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Dr. Hans-Ulrich Hauschild zur FR

Will einmal auf etwas eingehen, was schon längere Wochen durch Ihre Kolumnen geistert ohne Resonanz. Meine wird Ihnen nicht gefallen.

„Wenn Sozialdemokraten und Grüne es ernst meinen mit dem Ziel eines echten Politikwechsels unter einem sozialdemokratischen Kanzler, dann müssen sie mit der Linkspartei reden. Aus heutiger Sicht werden die drei Parteien links der Union eine rechnerische Mehrheit erzielen. Wer Merkel stürzen will, muss daraus eine politische Mehrheit machen. Sonst werden SPD und Grüne weitere vier Jahre entweder in der Opposition oder unter der Koalitionsknute der ewigen Kanzlerin darben.“

Steht so gestern in der Frankfurter Rundschau. Das führt mich zu der Frage an Sie, ob Sie wirklich die »Struktur« der FR meinen, wenn Sie ceteris paribus ihr Weiterleben bzw. die Wünschbarkeit desselben als allenfalls drittrangig empfinden oder doch ein wenig die vertretenen Positionen?
Ich gebe ja zu, dass das Obige vielfach problematisch ist; aber nur da, wo auch oder noch die Rundschau die Grünen als irgendwie »links« empfindet, was sie längst nicht mehr sind – ganz im Gegenteil; oder die Ablösung einer Kanzlerin als Politikziel verkauft, nicht Merkel muss abgelöst werden, sie ist wie alle Politiker verzichtbar oder austauschbar im Angesicht ganz anderer Strippenzieher; wenn die Rundschau auf Weltniveau die Abschaffung der Strippenzieher forderte, ja dann..
Noch eine FAZ, noch eine Süddeutsche? Nun wirklich nicht. Beide sind ja für Liberale (im politischen, nicht im ökonomischen Sinne) jeder Farbgebung ganz brauchbar, die eine in ihrem Feuilleton, die andere im Politischen Teil, aber sie vertreten, meinetwegen auf gutem journalistischem Niveau, doch Positionen des gesellschaftlichen Mainstreams. Wer vertritt die anderen? Gut, da diese nicht gefragt sind, niemand mehr. Also: die FR hat in der Tat keine Chance mehr, aber aus ganz anderen Gründen als Sie meinen.
Ich merke gerade, dass ich die Rolle des Anstoßes ganz gut beschrieben habe: jenseits des Mainstreams zu leben, arbeiten, denken und argumentieren. Na, wie wäre es damit? (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

 

Zur FR: Meine geschriebene Meinung zu ihr hat nichts mit journalistischen Primärtugenden zu tun (da haben wir beide wohl auch Meinungsunterschiede, aber die gehören nun mal dazu), sondern ist rein von Sekundärtugenden unseres Metiers bestimmt. Das kommt vielleicht nicht richtig rüber, ist aber auch schwierig, wenn man nicht selbst in dem Metier drinsteckt. Jetzt zucken Sie zusammen, aber: Aus dieser sekundärtugendhaften Sicht, also aus fachlicher Grundlagensicht, oder vielleicht: aus Sicht des Schreiners, der einen Stuhl baut, egal zu welchem Zweck, in welchem Stil usw., kann man auch eine gute rechtsradikale oder linksradikale Zeitung machen. Zu FAZ und SZ: Aus dieser Sicht sind beide gut gemacht, die FAZ weniger (weil nicht umfassend informierend, vornehmlich im Sport, wo sie nur Schwerpunkte setzt), die SZ mehr (die vornehmlich im Sport-Spezialgebiet Doping konträr zu meiner Meinung steht, aber das hat mit dem soliden Bau eines »Stuhls« nichts zu tun).

 

Ich zucke überhaupt nicht, ganz im Gegenteil, habe ich jetzt doch verstanden, worum es Ihnen geht. Offenkundig finden Sie die FR einfach schlecht gemacht – das, in der Tat, vermag ich kaum zu beurteilen.

Was nun aber die Sekundärtugenden angeht: völlig einverstanden. Es gibt eine technokratische Tugend, die jemanden in den Stand setzt, sowohl eine Kaugummifabrik als auch ein KZ zu leiten und dabei eben seine Fähigkeiten einsetzt, einen „Stuhl zu bauen“, gleichgültig, welcher Verwendung er dient. Und dies auch tut.  Dies sind Tugenden, die – um noch ein anderes Problem aufzugreifen – dann Sie wohl zu der Differenzierung von Verantwortungs- und Gesinnungsethik führen. Denkt man aber genauer darüber nach, kommt man schnell zu dem Ergebnis, dass ein Gesinnungsethiker niemals den hier notwendigen Pflichtbegriff im Sinne des Einsatzes in einem KZ verwenden würde. Hier unterscheidet man dann zwischen „pflichtgemäßem“ Handeln (Stuhl herstellen) und Handeln „aus Pflicht“ (nach Kant). Mit letzterem ist gemeint, dass Pflicht niemals in einem verkommenen Preußischen Pflichtbegriff aufgehen kann, sondern sich von den ethischen Grundprinzipien des Kategorischen Imperativs leiten lässt: „handle stets so, dass die Maxime dieses Handelns den Menschen niemals zum Mittel, sondern immer zum Zweck haben“ – etwas frei formuliert. Kants drei Kritiken wäre in diesem Zusammenhang eine vierte hinzufügen: „Die Kritik der instrumentellen Vernunft“.

Ich würde gerne mehr zur Austauschbarkeit von jenem mit diesem (bleibt absichtlich nebulös) reden, wende mich aber abschließend dem schlecht gemachten Stuhl FR zu und…schweige, weil Sie vermutlich Recht haben. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild)

Baumhausbeichte - Novelle