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Sport-Stammtisch (vom 15. Dezember)

Der Berg kreißte … nein, die Maus kreißte, Fußball-Deutschland wartete hoffend oder bangend, je nachdem, auf den Berg, den sie gebären sollte. Und dann war’s doch das, was Mäuse nun mal gebären: ein Mäuschen.
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Was zu erwarten … nein, was zu wissen war, denn das, was zur Abstimmung vorlag, waren kaum mehr als vage Absichtserklärungen. Seltsam, welch ein Bohai dennoch um dieses Sicherheitskonzept gemacht wird. Wer die Auflistung der geplanten Maßnahmen durchliest, wundert sich weiter: Wie, das alles ist nur geplant und nicht schon längst Realität?
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Aber mehr kann der Fußball sowieso nicht erreichen. Der Knackpunkt liegt nicht im Stadion, sondern um das Stadion herum. Und was dort geschieht, hat mit Fußball und damit hat der Fußball nichts zu tun. Wer Krawall macht, interessiert sich nicht für Fußball, sondern für Krawall, und dafür braucht er kein Ticket. Kürzung des Gästekarten-Kontingents geht daher am Kern der Sache vorbei (seht ihr, liebe Fans, in Details bin ich durchaus auf eurer Seite).
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Draußen, dort, wo’s weh tut, ist die Polizei gefordert. Dass deren Länderminister dem Fußball die Verantwortung zuschieben wollen, gleicht ihrem Macht-ihr-das!-Verbotsantrag für jene kleine, hässliche Partei herzensdummer Menschen, die durch ein Verbot nur aufgewertet … aua! Hab mir auf die Zunge gebissen.
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Worum geht’s? Ach so, um Sport. Also: Egal ob es sich um Straftaten dreht, die der Staat ahnden muss (Gewalt rund um den Fußball), um frei vereinbarte interne Regeln von Sportverbänden, um die sich der Sport kümmern muss (Doping) oder um mehr sportliche Gerechtigkeit (Video-Hilfe für den Schiedsrichter) – immer frage ich mich: Bin ich doof oder sind’s die anderen? Ich weiß, wer so fragt, meint dies meist nur rhetorisch und macht in Wirklichkeit die penetrant-arrogante Ansage: Die anderen sind doof. Mir ist die Frage aber ein Bedürfnis, und ich würde sogar erleichtert aufatmen, wenn mich rationale Gegenargumente überzeugen könnten, denn wer wie ich so oft gegen den medialen Mainstream anpaddelt, sollte sich langsam fragen, ob er vielleicht ein Geisterpaddler ist.
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Immerhin liefert mir die »Bild«-Zeitung ein Argument, das auch Anti-Dopinggesetz- Befürworter überzeugen müsste. Sooo große Schlagzeile gestern: »Demi Moore zur Geheimbehandlung in Deutschland – Jünger und schöner mit Eigenblut.« Hätten wir ein Anti-Dopinggesetz, müsste sie verhaftet werden.
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Bin ich doof oder sind’s die anderen? Das frage ich mich stets auch in einer gewissen Fußballsituation, aber bisher nur gaanz leise, damit’s niemand hört und mich der Ahnungslosigkeit überführt. Nun lese ich aber im »Abenteuerroman« von Gerhard Henschel, wie sein junger Doku-Romanheld Martin Schlosser vor dem Fernseher sitzt und sich über ein 7:1 gegen Finnland freut (mit drei Rummenigge-Toren, erinnern Sie sich?): »Nicht schlecht, Herr Specht! Nur Mama hatte was zu kritisieren: ›Wenn der Torwart den Ball so weit nach vorne drischt, dann landet er immer beim Gegner. Immer, immer, immer! Das müsste diesen Sportskanonen doch mal auffallen!‹«
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Genau! Weite Abschläge, vor allem auch nach Rückpässen, bedeuten fast immer Ballbesitz für den Gegner. Warum tun sie’s dennoch? Aber so doof können wohl nur ich und Mama Schlosser fragen.
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Crossover-Tipp: Mehr zu Martin und Mama Schlosser finden Sie heute in der »Nach-Lese« auf der ersten Feuilletonseite. Dort kommt auch Walter Kempowski zu Wort, der schrullig-geniale (und sportignorante) Schriftsteller. In der »Nach-Lese« seiner über 20 Jahre alten Tagebücher »Hamit« und Somnia« fielen auch zwei aparte Passagen für unseren Sport-Stammtisch ab: »Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich das Dressurreiten sofort verbieten. Nichts widerlicher als eine Amazone, die ein Pferd unter sich zu den blödsinnigsten Bewegungen zwingt. Und dazu noch einen abgeplatteten Zylinderhut trägt.«
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Tja. Kein Kommentar. Ich werde den Teufel tun und mir’s mit den Reitern verderben. Die haben ja mit ihren Roll- und sonstigen Rosskuren genug zu tun. Auch in Sachen Biathlon bin ich altersmilde geworden. Kempowski mitnichten: »Diese Skiabfilmerei dauert jedes Jahr Monate. Dass sich das Leute überhaupt angucken? Bei der Schießerei machen sie (Anm.: die Frauen) schon mit, ohne dass feministische Friedensvereine bisher Einspruch erhoben haben. ›Biathlon‹ heißt das. Die Gewehre sind Spezialinstrumente, mit denen kann man gar nicht vorbeischießen. Anti-Kriegs-Plakate im Zuschauerhaufen werden nicht gesehen.«
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Mama Schlosser, Walter Kempowski und ich? Neeeiiin! Die monatelange Skiabfilmerei hat begonnen. Ich freu mich drauf! Wie narrisch! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle