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Sonntag, 2. Dezember, 7.00 Uhr

Saisonpremiere: Draußen alles weiß. Zwar wahrscheinlich nur leicht überzuckert (weiß es nicht, bleibe lieber drin), dennoch: Vorteil Tunnel. Meldung der Nacht: Inder bauen zehngeschossiges Haus in zwei Tagen. Wie sagte einst Kiesinger? “Indien! Indien! Indien!” Oder so. Natürlich nutzen auch profilgeile Politiker aus der zweiten bis zehnten Reihe die wochenendliche Gelegenheit: (dpa) – Der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, sieht auf dem CDU-Parteitag in Hannover kaum Chancen für den Antrag …. undsoweiterundsoweiter. Über diesen Herrn schrieb der Spiegel mal eine glossierende Reportage, nach der sich jeder Normalempfindsame nie mehr öffentlich gezeigt hätte. Aber manche Menschen haben Hornhaut auf der seelischen Schamabteilung.

Was   ist das? Moppe und Kloppe zu Nikolaus. Klopp-Vervielfältigung? Nein, alter Brauch auf den friesischen Inseln, von dpa dankenswerterweise überliefert: Nach altem Brauch werfen sich sechs junge, unverheiratete Männer unförmige Masken mit Schafsfellen und Vogelfedern über. Diese Klaasohms werden von einem als Frau verkleideten Mann begleitet, der mit Rock und Schürze als «Wievke» den wilden Einheizer gibt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit beginnt das Ritual mit einem Kampf, zu dem nur auf Borkum geborene Männer zugelassen sind. Nach dem Kampf geht es dann richtig los: Die Klaasohms und das Wievke ziehen unter großem Getöse durch die Straßen. Unterwegs verteilen sie Moppe, ein Honigkuchengebäck, an mutige Kinder – wenn diese ein plattdeutsches Gedicht aufsagen und sich von der furchterregenden Truppe nicht einschüchtern lassen. Frauen dagegen, die sich aus dem Haus wagen, werden von den Klaasohms mit einem Kuhhorn verhauen.

Sachen gibt’s. Mit Kuhhörnern … ?

“Wilder Einheizer” – hat also doch was mit Klopp zu tun. Der scheint sich zusammenreißen zu wollen nach der unfröhlichen Attacke von Schieri-Funktionär  Fröhlich. Auch das Spiel war ein Zusammenreißen zweier starker Mannschaften. Nachvollziehbar, aber schade für die vielen Millionen, die außerhalb  Deutschlands zugeschaut und ein neudeutsches Fußballspektakel erwartet haben. Am Schluss waren beide zufrieden: Nimbus gewahrt, Vorsprung geblieben, aber auch der Respekt voreinander. Und die kleine BVB-Genugtuung, dass Bayern zwar Meister wird, aber nicht gegen Dortmund gewinnen kann (demnächst: Champions League, DFB-Pokal?)

An Badstubers schwerer Knieverletzung war niemand schuld (mal nachschauen … stimmt, wird klein geschrieben). Ich an meinem Hexenschuss schon. Zu viele Terrassenplatten gehoben. Nun ist seit drei Tagen das Leben kein Leben mehr. Aber wer hat Mitleid mit mir außer ich selbst? Aber ich habe dafür genug für zehn Mitleider.

Ernsthaft: Schuld. Was ist Schuld, wie geht man damit um? Mir fällt dazu immer der Hiroshima-Copilot Claude Eatherly ein, der seine unfassbaren Schuldgefühle fassbar machen wollte, indem er neue Schuld auf sich lud, für die er bestraft werden konnte: Er überfiel Banken, sehr amateurhaft, um gefasst zu werden. Aber er wurde nicht in den Knast, sondern ins Irrenhaus gesteckt. Armer Kerl. Andere hatten Hornhaut auf der seelischen Schuldabteilung:  Paul Tibbets, der Atombomberpilot von Hiroshima, starb im gesegneten Alter von 92 Jahren im inneren Frieden, ohne den Abwurf jemals bedauert zu haben. Und auf den beliebten Waffenmessen in den USA wird immer noch ein ganz besonderer Experte als Stargast bejubelt: Russell Gackenbach, eines der letzten lebenden Mitglieder der Bomber-Crew von Hiroshima. Wenigstens einen Hexenschuss wünsche ich ihm ins Kreuz.

Baumhausbeichte - Novelle