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Sonntag, 25. November, 9 Uhr

Alle Vorarbeiten erledigt, Informationen aufgesaugt (Samstags- und Sonntagszeitungen, Nachrichtenagenturen, Internet), Notizen gemacht, weitere Zitate für “Ohne weitere Worte” gesammelt – jetzt kämen die Montagsthemen dran, aber die schreibt heute ja unser htr, nicht als Montagsthemen im eigentlichen Sinne (also Randerscheinungen des Sportwochenendes glossierend), sondern als DAS Sonntagsthema: Vettel. Ich könnte da sowieso als Laie nur rumstümpern, zumal mich Autos in etwa so sehr interessieren wie Kung-Fu-Filme, Tätowierungen, Elferratssitzungen, Fernsehvolksmusik … hab ich was vergessen? Aber bitte: Das ist kein Hass, sondern pure Interesselosigkeit. Bei der für Autos plagt mich ständig die Befürchtung, mal Zeuge eines wichtigen Tatbestandes zu werden, bei dem ein Auto identifiziert werden und ich es beschreiben muss. Ich könnte nur stammeln: Auto … rot … kein Käfer, kein Mercedes-Stern. Marke? Keine Ahnung. Nicht ganz klein, kein Lkw, kein Bus. Ach so, wichtige Detailbeobachtung: mit Dach, also kein Cabrio. Zumindest war das Dach geschlossen.

Einmal war ich baff: Irgendjemand beschrieb als Zeuge ein Auto, mit Marke natürlich, aber auch mit Baujahr, er hatte es im Vorbeifahren (des Autos) an den Schlussleuchten erkannt, die es so nur in diesem Jahr gegeben habe. Wann war das? Worum ging es?  Ich glaube, um einen Kindesmord und der Täter wurde dadurch gefunden. Unglaublich. Für mich. Und ich hätte nur sagen können: Allgemeine Identifikation: Auto. Spezielle: rot.

Interesse hatte ich nur an drei Fahrern. Jetzt an Vettel, weil er auf mich sympathisch wirkt (plus Freundin, die den ganzen Zores nicht mitmacht), Hesse und Eintracht-Fan ist. Früher am Schummel-Schumi, als Psycho-Studie (Jerez und so). Und ganz früher an Stefan Bellof, weil er aus Gießen kam, ich ein sehr interessantes und angenehmes Gespräch mit ihm (aus der eine Interview-Sonderseite wurde) und er ein Naturell hatte, das mich faszinierte und traurig machte: Offen, lebensfroh, ohne Dünkel, aufgeschlossen, von Natur aus fröhlich und freundlich, aber ohne Schutzmechanismus, wagemutig, tollkühn, gerne Grenzen überschreitend, weil er sein Talent kannte und glaubte, er könne sich das leisten, er habe alles im Griff, alles werde gutgehen, was er total unangeberisch und sehr naiv auch so sagte, zum Beispiel: Er sei nachts auf der Autobahn bei Alsfeld  im Höllentempo in dichten Nebel reingefahren und habe nur durch sein fahrerisches Können einen schweren Unfall vermeiden können, weil er links und rechts über Mittel- und Randstreifen an den Autos vor ihm vorbeigedriftet sei. Dies antwortete er auf  meine Frage, wie er mit dem Risiko des Rennfahrens umgehe, eine Frage, die er nicht verstand, weil er kein Risiko sah, da es kein Risiko sei, wenn man das Risiko fahrerisch im Griff hat. Damals fuhr Bellof noch keine Formel 1, aber ich sagte einem Freund (wissend, dass die Formel -1-Autos damals Unfälle nicht so tolerierten wie heute, zuletzt Rosberg): Das wird böse enden, so übersteht man keine Formel-1-Saison.

In der Saison, es gab noch kein Internet, keine Livesendungen, rief mich Sonntags am Nachmittag nach jedem Rennen Mutter Bellof an und fragte nach dem Abschneiden ihres Stefan. Stets beäugte ich den Nachrichtenticker, fatale Vormeldungen befürchtend. Danach konnte ich beruhigt auf den Anruf warten. Ein Anruf, vor dem ich nach dem letzten Rennen große Angst hatte. Er kam nicht, zum ersten Mal. Danach wurde die erste Sportseite umgebaut, ich schrieb einen Text zum tödlichen Unfall, mit Auszügen aus einem Remarque-Roman und dessen Titel als Überschrift: Der Himmel kennt keine Günstlinge.

In Erinnerung bleibt: ein Rennfahrer, der mit ein bisschen innerem Schutzmechanismus ein ganz Großer geworden wäre und auch einer der Beliebtesten. Weltweit.

In alten Zeiten versunken. Mit Gewalt rausreißen: Alex Meier. Lange nichts über ihn geschrieben. Nun feiern ihn alle, auch die kritischsten Eintracht-Fans. Ich erinnere mich an ganz andere Zeiten, als er bei den Fans fast so unten durch war wie … nein, kein Name, der Junge spielt ja noch … und ich ihm immer die Stange hielt, denn ich behauptete immer, jeder müsse doch sehen, welch ein feiner Fußballer das ist und welch ein angenehmer Typ dazu. Mhhm – gibt es einen Unterschied zwischen Recht haben und rechthaberisch sein? Ich glaube ja: Wenn man Recht hat und darauf rumreitet. Wie ich eben. Sorry. Schlimmer ist nur, nicht Recht zu haben und trotzdem darauf rumzureiten, Recht zu haben. Aber auch da muss ich aufpassen. Im Zweifelsfall stutzen mich die Leser zurecht. Zu Recht zurecht.

So, das war’s für heute, vielleicht auch für morgen, falls der Tunnel verschütt’ bleibt. Also keine Sorge, wenn der Blog vorübergehend ruht. Mein Motto als sturer Hesse bleibt: als weider!

Baumhausbeichte - Novelle