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Sport-Stammtisch (vom 24. November)

Dankeschön für viele Links zu ähnlich spektakulären Aktionen, die mir nach Ibrahimovic‹ Fallrückzieher gemailt wurden. Am besten gefällt mir ein Youtube-Zusammenschnitt unglaublicher Aktionen des zehnjährigen Messi. Groß.
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Ich revanchiere mich: Liebe Leser, geben Sie bei Youtube mal »Kaugummi« und »Götze« ein. Dann sehen Sie, wie Götze im Abschlusstraining in Amsterdam einen Kaugummi ausspuckt, ihn lässig vier Mal hintereinander hoch- und dann zurück in den Mund kickt.
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Ich hab’s auch versucht, mehrmals, und ganz ehrlich: Mir ist dabei etwas gelungen, was sonst nur die Götzes und Messis bei ihren Dribblings auszeichnet – der Ball klebte mir am Fuß. Und blieb kleben.
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Große Kunst und nur ein ganz klein bisschen eklig, wie Götze mit seinem nichtklebenden Kaugummi zaubert. Richtig eklig aber, wie dreckig Adriano sich nach dem Schiedsrichterball sein Pfui-Tor ergaunert. Die UEFA erwägt eine Strafe, das sollte sie aber nicht, denn Adriano hat keine geschriebene Regel verletzt, sondern eine ungeschriebene. Wenn die ergrauten grauen Erinnerungszellen nicht trügen, schoss Sergio 1995 auf ähnliche Art Kaiserslautern in die Zweite Liga und wurde dafür nicht bestraft, sondern in Leverkusen als Retter gefeiert.
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Adriano hat sich schon selbst bestraft, sein Fußball-Leben dürfte weniger annehmlich werden, denn Fans und Internet vergessen nie. Man könnte ihn regelgerecht sowieso nur mit Hilfe eines Gummiparagraphen (»Unsportlichkeit«) bestrafen, der immer auch ein Willkürparagraph ist.
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Mit Hilfe eines solchen wurde einst Katrin Krabbe ersatzweise verurteilt, weil Doping ihr nicht nachzuweisen war. Die alten Dopinggeschichten kochen momentan wieder hoch, aber keine Angst, nicht in dieser Kolumne, die hat ihr und mein Soll übererfüllt. Wen es immer noch oder wieder interessiert, der möge bitte den gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« anklicken (aber erst Kaugummi-Mario!), dort gehe ich auf ein aktuelles FAZ-Interview mit Prof. Digel ein.
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In Sachen Doping fällt mir ansonsten nur noch der Bär im Winterschlaf ein: Forscher haben festgestellt, lese ich in der »Zeit«, dass der winterschlafende Bär nur halb so viel Muskelmasse verliert wie ein ähnlich bewegungsfauler Mensch. Verantwortlich soll eine noch nicht entdeckte Substanz im Blut der Bären sein. – Noch nicht entdeckt? Ha! Die Dopingforschung ist immer einen Schritt voraus!
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Auch Bilder können zwar mehr sagen als tausend Worte, aber dennoch trügen. Unter dem Aufmacherfoto der »Welt« vom Wangenkuss Obamas für Aung San Suu Ky steht geschrieben: »Selten hat die Welt zwei Friedensnobelpreisträger so innig miteinander gesehen.« Wer statt des unbewegten Bildes die ganze Szene gesehen hat und kein völliger Analphabet der Körpersprache ist, der hat gesehen, wie unangenehm ihr die körperliche Nähe war – halb zog er sie, halb sank er sie hin.
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Da vor allem meine liebste Zielgruppe zuletzt vermehrt kritisiert hat, in dieser Sportkolumne sei viel zu viel vom Sport die Rede, kommen wir jetzt zu den wirklich wichtigen Dingen des Lebens: Geld und Sex. Verkörpert in einem Kanzlerkandidaten und zwei hohen US-Militärs. Mit dem öffentlichen Neid als Klammer: auf das Geld und auf den Sex anderer. In der moralischen Überhöhung vergessen wir das jeweils eigentliche Problem. Nicht dass der Kandidat nebenbei so viel Geld verdient, ist ein Skandal (es sei ihm gegönnt, bis hin zu Fantastillionen. Übrigens: Dagobert, Glückwunsch nach Entenhausen zum 65.!). Aber auch als gefühlter Vorruheständler, der seine Karriere hinter sich wähnt, sollte man den doch recht gut bezahlten und verantwortungsvollen Vollzeitberuf des Bundestagsabgeordneten nicht als Sofortrente begreifen, die durch fleißige Vortragsarbeit aufs Mehrfache aufzustocken ist. Und wenn MdB von CDU oder FDP nun heuchlerisch auf den SPD-Kollegen schimpfen, sollten sie daran denken, dass Platz zwei bis zehn der Vortrags-Geldmacherliste von ihren Parteifreunden besetzt sind.
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Ähnlich behandeln die USA ihre beiden hohen US-Militärs. Da die Puritanischsten meist auch die Verklemmtesten sind, wettern sie auch am rigorosesten gegen jeden nicht von ihrem Glauben sanktionierten Sex. Doch der wahre und wirkliche Skandal: Wenn der Kommandeur der US-Armee in Afghanistan innerhalb von zwei Jahren 30 000 Seiten langen Mail-Verkehr treibt – wie viel Zeit und Konzentration bleiben ihm dann für seinen Beruf, in dem es immerhin um weltbewegende Dinge geht und nicht zuletzt um Leben oder Tod?
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Kein Thema für diese Kolumne? Doch! Und wie! Wenn dieser Obergeneral (in militärischen Rängen kenne ich mich nicht so aus) auch nur die Hälfte der angeblich 30 000 Mail-Dialog-Seiten geschrieben hat, wir Pi mal Daumen eine Mail- mit einer Din-A-4-Seite gleichsetzen, von denen meine heutige Kolumne knapp zwei füllt, dann hat jener Mail-Mann Tag für Tag einen Ausstoß von zehn »Sport-Stammtisch«-Kolumnen. Wie macht der Mann das bloß?
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Für mich, der es maximal vier oder fünf und nicht 70 Mal in der Woche schafft, die einzige Erklärung: Er schreibt in Buchstaben von »Bild«-Schlagzeilengröße. In Verquickung von Beruf und Leidenschaft hat er allerdings das alte Hippie-Motto missverstanden. Werter Mister Obergeneral, es heißt »Make love not war« und nicht »Make love and war.« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle