Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Wer bin ich? (Dezember-Runde)

Wir sind beide schon mehr (der eine) oder weniger (der andere) lange tot, aber unser Wirken ist noch lebendig. Weitere Gemeinsamkeiten: Sport war ganz und gar nicht unser Ding, und wir änderten einst abrupt unsere Einstellung, der eine sprichwörtlich abrupt, der andere … na ja, fangen wir mit ihm, also mit mir an.
*
Als sich meine Heimatstadt für die Olympischen Spiele bewarb und zur Finanzierung die Bürger mit einer Sondersteuer belastete, schrieb ich ihr einen geharnischten Protestbrief, wetterte über die Propaganda für den kostspieligen Unfug und beantragte, mich von dieser Steuer zu befreien, zumal ich keinerlei Interesse hatte, irgendeine der zu bauenden Sportstätten zu benutzen. Sie sollten gefälligst diejenigen zur Kasse bitten, die Interesse an diesem Schwindel hätten. Die Stadt ließ den Brief unbeantwortet, was mich natürlich empörte. Aber ich hielt mich schadlos, ignorierte ebenfalls – nämlich meinen eigenen Protestbrief, denn bald darauf verdiente ich mit und an Olympia noch mehr Ansehen und vor allem auch Geld. Nur Neider schimpften, das sei typisch für mich, der schon als Spross einer berühmten Bierbrauer-Familie die Geldgeilheit mit gehopfter Muttermilch aufgesogen hätte.
*
Geldgeilheit wurde mir – ja, jetzt bin ich dran – nie vorgeworfen, und auch meine abrupte Einstellungsänderung nahm man mir nicht übel. Im Gegenteil. Sie bezog sich auch nicht auf den Sport, dem blieb ich in strikter Ablehnung verbunden. Aber das ist wohl eher nicht der Grund, dass mir Euer deutscher Papst sehr späte, aber dafür um so ehrenvollere Geburtstagsgrüße zukommen ließ. Oder? Kritisiert wurde ich nur von böswilligen Feinden, die behaupteten (um mal in Eurem hässlichen Sportjargon zu sprechen), ich sei zwar einmal in der Champions League meines Metiers tätig gewesen, aber bei den Höchstleistungsathleten nicht ernst genommen worden. Daher hätte ich meine Aktivitäten von der Hauptstadt in die Provinz verlegt, um wenigstens in der Regionalliga zu den Größen meiner Zunft und Zeit zu gehören. Eine infame Lüge! Den Sportlern las ich jedenfalls briefeschreibend die Leviten, so nach dem Motto: Im Stadion kämpft ihr alle um einen schnöden Pokal, den nur einer gewinnen kann, ich aber und meine Gesinnungsgenossen, wir kämpfen und können alle einen ewigen Preis gewinnen!
*
Wer sind diese beiden älteren Herren? Identifizierungsversuche werden bis zum 31. Dezember entgegengenommen.
Auflösung sowie Jahres- und »ewige« Rangliste folgen in den ersten Januartagen.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle