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Das war’s im Januar: Tote Kuh und lebende Leichen

Text-Collage 2012 aus »Sport-Stammtisch«, »Montagsthemen«, »Ohne weitere Worte« sowie aus dem gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«

 

1. Januar, 6.30 Uhr: Auf regennass glänzender Straße, auf dem Bürgersteig kurz vor der Redaktion, küsst sich eng umschlungen ein selbstvergessenes Paar. Es hält sich und die Welt zusammen. Guten Morgen, 2012.
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Dass die Rallye Absurdistan immer noch offiziell Rallye Dakar heißt, obwohl nur noch durch Südamerika gebrettert wird, soll uns heute nicht weiter interessieren. Dass ein Teilnehmer von einer Kuh überfahren wurde, die nach einem Hitzschlag ins Koma fiel … nein, wie war das? Ach so: Ein Fahrer fiel nach Hitzschlag ins Koma, eine Kuh wurde überfahren. Fahrer wieder fit, Kuh tot. Dass es fundamentalistische Tierschützer gibt, die einen umgekehrten Ausgang bevorzugt hätten, ist eine andere absurdistanische Variante unserer Zeit.
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Vronisihrnfreundfreund. Ein kleinbürgerliches Emporkömmlingsdrama. Sehen wir es positiv: In manchen anderen Ländern gerät der Präsident – und auch nur vielleicht – in Bedrängnis, wenn er zu viele Milliarden beiseite schafft oder gar rauben und massenmorden lässt. Bei uns wackelt er wegen ein paar Prozenten bei der Eigenheim-Finanzierung. Tu felix Germania. Wenn schon klassisch: Für Vronisihrnfreundfreund ist der Rubikon überschritten, sagt er. Als Cäsar 49 v. Chr. den Rubikon überschritt, eröffnete er den Bürgerkrieg. Aber Wulff ist nicht Cäsar, und dass für ihn der Rubikon überschritten ist, könnte damit enden, dass ein Bundespräsident über die Wupper geht.
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»Name: Richard David ›Philosoph und Bestsellerautor‹ Precht. Besondere Merkmale: Sein Denken ist so scharf, dass er sich damit die Brust rasiert.« (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
Gehört Martin Schmitt verboten? Sollte die Rallye Dakar aufhören? Bei den aktuell heiß diskutierten Fragen kann man leicht durcheinander geraten. Vielleicht hört Schmitt nur wegen seines Milka-Vertrags nicht auf und weil er noch keine andere Lebensperspektive entwickelt hat. Aber womöglich macht er auch weiter, weil er ganz einfach Lust aufs Skispringen hat. Noch einmal: Sollte Martin Schmitt aufhören? Ja. Aber nur, wenn und wann ER will – und nicht die anderen.
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In Köln schleimt sich ein NRW-Minister bei FC-Fans ein, indem er Lukas Podolski in einem Offenen Brief bittet, dem Verein treu zu bleiben. Genauso peinlich wie damals der Offene Brief eines heutigen Hessen-Ministers, in dem er forderte, Friedhelm Funkel zu feuern. Sie reden dem Volk nach dem Mund, weil sie glauben, ihm aufs Maul zu schauen. Sie sollten es lieber halten. Das Maul. Und das Volk bei der Stange, statt dessen Politikverdrossenheit zu steigern.
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Seltene Einmütigkeit bei der Wahl zum Weltfußballer des Jahres: Natürlich Lionel Messi. Und dennoch wird leise an ihm herumgekrittelt: Er sei kein ganz Großer, weil er noch keinen Weltmeisterschafts-Titel geholt hat. Gequirlt gequakter Quark. Messi kann, was Maradona konnte, aber was kann Messi für Maradona?
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Spielerrevolte in Stuttgart: Cacau, praktizierender Christ und Menschenfreund, wird aus dem Mannschaftsrat abgewählt. Cacau hat wohl Matthäus 22 überinterpretiert: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. In der Gleichsetzung von Nächstem und Selbst kann man auch gleich selbst aufs Tor schießen, statt zum Nächsten zu passen. Und das passt den Nächsten nicht.
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Wie nennt man das, wenn das Schwesterschiff der Costa Concordia nachts in voll aufgebretzeltem Lichterkleid (Lichtkleid ist wohl was anderes) sightsehend an dem havarierten Schiff vorbeigleitet? Neue Attraktion bei Kreuzfahrten? Mit dem angenehm schaurigen Gefühl, das dort unten tote Leichen im Abendkleid treiben, und hier oben lebende Leichen … na ja, bitte keine Altendiskriminierung, bin doch selbst ein Alter.
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Am Berliner Homo-Mahnmal wird das Video ausgetauscht: Jetzt küssen sich nicht nur Männer, sondern auch Frauen, Alice Schwarzer sei Dank. Und Männer und Frauen. Und Alte und Junge. Und Dünne und Dicke. Und Sinti und Roma. Und Neonazis und Linksliberale …
… nein, so weit geht die Korrektheit nun doch nicht.
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Jetzt jammern sie wieder, die Bundesligisten. Über den Afrika-Cup. Fast wirkt es, als würden die Spieler zu einem wochenlangen Stammestanz im Dschungel fliegen statt zum afrikanischen Gegenstück zur Fußball-EM. Rassismus durch die eurozentrische Hintertür?
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»Wir haben getrennte Schlafzimmer in unterschiedlichen Stockwerken. Also komme ich inzwischen mit dem Aufzug in ihre Gemächer. Fragen Sie nicht, womit ich den Liftknopf drücke.« (Thomas Gottschalk im Stern-Interview)
(gw)

Baumhausbeichte - Novelle