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Sport-Stammtisch (vom 1. Dezember)

Jetzt weiß der BVB, was es heißt, der FC Bayern zu sein. Mit den Gedanken bei Real, Barca & Co., mit den Beinen gegen Düsseldorf oder Freiburg: Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Vorteil des FC Bayern: In der laufenden Saison steckt so viel Masse an Klasse im Kader, dass auch solche Spiele trotz unbewusst reduzierter Energie gewonnen werden.
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Was heißt das für heute im direkten Duell? Nichts. Heute geht es nicht gegen Freiburg oder Düsseldorf, sondern um »Real gegen Barca«. Für beide. Der neue deutsche Fußball-Klassiker.
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Mario Götze ist wieder dabei. Er wird wahlweise mit Lionel Messi oder Franz Beckenbauer verglichen. Nicht mit Gerd Müller, denn dieser Vergleich hinkt allzu deutlich. Die beiden anderen Vergleiche aber auch, und noch mehr hinkt einer, der in diesen Tagen Schlagzeilen macht: Messi ist drauf und dran, Müllers Tor-Rekord in Pflichtspielen aus dem Jahr 1972 zu knacken. Messi hat bisher 82 Mal getroffen. Müllers Rekord steht bei 85.
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Dazu mein Vorurteil: Unsinn, dieser Vergleich, denn für Müller gab es 1972 sehr viel weniger Pflichtspiele als im heutigen aufgeblähten Programm für Messi. Nur: Nirgendwo lese ich, wie viele Spiele Müller und Messi für ihre Tore brauchten. Bis ich irgendwo in den Tiefen des Internets in einem Leserkommentar eines Hobbystatistikers fündig werde. Gesetzt den Fall, dessen Zahlen stimmen, widerlegen sie mein Vorurteil: Müller schoss 85 Tore in 60, Messi seine bisher 82 in 62 Spielen. Torquoten: Müller 1,41, Messi 1,32. Also zwar Vorteil für Müller, aber ein für mich unerwartet geringer. Dazu kommen beim einfach phänomenalen Messi viele, viele Torvorlagen, Müller dagegen war praktisch immer als Letzter am Ball, Devise: Reinschießen statt abgeben.
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Rekordreif wäre nur der Vergleich der Torquoten, und das auch nur bei einer Mindestanzahl von Spielen. Messi könnte in seinen noch sechs Spielen näher an Müller herankommen, mit ein paar Hattricks vielleicht sogar an ihm vorbeiziehen. Übrigens dann auch an Pele, denn der schoss 1958 75 Tore in 53 Spielen – gleiche Quote wie Gerd Müller.
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Alles nur Zahlenspielereien, Müller, Beckenbauer, Pele und jetzt schon Messi sind einmalig und unvergleichlich, Götze wird’s vielleicht einmal.
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Keine Spielerei sind die beiden Fußball-Aufreger der Woche: Fan-Proteste und Schmerzensgeld-Urteil. Und bei beiden gebe ich weitere Vorurteile zur Widerlegung preis beziehungsweise bitte um Aufklärung. Zum einen verstehe ich die ganze Aufregung um bestehende und vorgesehene Maßnahmen gegen Gewalt im Fußball nicht. Ich verstehe ja schon den Begriff »Gewalt im Fußball« nicht. Was wäre denn, wenn die hohlen Hools als neue Freizeitbeschäftigung entdeckten, Kirchentage aufzumischen? Gewalt in der Kirche?
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Heftig umstritten im Konzept »Sicheres Stadion« ist der Passus, »bei Spielen mit erhöhtem Risiko die Durchführung von verstärkten Personenkontrollen zu erwägen«. Wie kann so etwas Selbstverständliches umstritten sein? Wie hoch schlügen die Wellen der Empörung, wenn ein Mordinstrument ins Stadion geschmuggelt und erfolgreich benutzt würde?
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Zum Wunsch der Fan-Gruppen, die Verbrennungsgefährdung durch pyromanische Spielchen zu sanktionieren, fällt mir lieber gar nichts mehr ein.
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Vieles andere dagegen findet meine Sympathie, vor allem Aktionen gegen Vernachlässigung der Stehplatz-Fans zugunsten von VIP-Umschmeichlerei. Die zwölf Minuten Passivität Mitte dieser Woche waren ein beeindruckendes Zeichen dafür, wie sehr der Fußball – und die Profis! – auf seine Fans angewiesen ist, und wie wenig auf die stummen VIP-Gestalten hinter ihren Gourmetglaskäfigen.
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Auch das Prinzip hinter dem Schmerzensgeld-Urteil ist diskussionslos zu akzeptieren. Der Schiedsrichter ahndet nur die Übertretung von Fußball-Spielregeln, wenn aber auf dem Platz gegen das Strafrecht verstoßen wird, bleibt die DFB-Ordnung nachrangig. Um es mal auf die Spitze zu treiben: Schlägt ein Spieler den Linienrichter tot, erhält er vom DFB die Rote Karte und eine Sperre, vom Staat aber ein Verfahren wegen Totschlags. Bei schienbeinbrechenden Blutgrätschen dagegen greift die Justiz nur ein, wenn eine Anzeige vorliegt und der Einzelfall über die reine Regelverletzung hinausgeht. Ganz einfach, oder? Das ist keine rhetorische Frage – ich bin gerne bereit, meine Vorurteile zu revidieren.
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Sachlich ähnlich gelagert sind im übrigen die neu aufgeflammten Diskussionen über Doping sowie das Startrecht von Behinderten. Doping: Weder kann der Sport Doping freigeben noch der Rechtsstaat ein Sondergesetz für aktive Vereinssportler einführen. Das ist keine Meinungsäußerung, sondern Logik, basierend auf der Definition des sportlichen Regelbegriffs Doping, der zum Teil nur den Sport betrifft (Beispiel das »Dopingmittel« »Wick Medinait für Kinder«), was den Staat nicht interessieren darf. Andererseits überlappen die Dopingregeln aber auch ins Strafrecht (Vertragsbetrug, Missbrauch Minderjähriger, Medikamentenmissbrauch etc.), und da kann der Sport nicht freigeben, was der Staat sehr zu Recht unter Strafe stellt.
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Zum Startrecht für Behinderte mit mechanischen Hilfsmitteln wie Prothesen: Natürlich haben sie Startrecht. Natürlich vollbringen sie in der Weltspitze staunenswerte Leistungen. Aber genauso natürlich wie die Einteilung in getrennt gewertete Klassen für Männer, Frauen und Jugendliche ist die getrennte Wertung für Prothesenträger. Früher, weil sie wegen ihrer Prothesen benachteiligt waren, in Zukunft, weil sie durch sie bevorteilt werden, und nur in der Gegenwart wird überhaupt diskutiert, weil der aktuelle Stand der Prothesentechnik das in Vergangenheit und Zukunft Offensichtliche momentan nicht deutlich macht.
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So. Das war’s. Harter Stoff. Liebste Zielgruppe, bitte nicht böse sein. Demnächst wieder weniger Sport in dieser Sportkolumne, versprochen. Zu guter Letzt ein Versöhnungsbonbon für Sie: Wer ist der »Sexiest Man Alive«? Kim Jong-un, Nordkoreas Jungdiktator! Im verbündeten China, lese ich in der »Welt«, wurde das kleine Dickerchen daher als »wahr gewordener Traum aller Frauen« gefeiert – bis auch bis dorthin drang, dass eine satirische US-Website den Preis vergeben hatte. Ich kam sowieso nicht in Frage – als zeitweiliger Ohrprothesenträger muss ich getrennt gewertet werden.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle