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Sport-Stammtisch (vom 28. November)

Wenn die Bayern heute in Freiburg spielen, begegnet ihnen dort ein sonderbarer Trainer. Ein Kauz. Schräg. Ein Unikum. Heißt es. Stärkstes Indiz dafür: Er fährt mit dem Fahrrad zum Training. Mit dem Fahrrad! Hat der Typ sie noch alle? Fragt die Branche. Frage zurück: Habt ihr sie noch alle? Der Trainer heißt Streich, Christian, ist 47 Jahre alt, wohnt 300 Meter entfernt vom Stadion, und wenn er die paar Meter nicht mit dem Rad führe, sondern mit einem der Liga-Statussymbole, dann hätte er sie wirklich nicht alle.
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Das Sonderbarste an Streich ist, in der sonderbaren Welt des Profifußballs so gar nicht sonderbar aufzutreten, als Gegenentwurf zu wirklich schrägen Vögeln, Angebern, Lautsprechern, Abgehobenen, Schlichtköpfen oder Expertenhubern. Und wenn  er, eine anerkannte Ausbilder-Koryphäe, scheinbar expertentypisch aufzutrumpfen scheint (»Ich könnte ein tausendseitiges Buch über Talent und Talentsuche schreiben«), setzt er den Satz (im »Spiegel«-Interview) so fort, dass ihn alle gewissheitsverströmenden »Experten« auswendig lernen und vor jedem fachlichen Statement leise memorieren müssten: ». . . und ein anderer Trainer könnte alles widerlegen.«
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Während des Spiels aber ist’s vorbei mit rationaler Gelassenheit und pragmatischer Distanz zum Fußball-Wahnsinn, da ähnelt seine Körpersprache jener von Jürgen Klopp, wenn dem zusammen mit den Emotionen der Gaul durchgeht. Klopps Veitstänze mit gefletschten Zähnen, so irre sie wirken und so sehr er sich hinterher dafür schämt, aber als Auslöser für Gewalt im Fußball zu brandmarken, wie es der Schieri-Funktionär Fröhlich tat, das gehört wiederum zu den Absonderlichkeiten des Geschäfts, in dem jede auch noch so abseitige Meinung knallbunt verbreitet wird.
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Andersrum wird’s eher wahr: Wenn ein menschenfreundlicher und friedliebender Mann wie Klopp seine überschäumenden Emotionen nur motorisch in Bewegungs- und Gesichtsmuskelenergie abreagiert, was jeden gelassen-vernünftigen vierten Schiedsrichter nicht ängstigen, sondern nur amüsieren kann, signalisiert das doch: Ich tue niemanden etwas, aber ich muss das rauslassen, und mein Arzt und Apotheker sagen, dass dies sehr viel gesünder ist als Hitzfelds Insichreinfressen, Magaths Verbiesterung und vorgespielter Stoizismus oder des frühen Heynckes Anknipsen der Osram-Birne.
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Apropos Klopp und Magath: Der Unterschied zwischen beiden ist nicht der, dass Klopp seine Spieler liebt und Magath nicht, sondern dass Magath seine Spieler aus Prinzip nicht lieben will und Klopp die seinen immer.
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Apropos Klopp und Hitzfeld: Nicht ihre Körpersprache unterscheidet sie wesentlich, sondern dass die eine Körpersprache echt und die andere mühsam gespielt ist. Und wenn Hitzfeld dann doch mal eine wilde Emotion nicht einhalten kann, macht sie sich selbstständig und entlädt sich in einem völlig atypischen Stinkefinger (auch Hitzfelds »pfiffiger« Part im – ein Michael-Jackson-Video nachahmenden – UEFA-Spot wirkt unecht).
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Zuletzt was ganz anderes – die absonderliche Kilometerzählerei, neben »Ballbesitz« das neue Gütezeichen im Profifußball. Doch das Laufen ist im Fußball kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Am besten läuft es immer noch für den, der Ball und Gegner laufen lässt.
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Nur zum – hinkenden – Vergleich: Der 50. der Halbmarathon-Bestenliste läuft mehr als 21 Kilometer … in nur einer Stunde! Dennoch gilt schon als Fußball-Laufwunder, wer in 90 Minuten zwölf Kilometer zurücklegt, obwohl das jeder Normalo locker joggend und mit Gehpausen schafft.
Ja, sogar ich! Und dann kann’s wirklich jeder! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle