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Montagsthemen (vom 10. Dezember)

»Konzentration von der ersten Minute an!«, forderte Stark vor dem Anpfiff sich und seine Assistenten auf. Die Selbstmotivation gelang nicht, Stark fällte die Fehlentscheidung des Jahres. Dortmund hatte Wolfsburg an die Wand gespielt, doch der Schiedsrichter kippte die Partie, der BVB ist endgültig raus aus dem Rennen und Stark mittendrin in einem Shitstorm. Den er nicht verdient hat.
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Lassen wir das – immer strittige – nicht gepfiffene Abseits beiseite: Erst die eingeblendeten elektronischen Bilder bewiesen , dass Schmelzers Hand den Ball nicht berührt hatte, was in Echtzeit, auch wegen der unwillkürlichen und das Auge täuschenden Schutzbewegung, kaum zu erkennen war. Irren ist menschlich und war in diesem Fall fast unvermeidlich.
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Auf Stark zu schimpfen ist ebenfalls menschlich, vor allem bei BVB-Fans. Aber unfair. Zu schimpfen ist auf die Sturheit der Fußball-Oberen und auch ihrer Helden von einst und jetzt, die sich gegen fehlpfiffvermeidende technische Neuerungen stes mit dem grunddämlichen Nichtargument sträuben, so etwas sei das »Salz in der Suppe«. Dann muss man eben die versalzene Suppe auslöffeln, zusammen mit all den Sekreten, die während der 90 Minuten hineingespuckt werden. Guten Appetit.
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Klar, jetzt kommt meine alte Leier von der Video-HILFE. Eine sehr alte Leier: »Bleibt als einzige Lösung des Problems, die Unparteiischen zu entlasten und ihnen Hilfestellung zu geben, mit der sich der Referee nach einem Erstpfiff in kitzliger Situation optische Entscheidungshilfe für den endgültigen Zweitpfiff holen kann« (»Sport-Stammtisch im Jahr 1982 n. Chr.!).
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Nur scheinbar paradox, dass vor allem die sporadisch erhobene Forderung nach dem Video-BEWEIS schuld daran ist, dass sich die Diskussion seit 30 Jahren im Kreis dreht. Denn die »Tatsachenentscheidung« sollte aus sachlich-sportlichen Gründen alleiniges Recht des Schiedsrichters bleiben. Aber keinem fiele ein Zacken aus der Krone, niemand würde seine Souveränität verlieren, wenn er eine Sekunden-Auszeit nähme und sich einer Fernsehhilfe bediente, um eine möglichst gerechte Entscheidung treffen zu können.
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Aber keine Chance. Kurze Aufregung, erregte Diskussionen, unfaire Schieri-Beschimpfung, und dann zieht die Karawane weiter, mit all ihren unter Säcken voll Suppensalz ächzenden Kamelen.
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Dass die Vernunft im Fußball einen schweren Stand hat, zeigt sich auch in der irrationalen Debatte um Vorbeugung und Ahndung von Gewalt. Erschwerend kommt seit einigen Wochen hinzu, dass den rational schwer erreichbaren Fans mit ihren zwölf Schweigeminuten eine Aktion gelingt, denen die Klub- und DFL-Verantwortlichen machtlos, hilflos und schwer beeindruckt gegenüberstehen. Auch wenn ich das Ziel der Aktion (wenn es denn primär das Unbehelligtbleiben von strengen Kontrollen und das Recht auf Pyrowahnsinn ist) für indiskutabel halte, ziehe ich dennoch den Hut vor den Initiatoren: Tolle Idee für eure Zwecke. Schweigen ist Macht.
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Und macht die Verantwortlichen unfroh. Von den Fans allgemein abhängig, können sie auch deren rational unerreichbaren Teilen nicht sagen, was sie wirklich von ihnen halten. Nur manchmal bricht es unvorsichtig aus einem heraus (»Ein Teil unserer Fans sind Arschlöcher«/Hannover-Boss Kind). Ansonsten halten sie es wohl eher mit Cicero. Der lobte das Volk in der Volksversammlung, nannte es aber im Senat »Vieh« und »Abschaum«.
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Video-Hilfe und irrationale Gruppen unter den Fans: Meine Meinung erlaube ich mir. Aber ich behaupte nicht, recht zu haben. Diesem Satz stimmt sogar jeder Pyro-Fan, jeder Gewalt-Hohlhool und jeder Suppensalz-Gourmet zu, wenn er das Komma leicht nach links versetzt. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle