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Sport-Stammtisch (vom 10. November)

Ob die Negativ-Serie der Frankfurter Eintracht in München ausgerechnet heute endet? Armin Veh ist kein Fantast und weiß daher, was auf ihn und seine Spieler zukommt. Er will aber wenigstens ein Hoffnungs-Hintertürchen öffnen, indem er behauptet: »Je länger eine Serie dauert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie reißt.«
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Veh ist also, und auch das ehrt ihn, kein erfahrener Zocker, denn sonst wüsste er: Dieser Serien-Fehlschluss hat schon viele Spielsüchtige in den Ruin getrieben, die glaubten, beim Roulette nur abwarten zu müssen, bis zum Beispiel die Kugel fünfmal auf Rot landet, um dann auf Schwarz zu setzen, weil ja nicht auch noch zum sechsten Mal Rot kommen kann.
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Kann aber. Egal wie lange eine Serie dauert, rein rechnerisch stehen die Chancen im jeweils nächsten Spiel immer wie im ersten: fifty-fifty. Beziehungsweise beim Roulette 36:37, wegen der Null, dem Vorteil der Bank.
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Es gibt also nicht wenige Gemeinsamkeiten zwischen Fußball und Roulette, von der grünen Spielfläche bis zum runden Spielgerät, das rollt, wie es will. Und auch den Vorteil der Spiel(er)bank gibt es – man schaue sich nur die der Bayern an. Und da endet dann aber auch sportlich der Vergleich mit dem Roulette, denn Spielbanken leben von der Null, die Bayernspielerbank jedoch davon, dass auf ihr alles andere als »Nullen« auf ihren Einsatz warten.
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Dass am Ende immer die Bank gewinnt, weiß auch Florian Homm: »Ich würde im Kasino nicht einen Euro einsetzen. Ich würde lieber die Spielbank kaufen«, sagt er im »Stern«-Interview. Homm, ein früherer Basketball-Juniorennationalspieler, hatte früh eine Lebensdevise seines geliebten Großonkels Josef Neckermann übernommen: »Die Niederlage beginnt mit dem zweiten Platz, und Leben bedeutet Krieg.« Folgerichtig wurde Homm schon in jungen Jahren erfolgreicher Hedgefondsmanager. Vor fünf Jahren tauchte er zusammen mit 200 Millionen Euro unter und nun im »Stern« wieder auf. Flüchtig, weil noch flüchtig.
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Homm? Florian Homm? Da war doch mal was, hier im »Sport-Stammtisch«? Ja, vor sieben Jahren: Homm war als Großaktionär bei der damals finanziell und sportlich darbenden Dortmunder Borussia eingestiegen und hatte eine Millionen-Prämie für den Gewinn der Meisterschaft 2006 ausgesetzt. Da ließ ich mich nicht lumpen und versprach als Großaktionär des hessischen Herzens unserer Eintracht die ähnlich realistische Prämie von einer Fantastillion für den Gewinn der Champions League 2007.
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Homm gibt sich geläutert. Er war »eine primitive Geldmaschine«, hat das nun aber »Gott sei Dank vor der totalen Seelenaufgabe noch korrigieren« können. »Heute glaube ich: Geben ist seliger als Nehmen.« – Ein seltsames Interview, in dem Homm wirkt, als habe er sich selbst das Gehirn gewaschen und seine eigene Ein-Mann-Sekte gegründet, Realitätsverlust inklusive. Selbst am glanzvollen BVB von heute »war  ich als Investor mitbeteiligt«.
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Vielleicht sollte er aber eine Zwei-Mann-Sekte gründen, denn Louis van Gaal klang wie ein Bruder im gewaschenen Geiste, als er kürzlich in einem »Sport-Bild«-Interview behauptete, den von ihm nicht gewollten Neuer schon immer gewollt, den von ihm am liebsten verscherbelten Gomez schon immer als Weltklassemann geachtet und Löw das Spielsystem der Nationalelf aufs Auge gedrückt zu haben. Klar, dass er auch hinter dem glanzvollen FC Bayern von heute nur einen Erfolgsgaranten sieht. Wie nannte er sich? Feierbiest? Biestfeiertsich?
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Wenn David Storl der Dritte im Sektenbunde wäre, hätte ihm der Bundespräsident das Silberne Lorbeerblatt nicht verwehren können. Der Kugelstoß-Olympiazweite wurde nicht eingeladen, weil er aus Jux und Dollerei mit einem Luftgewehr auf einen Hund geschossen hatte. Mit Hommvangaal-Fugundrechtlogik könnte er Silbernes Lorbeerblatt plus Tierschutzmedaille am Bande fordern, weil er als echter Tierfreund nur mit dem Luftgewehr geschossen hat.
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Hoffentlich entwickelt sich der phänomenale junge Neuseeländer Jacko Gill, ein echter Hundefreund, bis 2016 weiter wie bisher, dann ist ihm der Kugelstoß-Olympiasieg nicht zu nehmen. Storl in London 2012 wegen der knapp verpassten Goldmedaille bedauert zu haben, das jedenfalls bereut jetzt aufrichtig: (gw)

Baumhausbeichte - Novelle