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Sport-Stammtisch (vom 8. Dezember)

Der Fußball steht grammatisch im Zeichen des Konjunktivs, also in der Möglichkeitsform, und oft genug im Irrealis, denn im Fußball wird auch das Unmögliche möglich. »Hätte«, »wäre«, »wenn« beherrschen die Analysen, und das steht nur scheinbar im Gegensatz zu der Beobachtung von Erfolgsautor Martin Suter, dass Fußballer »keinen Konjunktiv verwenden«. Er höre in Interviews nur Sätze wie: »Wenn er den Ball abgibt, macht der Stürmer ihn todsicher rein.« Doch auch das ist konjunktivisch, denn »in manchen Funktionsarten kann in der korrekten deutschen Standardsprache statt eines Konjunktivs auch der Indikativ verwendet werden« (Wikipedia), und in der Funktionsart Fußball regiert nun mal der konjunktivische Indikativ.
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Eine weitere grammatische Eigenart des Fußballs, des deutschen Sports überhaupt, ist die irreale Hoffnungswirklichkeitsform. In seltener Koinzidenz … nein, mehr Deutsch bitte … in zufälligem zeitlichem Zusammentreffen erhebt der Sport in dieser Woche gegenüber dem Staat einerseits die massive Forderung, dass er sich einschalten, andererseits, dass er sich raushalten soll.
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Einerseits: In der Doping-Problematik wird der Ruf nach dem Staat immer lauter. Ein Anti-Doping-Gesetz muss her, diesen  Antrag stellt der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) heute beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), und er wird dabei von anderen Verbänden und einer breiten Medienmehrheit unterstützt.
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Andererseits: Klubs und DFL wehren sich vehement gegen die Androhung von mehr Staat im Stadion, falls der Fußball keine wirksamen Maßnahmen gegen die Gewalt ergreift.
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Hier weniger, dort mehr Staat? Wie das logisch begründen? Na klar, überhaupt nicht. Geht ja nicht. So richtig grotesk wird die Widersprüchlichkeit aber erst durch die Wirklichkeit, denn Dopingregeln sind eine Sache des Sports, Gewalt eine des Staates – und nicht umgekehrt, wie der Sport es gerne sähe.
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Kein Moses hat in Stein gemeißelte Dopinggebote vom Berg Horeb geholt, sondern sie sind freie Vereinbarungen des Sports, um die Startchancengleichheit zu ermöglichen. Doping-, Mehrversuchs-, Fehlstartregel – allesamt vom gleichen Kaliber, und zudem werden sie ständig modifiziert. Wenn der Sport einen Erkältungssaft für Kinder auf die Dopingliste setzt, ist das zwar scheinbar absurd, aber erstens gerechtfertigt (wg. Ephedringehalt) und zweitens alleine seine Sache, Überwachung und Ahndung zu übernehmen, da es zum Glück in Deutschland keine Sondergesetze für einzelne Volksgruppen mehr gibt.
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Auf der Dopingliste stehen aber nicht nur harmlose Dinge, sondern auch solche, deren Anwendung Aktionen voraussetzt, die allgemein strafbar sind (Vertragsbetrug, Medikamentenhandel, Nötigung zur Drogeneinnahme, daher auch versuchte Körperverletzung u.a.). Aber dafür haben wir ja schon das bestehende Strafrecht, und wenn man es verschärft (durchaus eine gute Idee), gilt es dennoch für alle und nicht nur für wettkämpfende Vereinsmitglieder. Mit einem Anti-Doping-Gesetz im Sinne des Wortes hätte das nichts zu tun, denn ein solches setzt auch ein Verkaufs- und Kaufverbot für Erkältungssaft voraus.
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Genau andersrum die Gewalt-Problematik: Wenn auf dem Platz (siehe aktuelles Schmerzensgeld-Urteil), auf den Rängen (Verbrennungs-Attacken, euphemistisch auch Pyrotechnik genannt) oder außerhalb des Stadions (Randale hohler Hools) allgemeingültige Gesetze übertreten werden, muss der Staat einschreiten, auch vorbeugend, auch mit verschärften Kontrollen. Dass sich Klubs dies verbitten, obwohl zumeist von vernunftbegabten Köpfen geführt, kann nur mit dem Abhängigkeitsverhältnis von unvernünftigen Fans zu tun haben.
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Genug davon. Es nützt sowieso nichts, denn die Entscheidungsfindung wird letztlich nicht von Vernunft und Logik bestimmt, sondern vom Mehrheitsverhältnis der Hoffnungswirklichkeits-Aktivisten (aber hier nichts zu Gesinnungsethik und dem geplanten NPD-Verbot).
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Endlich ein anderes Thema. Wir hatten einmal einen Bundespräsidenten, der zurücktrat, weil schwerwiegende materielle Vorwürfe erhoben wurden. Nach »Spiegel«-Informationen sind diese Vorwürfe mittlerweile auf 400 Euro möglicher Vorteilsannahme zusammengeschnurrt. Jetzt haben wir in Hessen einen Sturm im Babbelwasserglas, bei dem es nicht um Zusammengeschnurrtes, sondern Zusammengeschnorrtes geht. Ein Minister soll zwei Begleiter ohne Tickets in den VIP-Bereich des Frankfurter Stadions geschleust haben, was – mit dem edel Speis und Trank dort – ähnlichen Geldwert hat. Nun erreicht das zwar auf der nach oben offenen Skandalskala nur einen Wert von etwa nullkommaeins, dennoch macht mir die Chose viel Freude, denn der Minister heißt Hahn und hat vor Jahren sein Mäntelchen dreist anbiedernd in den Fanwind gehängt, als er in einem Offenen Brief die Entlassung des damaligen Trainers Funkel forderte. Der hatte mit Klub-Boss Bruchhagen in jahrelanger Kleinarbeit die Grundlagen für die finanzielle und sportliche Erholung gelegt – kein Wunder, dass sich Bruchhagen (in der FR) genüsslich distanziert: »Er ist sicherlich nicht unser Gast« und: »Das Persönlichkeitsbild von Herrn Hahn kennen wir ja.« Rache ist süß!
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Das Persönlichkeitsbild von Ex-Rodler Georg Hackl kenne ich nicht. Auch zum eskalierten Nachbarschaftsstreit, bei dem Hackl ein Nagel ins Gesicht gerammt wurde, weil er Schnee auf das Nachbarsgrundstück gekippt hatte, enthalte ich mich jeglicher Meinung. Bemerkenswert jedoch, dass Hackl den Zoff am Gartentor von seinem Vater vererbt bekam. Bayerische Blutrache!
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Da sind wir Hessen aber ein viel versöhnlicheres Völkchen und begnügen uns mit em Stürmsche im Babbelwasserglas.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle