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Montagsthemen (vom 17. Dezember)

Hinrunde beendet, Diskussion nicht. Dass die Gegner des Sicherheitskonzepts kritisieren, durch scharfe Kontrollen würde mit Kanonen auf Spatzen geschossen, weil 99,9 Prozent der Stadionbesucher friedlich seien, dieses schwache Abwehr-Argument wird von der »FAS« Reus-artig rasant ausgekontert: »99,9 Prozent aller Fluggäste planen keinen Anschlag, durchschreiten aber die Sicherheitsschleusen, lassen sich mit Metalldetektoren untersuchen und ihr Gepäck durchleuchten.« – Und würden sich sehr unwohl fühlen, wenn das nicht geschähe.
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Weiterer Streitpunkt: Stadion-Feuerwerk. Vorschlag zur Güte: In der Ligapause könnten sich die entwöhnten Pyro-Fans ja einem neuen gesellschaftlichen Trend anschließen: Wintergrillen. Auch da muss mächtig gefeuert werden.
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Grillen im Winter? Das geht wohl nur mit der Begleitmusik von »Rammstein«: »Mir ist kalt, sooo kalt, mir ist kalt.«
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Stichwort »kalt«. Könnte man nicht auch  »kalte« bunte Pyro-Choreografien inszenieren? Geht es nicht auch ohne gefährliche Hitzeentwicklung? Wäre doch mal eine Aufgabe für findige Fan-Aktivisten.
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Obwohl – so etwas ähnliches hatte wohl auch die »Gelbe Wand« der BVB-Fans im Sinn, die im Spiel gegen Wolfsburg nach ihrem Zwölf-Minuten-Protest lange gelbe Papierfetzen in die Luft fliegen ließen. Die meisten landeten aber im Fangzaun und bildeten dort eine zweite »gelbe Wand«. Schon hatten die Fans keinen Durchblick mehr.
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Noch die paar Jahres-Endspiele im DFB-Pokal, und das war’s dann für 2012. Die Statistikeritis läuft auf Hochtouren, im Ranking der Top-Rankings liegt die Messi-Messeritis an erster Stelle. Die meisten Tore in Pflichtspielen eines Jahres – Weltrekord. Und was ist mit den meisten Saisontoren? Liga-, Länderspieltoren, Scorerpunkten (immerhin eine der sinnvollsten Statistiken), den meisten Mannschaftstoren (Fußball ist schließlich ein Mannschaftssport) pro Jahr, Saison, in Liga, Pokal, Nationalteam, natürlich in getrennten Statistiken für reine Zahl und Quote. Und wenn wir alle Zahlen auf dem Tisch haben, fegen wir sie runter, denn niemand benötigt sie um festzustellen: Messi ist der Beste.
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Der Vergleich ist makaber, daher vorab die Bitte um Entschuldigung: Je entsetzlicher ein Massaker in den USA, desto heftiger die Forderung nach Schusswaffenverbot. Je gravierender ein Schieri-Falschpfiff bei uns, desto lauter der Ruf nach dem Hilfsmittel Video. Nach ein paar Tagen verstummen die Rufe. Konsequenzen wie immer: keine.
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Im Makaber-Ranking aber lässt sich die US-Waffenlobby nicht übertreffen: Einer ihrer hochrangigen Verteter fordert als Konsequenz, Schusswaffengebrauch nicht zu verbieten, sondern zu erleichtern. Irrwitzige Logik: Wenn Lehrer zurückgeschossen hätten, wäre weniger passiert.
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Vom schrecklichen zum ganz normalen Wahnsinn. Ein Wort, das zuvor niemand kannte, gewinnt das Ranking zum Wort des Jahres. Den Deutschen muss die Bedeutung erst mühsam erklärt werden (Rettungsschirm, Schuldenschnitt usw.), damit sie auch wissen, was ihr Wort des Jahres ist. Dabei ist die Erklärung viel einfacher, und jedes Fußballkind kennt sie: Wenn ein Klub seine Ziele zu verfehlen droht, kommt die Rettungsroutine der Trainerentlassung. Siehe Schalke.
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Fatales Omen: Rein statistisch schadet diese Rettungsroutine mehr, als sie hilft. Wem das Angst macht, dem kann als persönliche Rettungsroutine nur empfohlen werden, auch hier die Statistikeritis zu ignorieren. Obwohl das gegen den zweiten Kernsatz der verbalen Fußball-Rettungsroutine verstößt, der da lautet: »Wir dürfen den Kopf jetzt nicht in den Sand stecken.« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle