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Sonntag, 16. Dezember, 5.30 Uhr

Die Raupe Nimmersatt und das Dogma Wachstum. Niemand zwingt mich, so früh aufzustehen, mich an den Computer zu setzen und über Sport, Gott & die Welt zu schreiben. Zum Beispiel lästige Sätze, die im Hirn rotieren und zwischen Nacht, Traum und Tag den Schlaf verscheuchen. Wie dieser: Die Ideologie des Wachstums ist der fatale Systemfehler unserer Zeit und die “Gewinnwarnung” ihr perversestes Symptom. Zwingt mich wirklich niemand, so früh aufzustehen, mich an den Computer zu setzen und solch einen lästigen Satz, der im Hirn rotiert … und rotiert … wirklich niemand? Oder ist ein Neuroparasit in meinen Körper eingedrungen, hat das Nervensystem gekapert und das Verhalten von mir, seinem Opfer, manipuliert, um eigene Ziele zu erreichen? Bin ich also ein Zombie?

Keine Angst, ich bin nicht völlig übergeschnappt. Das war nur ein kleiner Umweg zu einem Text, der vor einer Woche im “Wissen”-Ressort der “Süddeutschen Zeitung” erschienen ist und dessen Überschrift und Unterzeile Anlass waren, den Artikel auf den Kolumnenmaterialsammlungshaufen zu legen: “Herrscher über die Zombies – Neuroparasiten dringen in die Körper anderer Lebewesen ein und kapern deren Nervensystem. Dann manipulieren sie das Verhalten ihrer Opfer, um eigene Ziele zu erreichen. Eine bizarre Choreografie des Grauens.”

Erst gestern den kompletten SZ-Text gelesen (der sich wiederum auf das “Journal of Experimental Biology” beruft). Bizarr, in der Tat. Hirnforscher, die die Nichtexistenz des freien Willens rein neurologisch-anatomisch bewiesen zu haben glauben (das In-Thema wissenschaftsfixierter Feuilletons), sollten lieber den hässlichen Monsterminiwürmern auf die eklige Spur kommen, von denen, wenn die Erinnerung nicht täuscht bzw. von diesen Monsterminis aufgefressen wurde, schon meine frühen Lieblingsautoren in meinen frühen Science-fiction-Fan-Jahren gewarnt haben. Nein, nicht Ron Hubbard! Der ist selbst solch ein fadenwürmiger Hirnfresser wie der Myrmeconema  neotripicom. Dieser “kapert das Nervensystem von Ameisen  der Art Cephalotes atratus, die in Südamerika leben, und steuert deren Verhalten. Hat der Parasit die Kontrolle über das Insekt übernommen, färbt er dessen Hinterteil um, so dass es statt schwarz knallrot leuchtet. Ist die Zeit gekommen, gibt der Parasit im Ameisenleib den Befehl, nach roten Beeren zu suchen. Willenlos setzt sich die Ameise zwischen die Früchte, reckt ihren roten Hinterleib in die Höhe und verharrt. Damit beginnt Phase zwei des Fadenwurm-Plans. Er muss in den Verdauungstrakt eines Vogels gelangen, um sich fortzupflanzen, Eier zu legen und diese über den Kot des Wirtes in die Welt zu entlassen. Weil der rote Leib der zum Zombie verwandelten Ameise den Beeren so sehr gleicht, wird irgendwann ein Vogel zupicken. Der Lebenszyklus des Wurms beginnt von Neuem.”

Welch ein fiese Möpp! Und diese ekligen Schmarotzer, deren Erforschung gerade erst beginnt, sollen nicht nur das Verhalten von Tieren, sondern auch das von uns Menschen manipulieren. So steht ein Neuroparasit im Verdacht, das Paarungsverhalten von Frauen zu manipulieren – indem er Männer befällt. Auf diese Idee kamen die Neuroparasiten-Forscher durch den Toxoplasma gondii: “Weibliche Ratten meiden es normalerweise, sich mit von Parasiten befallenen Männchen zu paaren. Doch mit Toxoplasma gondii infizierte Rattenmännchen üben eine besondere Anziehungskraft auf Weibchen aus: Sie produzieren mehr Testosteron.” Und so vermutet nun das “Journal of Experimental Biology”, dass auch infizierte Menschenmänner zur Testosteron-Überproduktion gezwungen werden und im Schritt drei Zentimeter größer als nichtbefallene sind, maskuliner  und daher attraktiver (im Schritt? Könnte sein. Ist aber ein Schreibfehler von mir. Muss “im Schnitt” heißen).

Und was hat das alles mit der Ideologie des wirtschaftlichen Wachstums und der “Gewinnwarnung” zu tun? Manche Menschen  halten den Primat des Wachstums für einen Fetisch, für ein Schneeballsystem, und die “Gewinnwarnung” – also die börsenkatastrophale Warnung vor einem Gewinn, nur weil dieser nicht so gewaltig wie erhofft gewachsen ist (aber immerhin: Gewinn) – für eine Perversion, die jeder Vernunftbegabte erkennen müsse. Andere aber, in der tonangebenden politischen/journalistischen/wirtschaftlichen Öffentlichkeit die große Mehrheit, halten das Wachstum für die unabdingbare Voraussetzung für Frieden und Wohlstand.

Wie das? Und hier kommen die Raupe Nimmersatt und die Baculoviren ins Spiel. Ohne manipulierende Viren ist Wachstum in der Natur und natürlich auch beim Menschen eine vorübergehende Entwicklungsphase, der die viel längere Zeit des Erwachsen- und Gewachsenseins folgt. Das regeln Hormone (zum Beispiel expressis verbis die aus der Dopingologie bekannten Wachstumshormone), die ja nun auch Manipulateure sind, aber das ist ein anderes Thema. Zurück zu den Raupen: Bei ihnen regelt ein Hormon das Fressverhalten und “gibt das Signal, wenn es Zeit ist, die Mahlzeit einzustellen und sich zu verpuppen”. Baculoviren jedoch produzieren, wenn sie Raupen befallen haben, in ihren Wirtstieren ein Enzym, das das Hormon deaktiviert. Die in Bäumen lebenden Zombie-Raupen werden gezwungen, in die Wipfel zu krabbeln und zu fressen, fressen, fressen. Wachstum bis in den Tod und darüber hinaus: In den Wipfeln der Bäume ”birst ihr Körper,  ein von Viren verseuchter Platzregen fällt nieder und infiziert neue Opfer auf dem Baum”.

Tja. Die Raupe Nimmersatt und das Dogma Wachstum. Wie viele Neuroparasiten werkeln noch in unseren Köpfen herum? Und vor allem: in meinem? Ich hoffe nun auf einen Gegenwurm, der den frühmorgendlichen Hirnrotiererwurm auffrisst und mich endlich an sportliche “Montagsthemen” lässt. Aber bitte nicht als Zombie.

 

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle