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Die Vermessung der Fußballwelt

Liebes Eintracht-Tagebuch, seit ein paar Tagen läuft ein neuer Film in unseren Kinos: »Die Vermessung der Welt«. Darin geht es um die beiden deutschen Wissenschaftler Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß, die sich beide Anfang des 19. Jahrhunderts aufgemacht hatten, die Welt zu entdecken.
Wobei sie dabei sehr unterschiedliche Methoden anwandten: der Naturforscher Humboldt indem er in ferne Länder reiste, um die Erde zu vermessen, der Mathematiker Gauß zog es stattdessen vor, zu Hause zu bleiben, um sie von da aus zu berechnen.

Und so unterschiedlich ihre Vorgehensweisen waren, so unterschiedlich auch ihre Herkunft. Während Humboldt aus einer Adelsfamilie stammte und Privatunterricht erhielt, wuchs Gauß unter eher schwierigen sprich ärmlichen Bedingungen auf. Dennoch brachten es beide zu großer Anerkennung, noch heute sind ihre vielschichtigen Erkenntnisse, zum Beispiel die über Erdmagnetismus, Grundlagen von weltweit geführten wissenschaftlichen Forschungen oder Diskussionen.

Bei Bayern München und Eintracht Frankfurt war das teilweise ähnlich. Beide kommen aus wirtschaftlich sehr unterschiedlichen Verhältnissen, und während der eine Verein schon lange in ferne Länder reist, um zum Beispiel in der Champions League sein Wissen in Sachen »Fußballwelt« zu erweitern, blieb der andere Verein währenddessen (zwangsläufig) daheim, um dort seine Studien zu betreiben, teilweise sogar in niedrigeren Gefilden wie der 2. Liga.

Doch dann hört es auch schon auf mit den Parallelen bezüglich Humboldt und Gauß. Denn spätestens was Erfolge und weltweite Wahrnehmung betrifft, unterscheidet sich das Ganze dann doch deutlich. Während Bayern nämlich jede Menge großer Trophäen eingeheimst hat und schon lange kontinuierlich globusweit bekannt und gefürchtet ist, erinnern sich außerhalb Hessens nur noch ab und zu Menschen an ein paar glorreiche Europacupspiele oder den Uefa-Cup-Sieg der Eintracht gegen Gladbach kurz nach dem Krieg.

Am letzten Samstag hatte ich allerdings das erste Mal seit zig Jahren das Gefühl, dass sich das mit ein bisschen Glück in Zukunft zumindest ein wenig zu unseren Gunsten verschieben könnte. Natürlich auch, weil die Eintracht über weite Strecken mindestens gleichwertig war und den Münchnern Paroli geboten hat wie kein anderer Verein in dieser Saison. Und auch weil sie sich von dem mauen Spiel gegen Fürth so gut erholt gezeigt hat, was einen beruhigenden Aufschluss über die mannschaftliche Psyche und die unverändert kluge Arbeit von Armin Veh zulässt. Was mir aber am allerbesten gefallen hat, liebes Tagebuch, war der Moment direkt nach dem 2:0 der Bayern, als Matthias Sammer Jupp Heynckes angesprungen hat und sich beide gefühlte zwei Stunden erleichtert umarmt haben! Das habe ich bei den sechs Toren gegen Lille am Mittwoch vorher nicht gesehen, da haben die beiden sich kurz abgeklatscht und fertig. Nein, solche Gefühlsausbrüche gibt es bei solchen Jungs nur dann, wenn der Gegner stark ist und man sich nicht wirklich sicher ist, ob man ihn besiegt!

Ich bin zwar kein gelernter Lippenleser, aber ich meine gesehen zu haben, wie Sammer dem Jupp ins Ohr geflüstert hat: »Gott sei Dank, damit halten wir sie auf Distanz, diese Frankfurter! Dann lieber die Schalker im Nacken, die packen es ja eh nie!« Gut, vielleicht hab ich mich auch verlesen, und er hat stattdessen gesagt: »Weißt du was? Ich kauf sie dir alle drei, den Rode, den Jung und den Trapp!« Aber eins von beiden war’s, da bin ich mir sicher. Und egal was, beides spricht für die Entwicklung unseres Vereins. Das war am Samstag so zu spüren wie lange nicht mehr!

Und weil das (trotz der knappen Niederlage) so schön war, und so befriedigend dazu, sollten alle Beteiligten tunlichst verhindern, dass man diese Mannschaft auseinanderkauft! Denn bei aller Sympathie für den heimatverbundenen Carl Friedrich Gauß … die ein oder andere fußballerische Studienfahrt ins Ausland fände ich auch mal ganz schön. In diesem Sinne.  Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle