei ihre Sache, alles hätte schon seinen Grund. Dann erklärten sie mir, dass sie leider wirtschaftlich nicht mehr in der Lage seien, die Besuchten mit Gold oder ähnlichen Schätzen zu beschenken, Myrrhe und Weihrauch seien zurzeit auch aus, aber dennoch hätten sie etwas mitgebracht, von dem sie sicher seien, dass es mir Freude bereiten würde. Dann zog einer etwas aus rotschwarzem Stoff aus seiner königlichen Tasche und überreichte es mir mit gütigem Nicken. »Ist das nicht die Aufgabe des Weihnachtsmannes, in dieser Zeit Geschenke zu bringen?«, traute ich mich erneut zu fragen. »Im Prinzip schon, mein Sohn, aber wie gesagt, für eine Gruppe Auserwählter gibt es Ausnahmen. Möchtest du nicht schauen, was genau dein Geschenk ist?«

Natürlich wollte ich, und als ich das Bündel Stoff auseinanderwickelte, hielt ich plötzlich ein Trikot von Eintracht Frankfurt in den Händen. Mit jeder Menge Unterschriften darauf. »Signiert vom kompletten Kader!«, erklärte der Jüngste von ihnen. »Wir glauben, dass dies das Richtige für einen wie dich ist. Denn wie wir erfahren haben, bist du nicht nur ein großer Anhänger dieses Vereins, sondern bist sogar … wie heißt das noch mal …?« »Mitglied!«, rief ich aufgeregt: »Ja, das stimmt, direkt nach dem letzten Abstieg bin ich aus Trotz Mitglied geworden!«
Wie aufgedreht plapperte ich jetzt auf sie ein, erzählte ihnen, was für eine hammergeile Saison das gerade sei, wie glücklich wir Eintracht-Fans zurzeit wären, schwärmte ihnen von diesem sauguten Trainer vor und erzählte freudestrahlend, dass wir zuletzt den VfL Wolfsburg beherrscht hatten. »Die hatten null Chancen!«, log ich, ohne es zu merken.

Die drei hörten mir lächelnd zu, tranken jeder eine letzte Tasse Äppler und verabschiedeten sich dann. Nachdem ich die Haustür hinter ihnen geschlossen hatte, ging ich in die Küche, von wo aus ich sie noch einen Moment lang in meinem Vorgarten stehen und miteinander reden sah. Durch das gekippte Fenster konnte ich sogar noch einige Gesprächsfetzen aufnehmen. Da es draußen aber recht windig war, verstand ich nicht alles, meinte aber Satzbrocken aufzuschnappen wie: »Haben wir jetzt alle Mitglieder durch, Heribert?« »Nein, noch gute hundert, Armin!« »Das nächste mal machen wir das wieder per Post, Bruno!« »Der Bart kratzt wie die Sau!« oder »Oh Mann, der Apfelwein treibt aber!« Ich kann mich aber auch verhört haben.
Ich war zwar bislang immer der Meinung, dass die Heiligen Drei Könige irgendwie anders hießen und zudem nur ganz besondere statt normale Menschen besuchen. Und auch dass sie Letztere sogar noch mit Accessoires ihres Lieblingsklubs beschenken, war mir neu. Ganz abgesehen davon, dass ich es nie für möglich gehalten hätte, dass ausgerechnet einer von denen mal in meinen Vorgarten pinkelt. Andererseits bin ich aber auch alles andere als bibelfest und hab deswegen vermutlich einfach zu wenig Ahnung.

Und unterm Strich ist es sowieso egal! Die berühmten drei Könige waren hier bei mir und haben mir ein signiertes Trikot meiner Lieblingsmannschaft geschenkt. Da hatte ich schon schlechtere Jahresausklänge! Schöne Weihnachten und einen guten Rutsch!  Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle