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So wahr das! (Nach-Lese vom 24. November)

 Hitlerdouble in Nöten: »Allmählich wird es mir zu bunt«, erklärte uns Heinrich Noll, der stadtbekannte Doppelgänger Adolf des Verführers. »Wo ich auch erscheine, überall laufen die Leute mir nach. Davon kann ich als Erwerbsloser aber leider nicht leben.« Noll ist zwar um zwei Zentimeter kleiner als sein »großes« Vorbild, aber sonst unverkennbar »ihm« täuschend ähnlich. »Ließe doch die DEFA endlich etwas von sich hören«, meinte er, als wir ihn über seine Zukunftsabsichten befragten. »Dieser Filmgesellschaft habe ich neulich ein paar Aufnahmen von mir geschickt, weil sie immer noch einen Hauptdarsteller für ihren Film über den Untergang des Dritten Reiches sucht.« Daß sich außer ihm bereits 300 andere Bewerber um die gleiche Rolle bemüht haben, weiß er.  (7. Januar 1950)
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Was ich heute »nach-lese«, wurde gedruckt, als ich noch gar nicht lesen konnte, hat also das »Nach« im Kolumnentitel mehr als verdient. Grund: Ich bossele momentan an einer Collage aus Zeitzeugnissen, Presseartikeln (jeweils authentisch) sowie Briefen und Tagebuchaufzeichnungen (jeweils fiktiv, aber sich an Zeit-Fakten haltend). Aus der Mischung könnte sich ein hessischer Heimatroman mit Doku-Charakter ergeben. Der Titel »So wahr das« spielt mit dem, was war, was wahr war oder was als wahr empfunden wurde. Die Texte beginnen im Jahr 1950 und umfassen alles von der großen Politik bis zu damals aktuellen lokalen Ereignissen. Das historische Material liefern vornehmlich unsere Zeitungsausgaben jener Jahre. Die – fiktive – Geschichte einer hessischen Familie von 1950 bis 2000 bildet den roten Faden und soll das Ganze spannend, unterhaltsam und anrührend zusammenhalten.
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Ob ich das Projekt verwirkliche? Ich weiß es noch nicht. Interessiert es überhaupt jemanden? Außerdem: Viel Arbeit würde warten, vor allem sehr viel Nach-Lese. Aber egal, ob ich weiter bossele oder aufgebe – alleine schon die ersten Fundstücke sind derart erstaunlich und ergötzlich, dass hoffentlich viele ältere und vielleicht auch jüngere Leser ihre Freude daran haben, wenn die »Nach-Lese« heute einige Kostproben anbietet. Nicht nur »Adolf des Verführers Doppelgänger« hatte es in sich, sondern auch manche Kleinanzeige oder Werbung wie diese 1950 oft geschaltete Textanzeige: HEIL Nudeln HEIL Maccaroni HEIL Konserven. Oder hier: Amerikaner (weiß) sucht für seine Braut u. Kind gut. möbl. separ. Zimmer (für 3 – 4 Monate), mögl. besseres Viertel. Heirat in 3 bis vier Wochen (2. April 1952). Sehr apart auch dieses Stellenangebot vom 6. April 1952: Suche für sofort bescheidenes, braves und kräftiges Mädel, am liebsten Halbwaise, berufsschulfrei, die gemeinsam mit der Hausfrau Arbeiten verrichtet. Familienanschluß. 80 DM Anfangsgehalt. Es kommen nur Mädels in Frage, die fleißig und solide sind. Hausfrau war Hauswirtschaftslehrerin.
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Oje, das Mädel musste aber sehr kräftig sein, um die Ex-Hauswirtschaftslehrerin  ertragen zu können. Vom Kochen war in der Stellenanzeige nichts zu lesen – ob die Hausfrau persönlich in der Küche waltete? Vielleicht hat sie sogar an unserem großen Herbst-Preisausschreiben teilgenommen, das 1950 ein großer Erfolg war. Hausfrauen sollten ihren Wochenküchenzettel einsenden, was auch Lissi Lüdeking aus Gießen tat, die den zehnten Preis gewann. Am Dienstag gab es bei ihr: Kartoffelsuppe mit Gelbe Rüben, Sellerie und Lauch, Weckauflauf mit gekochten Birnen. Zutaten: 500 g Kartoffeln, Gelbe Rüben, Sellerie und Lauch, 50 g Fett, Salz, 12 Brötchen, 50 g Zucker, 1 Ei und etwas Eipulver, 1 l Vollmilch, Zitronenschale, 30 g Margarine. – Bäh, nichts für mich! Aber immerhin, Gesamtkosten für die ganze Familie: nur zwei Mark.
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Billig sattessen können, das war damals halt am wichtigsten, wie auch diese Zeitungsumfrage vom 5. Januar 1950 zeigt: So denken Ihre Mitmenschen über die wirtschaftliche Entwicklung 1949: Hugo Dürr, 24 Jahre, zur Zeit Hilfsarbeiter, Gießen. – »Wenn das Geld auch knapp ist, so konnte man doch wieder das Nötigste anschaffen. Hauptsache ist: Man kann sich wieder sattessen. Wenn auch das Geld für den Winterbrand und die Einkellerungskartoffeln nicht ganz gereicht hat, so will ich doch schon ganz zufrieden sein.«
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Kureier konnte sich Hugo Dürr aber sicher noch nicht leisten. Inserat vom 12. April 1952: Kureier: Auch Sie sollen gesund und lebensfroh werden durch 9 Tage angebrütete Eier mit einwandfrei entwick. Embryo. Darum sichern auch Sie sich eine Kur von 30 Tagen bei der Geflügelfarm und Brüterei W. Blöser, Bad Nauheim-Nord, Steinfurther Straße. Anmeldungen zur Kur täglich.
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Angebrütete Eier? Igittigitt! Gab es so etwas wirklich? Ja, sogar heute noch, denn 60 Jahre später reicht ein Klick ins Internet, und man erfährt: Balut ist ein angebrütetes gekochtes Enten- oder Hühnerei, das vor allem auf den Philippinen, aber auch in Vietnam als Delikatesse gilt. Bei den Filipinos gelten 17 Tage alte Eier (balut sa puti) als ideal; vorher ist der Embryo noch kaum wahrnehmbar. Die vietnamesische Küche bevorzugt 19 Tage alte Eier mit deutlich sichtbarem Körper.
Guten Appetit! Dann doch lieber eine Woche lang Kartoffelsuppe mit Gelbe Rüben und Weckauflauf!
Was wurde eigentlich aus dem Doppelgänger? Man hat dem falschen »Adolf« übel mitgespielt. Der Bart ist ab, und die malerische Stirn»locke« ebenfalls. Gießens »Adolf« hat jetzt nichts mehr von der Ähnlichkeit mit seinem »berühmten« Vorbild. Seine Chancen, zum Film zu kommen, wurden das Opfer eines schmählichen Bubenstreiches. »Heulen hätte ich können, als ich in den Spiegel sah«, sagte Heinrich Noll. Nach durchzechter Nacht wurde Gießens Hitler-Double »vergewaltigt«, mit Schere und Rasiermesser. Die von uns in der Ausgabe vom 7./8. Januar aufgeworfene Frage, »Ob die DEFA ihn holen wird?«, dürfte damit »null und nichtig« sein. (14. Februar 1950)
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Natürlich kommt auch die große Politik nicht zu kurz. Wussten Sie, dass es 1952 ein Briefbombenattentat auf Bundeskanzler Adenauer gegeben hat? Aus der UP-Meldung: Eine Gruppe, die sich »Organisation der jüdischen Partisanen« nennt, erklärte sich am Montag für den Attentatsversuch auf Bundeskanzler Dr. Adenauer verantwortlich. Die Organisation habe diesen Anschlag unternommen, weil das deutsche Volk immer noch versuche, »die Welt zu versklaven«. In dem Schreiben stellt die Gruppe fest, sie befände sich mit Deutschland »im Krieg«. Ihr Ziel sei Vergeltung für die »sechs Millionen kaltblütig ermordeten Juden«. Zu lesen war später, der Anschlag sei wohl ein antisemitisches Tarnungsmanöver gewesen, verdächtigt wurde eine antisemitische Organisation des Schweden Einar Aberg, die die Bundesrepublik, Westberlin, die Schweiz und andere Länder mit Propagandamaterial überschwemmt habe.
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Seltsam. Zuvor nie etwas davon gehört oder gelesen. Aber kein Scherz. Dafür war eher Werner Finck zuständig, berichtet die Deutsche Presse-Agentur im März 1950: Unter der Leitung des bekannten deutschen Conferenciers Werner Finck fand in Westberlin die Gründungsversammlung der »Radikalen Mitte« statt. Diese überparteiliche, außerkirchliche und nicht nationalistische Gesellschaft habe es sich zum Ziel gesetzt, die Humorlosigkeit und den Bazillus der Dummheit in Deutschland zu bekämpfen, sagte Finck. Seine Gesellschaft wolle keine Parteilizenz beantragen, sondern die Einzelgänger ansprechen und eine Gewerkschaft der Eigenbrötler werden. Als Symbol wollten ihre Anhänger eine Sicherheitsnadel unter dem Rockaufschlag tragen und als »Führerbild« einen Spiegel ansehen.
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Wieso ein Scherz? Meine Stimme hat sie, die Radikale Mitte. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle