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Montagsthemen (vom 19. November)

Nicht nur der Sport, sondern auch Gott & die Welt bewegen unsere Kolumnen, egal ob sie mit »Montagsthemen«, »Sport-Stammtisch« oder schlicht »Anstoß« überschrieben sind. Manchmal versuchen wir auch, tief zu schürfen, sogar letzte Fragen beschäftigen uns, aber was bewegt unsere Leser wirklich? Zuletzt waren es die 1,20 Euro, die ein Bier bei »Wanni« kostet, und jetzt ist es Ibrahimovic’ Fallrückzieher.
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Spektakulär und einmalig, aber keine große Kunst, da überwiegend Zufall – behauptete ich am Samstag. Und immer noch. Ibrahimovic bot da eher Pop-Art mit Knall-  und »Boah«-Effekt. Große Kunst, das sind Tore, die genial herausgespielt werden, wie viele von Messi oder einige von Okocha. Von diesem vor allem eines, jenes legendäre im Frankfurter Trikot gegen Kahn. Und wie’s der Zufall will: Per Mail auf einen Link aufmerksam gemacht, klicke ich ein Youtube-Video an. Zu sehen: Eine Aktion des noch sehr jungen Ibrahimovic im Ajax-Trikot, wie er die gegnerische Abwehr austanzt und einschießt, fast eine Kopie des Okocha-Tores gegen Kahn. Sensationell. Große Kunst.
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Große Blamage: »Der Fuß Gottes«, unter dieser Schlagzeile schrieb ein »FAZ«-Kollege am Freitag über »das frechste, unglaublichste, akrobatischste, unverschämteste Tor«, wusste aber auch, denn hinter jeder »FAZ«-Zeile steckt ein kluger und im Zweifelsfall besserwissender Kopf, dass Ibrahimovic’ Tor nicht einmalig ist, weil »es mal einen Spieler gab, der nicht nur aus 25, sondern gleich aus 40 Metern per Fallrückzieher traf. Es war auch ein Schwede, Rade Prica, der mal bei Hansa Rostock gespielt hat.« Aber, grande Malheur: Das 40-Meter-Fallrückziehertor, das die »FAZ« bei Youtube entdeckt hat, stammt nicht aus einem echten Fußball-, sondern aus einem Konsolen-Spiel, ist also die moderne Form eines Zeichentrickfilms.
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Das Netz kugelt sich vor Schadenfreude. Als Schreiber kugelt man amüsiert mit, aber mit dem Schauder der Gewissheit: So etwas kann jedem passieren, vor allem auch mir selbst. Unvergesslich und die Mutter aller unfreiwilligen Fakes: Als der Literaturprofessor und Feuilleton-Guru Fritz J. Raddatz (»ein beidfüßig schreibender Herr«/Robert Gernhardt) 1985 in einem »Zeit«-Leitartikel zur Buchmesse Goethe das Wort in den Mund legte: »Man begann damals, das Gebiet hinter dem Bahnhof zu verändern«. Womit Raddatz zum Gespött der Kultur-Nation wurde, da die erste deutsche Eisenbahn erst drei Jahre nach Goethes Tod fuhr. Der literarische Besserwisser Raddatz war auf eine Parodie in der »Neuen Zürcher Zeitung« hereingefallen, hatte sie für bare Münze genommen, wie ein früher vonundzu Guttenberg abgekupfert, und halb Kultur-Deutschland gönnte dem von der anderen Hälfte verehrten Raddatz diese Blamage.
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Aber Goethe war ja schon immer seiner Zeit voraus. Dass vor wenigen Tagen in Frankfurt der Strom ausfiel und die Lichter ausgingen, hatte er noch auf dem Sterbebett vorausgesehen: »Mehr Licht!« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle