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Sport-Stammtisch (vom 17. November)

Spektakulär war’s. Mehr nicht. Dem fraglos tollen, aber im Wortsinn einmaligen Fallrückzieher von Ibrahimovic fehlt das, was andere Traumtore von Okocha bis Messi hatten: die vom bloßen Zufall unabhängige Kunst. Wenn Ibrahimovic noch hundert Mal in eine ähnliche Situation käme, er könnte diese Aktion nicht mit gleichem Erfolg wiederholen. Ihn ehrt, dass er es selbst am besten weiß (»Zufall«). Außerdem bleibt er auch ohne diesen Youtube-Hit ein Ausnahmespieler und sein Tor … eben einmalig.
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Spektakulär war’s nicht, das Holland-Spiel. Wäre aber auch die pure Unvernunft, wenn Akteure, die fast alle zwischen zwei extrem wichtigen Spielen (Champions League) ein außergewöhnlich unwichtiges absolvieren müssen, an ihre physische und psychische Grenze gehen würden. Sooo langweilig fand ich’s aber gar nicht, es war ein gepflegter Kick, nur ohne »Kick«.
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Fehlt uns einer von der psychischen Statur eines Ibrahimovic? Oder einer wie Effenberg, Sammer und wie die alphatierischen »Führungsspieler« alle heißen? Na ja, früher hatten wir solche Typen, aber es rumpelte. Nun fehlen sie, aber es rumpelt nicht mehr. Hätte Löw im Italien-Halbfinale nicht daneben gegriffen, hieße jetzt das aktuelle Dogma: Führungsspieler sind out.
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Messi, Xavi, Iniesta sind sowieso die Gegenmodelle, fast noch braver und lieber als Löws Bubis. Am Ende – Vorsicht: Binse! – zählt nur der Erfolg, und wenn im Fußball auf etwas Verlass ist: Seine Experten verstehen es immer, den jeweils aktuell erfolgreichen Fußball als den einzig wahren zu preisen. So gilt seit Spaniens und Barcas Ausnahmestellung der »Ballbesitz« als Nonplusultra, doch nur, weil sie mit ihren physisch nicht dominanten, kleinen, flinken und spielintelligenten Akteuren nun mal eher gewinnen, wenn sie den Ball kreiseln lassen, statt, zum Beispiel, stark physisch geprägten Konterfußball zu spielen. Dennoch bleibt »Ballbesitz« ein statistischer Fetisch, selbst die 1:2-Niederlage von Barcelona in Glasgow trotz weltrekordreifer 89 Prozent Ballbesitz ändert daran (noch) nichts.
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Auch Ex-DFB-Boss Zwanziger kommt auf etwa 89 Prozent. Ablehnung. Hat er sich selbst buchstäblich zuzuschreiben. Das Netteste, was über sein Buch gesagt wird, ist noch die Vermutung, der Titel »Die Zwanziger Jahre« sei ein Ausdruck von Selbstironie. Aber mir scheint es eher eine ganz spezielle Form der Selbstironie zu sein, eine kokette Abart, bei der das scheinbare Sich-auf-die-Schippe-Nehmen nur über das Sich-sehr-wichtig-Fühlen hinwegtäuschen soll. Wie bei der doppelten Verneinung als Stilform, die eine besonders starke Bejahung ist.
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Zwanziger war ein begnadeter Sonntagsredner. Homophobie, Depression, Diskriminierung, Ehrlichkeit, Toleranz, Frauenfußball, Schutz von Minderheiten, Gewalt, Rechtsradikalismus – stets fand er staatstragende Worte zur Erbauung aller, einschließlich des Vortragenden.
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Apropos Depression und Outing. Wegen Enkes Tod (leider nicht schon wegen Deislers Leiden) schärfte nicht nur der Fußball sein Gespür für diese schwere Krankheitsform. Verständnis und Ermutigung wuchsen, auch wenn der eine oder andere simulierende Trittbrettfahrer in die Depression davon profitiert haben mag. Seitdem haben sich schon viele Fußballer zumindest als depressionsgefährdet geoutet. Ein anderes Outing hat sich noch nicht durchgesetzt. Homosexualität im Profifußball bleibt ein Tabu. Ich dachte bisher: Das ist auch gut so. Wen geht meine wie immer geartete sexuelle Vorliebe etwas an, solange sie anderen nicht schadet? Sie öffentlich stolz zu bekennen, sei es Hetero-, Homo- oder eine andere Spielart der Sexualität, wirkt so aufdringlich und überheblich wie eines jener »2000-Frauen-gehabt«-Bekenntnisse von Testosteron-Machos und solchen, die wie solche wirken wollen.
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So dachte ich. Aber nicht weit genug gedacht, weil nicht bedacht: Wer sich nicht outet, muss dann eben doch Versteck spielen, zum Beispiel, indem er den eigenen Partner verleugnet oder öffentlich nicht mit ihm umgeht, wie er es gerne täte – denn wenn er’s täte, wäre es zwangsläufig ein Outing.
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Also alles leider nicht so einfach, wie ich es gerne gesehen hätte. Dazu kommt noch eine fatale Konsequenz. Nicht immer müssen Druck, Mobbing, Überehrgeiz oder Ausgebranntsein die Auslöser für eine echte Depression sein. Auch jahrelanges Versteckspielen kann dazu führen, sogar, so die Gerüchteküche, in einem besonders tragischen Fall.
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Schwierig, schwierig. Zu guter Letzt ein Quantensprung zur Albernheit: Auch Jan Ullrich hatte dunkle Stunden, aber zum Glück die Kurve gekriegt. Ihm scheint es gut zu gehen, er ist jetzt zum vierten Mal Papa geworden. Sein Sohn heißt Toni. Vielleicht kriegt ja auch das Profi-Radfahren die Kurve, und irgendwann hört ein stolzer Papa Ulle, wie ein neuer Herbert Zimmermann jauchzt: »Toni, du bist ein Radfahr-Gott!« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle