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Freitag, 23. November, 16.40 Uhr

Morgen zwei quantitätsgroße Kolumnen im Blatt: Die “Nach-Lese” fürs Feuilleton und der “Sport-Stammtisch”. Beide geschrieben, letztere gerade abgeschlossen. Noch nicht online, kommt aber gleich, nach diesem Blog-Eintrag. Herbert Fischer-Solms, Abi-Klassenkamerad, als verantwortlicher Sportredakteur beim Deutschlandfunk ebenfalls schon im Ruhestand, hat mich auf ein FAZ-Interview mit Helmut Digel aufmerksam gemacht:

http://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/helmut-digel-im-gespraech-alle-wussten-vom-betrug-im-westen-11966659.html

Meine Rück-Mail: Sehr gutes Interview. Kompliment an Herrn Hecker. Auch Digel sehr gut. Von ihm hatte ich bisher keine gute Meinung (warum, kann ich Dir mal beim nächsten Klassentreffen erzählen; jedenfalls war er auf Karrieretour in der IAAF sehr geschmeidig). Von Fakten und Aussagen her fast alles auch meine Haltung. Außer: Kotau vor Schäuble + Doping bei uns “von unten nach oben”.  Schäuble sollte sich mal wirklich öffentlich bekennen, so wie das von den Doping-”Sündern” auch verlangt wird. Und wie kann man von “Doping von unten nach oben” sprechen, wenn “oben” zum Beispiel für Kugelstoßerinnen 1976 eine intern erhöhte Olympia-Norm von 20,60 m verlangt wird (zweimal bei zwei von drei festgesetzten internationalen Terminen zu erzielen, was eine Über-21-m-Kapazität voraussetzt), und wenn das Erreichen dieser Norm über Förderung oder Rauswurf aus der Förderung entscheidet, also auch über die materielle Basis, sich Leistungssport leisten zu können?

Herbert Fischer-Solms hatte sich jedoch über das Interview geärgert, u.a. Digels “Windfahnen”-Haltung moniert. Zu Recht, natürlich, denn meine positive Wertung erklärt sich aus früheren Erfahrungen mit Digel, und dagegen war das im Interview Gesagte ein Fortschritt. Daher meine zweite Rück-Mail:

Soo schlecht finde ich das Interview nicht, im Vergleich zu dem, was ich mit Digel erlebt habe. Ich weiß nicht, ob Du mein “Sport-Leben” mal gelesen hast (auf meiner Internetseite). In Auszügen ist es bei uns 1999 als Serie erschienen. Anschließend habe ich im Blatt eine Erklärung geschrieben. Hier ein Auszug (aus Ralf habe ich später “Jan” gemacht):
 

Die Arbeit an dem Manuskript begann mit dem ausdrücklichen Einverständnis von »Ralf«. Der »Ich«- und der »Ralf«-Kugelstoßer waren sich einig, dass schonungslose Ehrlichkeit, auch sich selbst gegenüber, oberstes Gebot sein müsse. Der erste Teil des Manuskripts, der in diesem Sinne die Eigenverantwortlichkeit des Sportlers betonte, lag schon früh einem deutschen Sportführer vor, der sich überschwänglich gab und ankündigte, das fertige Manuskript in seiner eigenen Reihe persönlich herauszugeben. Er bat sogar, es vorab verwenden zu dürfen, weil ein deutscher Rhetoriker an einer großen Jubiläumsrede arbeite und den Text sicher gerne benutzen würde. Der Autor lehnte ab. Kurz zuvor war »Ralf« gestorben, so dass an eine Fortsetzung des Manuskriptes vorerst nicht zu denken war. Aber der Verlag, mit dem der Sportführer zusammenarbeitete, drängte mehrfach auf Fertigstellung des Textes. Das tat der Autor dann auch, nach einigen Monaten Bedenkzeit.

 

In diesem zweiten Teil richtete sich die schonungslose Ehrlichkeit nicht mehr ausschließlich nach innen, also gegen die beiden Kugelstoßer, sondern auch nach außen, wobei die Verantwortlichkeit von Politik, Verbänden, Funktionären und Medien betont wurde. Das kann karriereambitionierten Sportführern nicht in die Lebensplanung passen. Sportler, die sich anklagen? Prima. Aber Sportler, die uns anklagen? Aus Begeisterung wurde Schweigen.
Hintergrund: Den ersten Teil des MS hatte ich dem M&M-Verlag angeboten. Ich erhielt begeisterte Reaktionen, man wollte den Text unbedingt veröffentlichen. Eines Oster-Tages rief Digel, damals DLV-Präsident, an und quatschte mir den Kopf voll. Wie toll das MS sei, wie verdienstvoll von mir usw. usw. Ich solle es unbedingt fertigstellen, und Walter Jens wolle in seiner Jubiläumsrede (100 Jahre DLV) darauf eingehen und daraus zitieren. Nach einer Denkpause stellte ich das MS fertig, jetzt kam nach der Eigen- auch die Verantwortlichkeit von Politik und Verbänden (und, ja, auch  Journalisten) dran. Ich schickte das MS ab, erhielt monatelang keine Antwort, fragte dann nach und bekam ein Formblatt geschickt: “Passt inhaltlich nicht in das Verlagsprogramm” blablabla. Und das, nach dem ich mehrmals aufgefordert worden war, das tolle Manuskript abzuschließen. Ich fragte auch bei Digel in Darmstadt nach, hatte ihn endlich nach mehrmaligem Hinhalten an der Strippe, er tat so, als wüsste er von nichts, wolle sich mal drum kümmern, es klang aber nicht sehr engagiert, zumal nicht,  nachdem er mir langatmig Honig ums Maul geschmiert hatte. Und der Clou: Digel war Herausgeber der Reihe des M&M-Verlages, in dem mein Text erscheinen sollte, er muss ihn also selbst abgelehnt haben. Logik: Wenn Sportler sich bezichtigen, prima, das wird veröffentlicht – wenn Funktionäre und Politik angeklagt werden, wird es unterdrückt.
Digel hätte also schon 1999 dafür sorgen können, in Kenntnis meines Textes, dass bekannt wird, dass, wie und in welchem Ausmaß Doping in der Bundesrepublik gefördert und gefordert wurde.

Das alles wollte ich im Blatt nicht mehr aufdröseln, wäre auch viel zu lange geworden, schätzungsweise 30000 Mailseiten (kleiner Scherz, löst sich am Ende des Sport-Stammtischs auf). Aber das noch: Schäubles damalige Aussagen nehme ich ihm nicht übel, im Gegenteil, sie waren verantwortungsethisch geprägt (sinngemäß: Wenn man im Weltverggleich mithalten will und alle dopen, müssen wir das auch tun, aber unter verantwortlicher und gesundheitsbewusster Anleitung von medizinischer Seite). Aber bevor Sportler Ihre Schuld bekennen (habe ich bekannt, war keine große Überwindung, denn ich war zu wenig erfolgreich, außerdem hat es mir journalistisch nur geholfen), sollte einer wie Schäuble öffentlich reumütig bekennen und diesbezügliche Forderungen nicht abbügeln oder abbügeln zu lassen, mit dem Tenor wie “endlich mal ruhen lassen”, “waren andere Zeiten”, “er war doch noch ein junger Mann, dem man Irrtümer zugestehen  sollte”. Jan Ullrich war ein ähnlich junger Mann wie Schäuble damals, und für ihn haben die Bekenntnis-Forderer kein Verständnis wie für den “jungen” Schäuble.

So, Schluss damit, jetzt noch “Nach-Lese” und “Sport-Stammtisch” online stellen, dann ist Feierabend – und Montagsthemen-Pause, denn die schreibt aktuell zu Vettel/Schumi unser Motor-Fachmann htr (Blog am Sonntag aber wie gewohnt).

 

Baumhausbeichte - Novelle