Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Jimi Blue Kempowski oder: “Wie isses nun bloß möglich!” (Nach-Lese vom 15. Dezember)

War wirklich wahr, was So wahr das in der Nach-Lese vom 24. November als wahr ausgab? Ja. Alles. Sogar die angebrüteten Kureier (igitt – Sie erinnern sich?).
*
Authentisch oder Fiktion? Wenn diese Frage dem Schriftsteller Gerhard Henschel gestellt wird, beteuert er, dass seine Doku-Romane (gerade ist nach Kindheits-, Jugend- und Liebesroman der Abenteuerroman erschienen) »zu etwa 104 Prozent autobiografisch« seien. Will heißen: Wahr ist das, was der Leser als wahr empfindet.
*
Henschel beschreibt in detailverliebter Ausführlichkeit (s)ein Leben aus einem der geburtenstarken Jahrgänge der frühen Sechziger Jahre, die heute Masse und Motor der Gesellschaft bilden – es werden sich viele wiedererkennen. Sein alter ego Martin Schlosser ist mittlerweile in den frühen 80er Jahren angekommen: »Jeden Dienstag kuckte Mama jetzt ›Dallas‹, eine Ami-Serie über einen Rancher und Ölmagnaten, der alle Rivalen grausam unterbuttert. Wenn diese Serie was Süchtigmachendes hatte, war ich dagegen immun, weil ich schon die Frisuren nicht ertrug.«
*
Als er zur Bundeswehr kommt, taucht ein Problem auf, das schon viele Generationen zuvor und danach geplagt hat und plagt: »Das Tischgespräch drehte sich um die Frage, ob es wahr sei, dass sie einem bei der Bundeswehr ›Hängolin‹ in die Suppe täten, ein pharmazeutisches Mittelchen zur Schwächung der Libido.« – Aber klar doch! Immer noch!
*
Martin vermisst Freundin Heike, die ihm schreibt, bei einem »Erstsemesterinnentreff vom autonomen Frauenreferat« gewesen zu sein. Man wolle sich nun regelmäßig treffen, bei Frauenfeten, im Frauencafé, in einer Selbsthilfegruppe, zu Gesprächen über Beziehungsprobleme, das Frausein an sich und manches Frauenspezifische mehr. »Heike war auf Frauenfeten ganz gut aufgehoben, fand ich. Andersherum hätte ich es allerdings verschmäht, eine Männergruppe im autonomen Männerreferat zu besuchen, ein Männercafé einzurichten und auf Männerfeten zu gehen.« – Wie wahr!
*
Das bruchstückhafte Format bei Henschel erinnert an den Stil des historischen Collagisten Walter Kempowski (Echolot), den Henschel verehrt, obwohl beide kaum gegensätzlicher sein könnten. Henschel schrieb einst in einer taz-Satire auf menschenbeschädigende Bild-Schlagzeilen, deren Chefredakteur Diekmann habe sich seinen äußerst winzigen Penis in den USA mit Leichenteilen verlängern lassen, die Operation sei aber schief gegangen – Diekmann kastriert! – Der Beifall aller Links- und Sponti-Beseelten war Henschel ebenso sicher, wie Walter Kempowski fast zeitlebens unter deren Verachtung litt. Erst kurz vor seinem Tod (2007) erhielt er die literarische Anerkennung, die ihm jahrzehntelang – zu seiner großen Verbitterung – versagt worden war. Der Grund, nicht nur aus seiner Sicht: Kempowski, der in der Ostzone aus politischen Gründen zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war (und acht Jahre in Bautzen absaß, zum Teil in Einzelhaft), hatte aus seiner Abneigung, ja Hass auf den Kommunismus und die DDR nie einen Hehl gemacht.
*
Mit Kempowski springen wir in der Nach-Lese zum Jahr 1990. Dieser durchaus wunderliche Mensch, ein echter Kauz, bei dem man sich oft fragt, ob er einen leisen, aber irrsinnig komischen Humor hat oder in seiner Schratigkeit nur unfreiwillig komisch wirkt, klagt im Tagebuch Hamit immer wieder über mangelnde Beachtung: »Nun aber verletzt mich das Ausbleiben von Applaus denn doch, ich merke, wie sich das von Stunde zu Stunde in mich einbohrt. ›Das hast du gut gemacht‹, dies kriegt man selten zu hören.«
*
In Tadellöser & Wolff fällt mehrmals ein Satz (der Mutter), von dem Kempowski befürchtet: »Mein Werk wird später wahrscheinlich auf den sattsam bekannten Satz ›Wie isses nun bloß möglich!‹ zusammenschrumpfen.« – Wird es nicht. Selbst wenn, hätte Kempowski immerhin ein geflügeltes Wort hinterlassen. Wer hat das schon?
*
»Zum Kaffee kamen Freunde zu Besuch. Da sie meine Bücher nicht gelesen hatten, gestaltete sich eine Unterhaltung schwierig.« Da freut sich der vernachlässigt Fühlende schon über kleine Szenen in der Bundesbahn. »Ein Herr im Speisewagen: Ja, ich dürfe ›sehr gerne‹ an seinem Tisch Platz nehmen, ›Herr Kempowski‹. So was tut wohl.«
*
Außer sich vor Freude gerät Kempowski, als er (nach Plagiats-Vorwürfen) prominent verteidigt wird: »Habe gerade mal wieder den Spiegel-Artikel von Karasek über mich gelesen, wenn ich eben durch bin, fange ich von vorn wieder an, zehnmal lese ich ihn, so großartig ist er. Herrlich!«
*
»Die Firma Faber-Castell bedankt sich dafür, dass ich ihre Bleistifte im Zeit-Magazin lobend erwähnt habe. Sie hätten mir ruhig eine Schachtel Bleistifte schenken können. Für Geschenke bin ich immer zu haben.«
*
»Im TV eine Menschenmenge, die um eine eierlegende Riesenschildkröte herumsteht. Ich finde so was indiskret. Dass die da Eier legt, geht uns doch gar nichts an.«
*
»Ich möchte das auch mal, weglaufen, aber ich möchte, dass man mich dann sucht, mir hinterherrennt und mich freundlich zurückführt.«
*
»Sogenannte Grundschullehrer. Keine Märchen, keine Volkslieder, Bibelkenntnis gleich null. Aber jede Menge Selbstfindungsgruppen. Was sie da wohl finden? Die Wüste Gobi?«
*
Noch ein Problem plagt ihn: »Mädchen mögen gern Männer mit interessanten Namen« (Somnia, Tagebuch 1991), aber »unsereiner heißt nur Walter«. Unser Nach-Lese-Titel ist daher als Reverenz an diesen Schriftsteller zu verstehen, für den wir bei einem Schauspielersohn (Ochsenknecht) den Vornamen ausgeborgt haben. Wäre Kempowski eine Frau, hätten wir ihm posthum den Namen eines der Kinder von Pop-Ikone Bob Geldorf geschenkt. Zur Auswahl stünden dessen drei Töchter Fifi Trixibelle, Peaches Honeyblossom und Little Pixie.
*
Ist das wahr? Heißen die drei Mädchen tatsächlich so? Ja.  »Wie isses nun bloß möglich!«  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle