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Michael Jungfleisch-Drecoll über Doping und Chancengleichheit

Habe Ihren Artikel über die Doping-Problematik von 2006 gelesen. Stimme Ihnen in allem zu, was Sie da geschrieben haben. Komme für mich aber zu dem Schluss, dass es im Grunde keinen Weg gibt,
der Doping-Problematik Herr zu werden, einen sauberen Leistungs- bzw.
Hochleistungssport zu bekommen.

Die Olympia-Quaratäne. Ja, sicher könnte man machen, hätte aber auf die  Dopingpläne der Athleten übers Jahr nicht den ganz großen Einfluss.  Also: es wird weiter gehen wie bisher. Die Dopingjäger machen weiter,
die Sportler auch.

Der Begriff Chancengleichheit beschäftigt mich stärker, als die Dopingproblematik mit allen ihren Facetten. Komme immer mehr zu dem Schluss, dass wir bei der Chancengleichheit ohnehin einer Chimäre
hinterher laufen.

Die gibt es nicht, selbst im Idealfall ohne Doping. Dafür sind die  Vorausetzungen bei den Sportlern nie gleich. Streng genommen  widerspricht die bessere natürliche Genetik eines Sportlers gegenüber  einem anderen schon dem Prinzip der Chancengleichheit. Also ergibt sich  auch hier, wie in vielen anderen Bereichen des menschlichen Lebens das  Paradox, etwas versuchen zu müssen, von dem man weiß, dass es ohnehin
nie wirklich zu erreichen ist.

Im Profisport müssen wir uns eben von dem Begriff Fairness verabschieden. Darum geht es nicht. Es geht um das Gewinnen um jeden Preis, letztlich genau so, wie auch sonst im Geschäftsleben. Alles  andere ist Augenwischerei. Daran kranken die Betrachtungen, die etwas erreichen wollen, das durch das »Geschäftsprinzip« Profisport schon
ausgeschlossen ist. Es mag hier und da »faire Gesten« geben, das sicherlich. Aber nicht Fairness als Grundsatz.

Profisport ist Entertainment für den Zuschauer und Beruf für den Sportler.

Wir meinen immer noch, der Sport sei etwas besonderes. Etwas Edles,
etwas Idealistisches und Faires. Nein, so ist der Sport »gegeneinander«
nicht. Und ist es nie gewesen.

»Sich selber übertreffen«, von dem Sie im »Sportlerleben« sprachen, das ist ein Ansatz, mit dem ich persönlch etwas anfangen kann. »Körperertüchtigung« ist ein schöner Aspekt. Aber Hochleistungssport als
Wettkampf, Profisport ist genauso »fair« wie das »richtige« Leben um uns
herum: nämlich gar nicht. Also müssen wir weiter so tun als ob. Mehr ist
es nicht. (Michael Jungfleisch-Drecoll)

Baumhausbeichte - Novelle