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Sport-Stammtisch (vom 8. November)

Jeder durfte gestern die Bayern sehen, aber am Dienstag fanden Schalke und der BVB für den nur Gebühren zahlenden Fernsehzuschauer nicht statt. Willkür vom ZDF? Nein. So sind die Verträge. Ein Skandal? Ja. Sagt der am Fußball nicht interessierte Fernsehzuschauer, dessen Gebühren ARD und ZDF zu einem nicht unbeträchtlichen Teil in den Fußball stecken. Ja, weil überhaupt gesendet wurde. Schuld an allem, übrigens auch am Verdruss des reinen Fans am Erscheinungsbild des neureichen Fußballs (aber das ist ein anderes Thema): die Fantastillionen, die von allen Seiten in den Fußball gepumpt werden.
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Alles hängt mit allem zusammen. Es beginnt »Beim Wanni« im Vereinslokal an der Ecke, geht weiter mit dem Financial Fairplay (FFP) der UEFA und endet wieder »Beim Wanni«.
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Hier herrscht am Dienstag ab halb neun viel Betrieb, was nicht mehr so häufig vorkommt, denn die Zeiten haben sich geändert. Fast alle Vereinskneipenwirte können ein Lied davon singen. Doch heute spielen Dortmund und Schalke in der Champions League, nur Sky überträgt, und wer zu Hause die Kosten für das Sky-Abo scheut, geht ein paar Straßen weiter, zum »Wanni« eben.
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Vorne, im Gastraum, läuft die Konferenz, hinten, im verräucherten Saal, gibt’s auf der Großbildleinwand BVB pur. Zum reinen Fußball nur so viel: Wer’s nicht gesehen hat, hat was verpasst. Grandiose erste Halbzeit, nervenzerfetzende zweite. Für »Wanni«, den Wirt des Traditionslokals, ist das alles ein teurer Spaß. Teuer, weil er für die Sky-Lizenz rund 5000 Euro pro Jahr bezahlen muss. Spaß, weil er ein alter Fußballer ist, der sich sein Hobby etwas kosten und andere daran teilhaben lässt. Denn rein betriebswirtschaftlich ist die Sky-Lizenz ein deutliches Verlustgeschäft.
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In ganz anderen Dimensionen machen auch viele Profiklubs Verlustgeschäfte. Im Jahr 2011 betrug ihr Schuldenstand alleine in Europa satte 1,7 Milliarden Euro. Daher droht die UEFA mit dem Financial Fairplay (FFP): Vereine dürfen nicht mehr Geld ausgeben, als sie erwirtschaften. Verstoßen sie gegen das FFP, droht ihnen der Europacup-Ausschluss. Vor den Kameras und Mikrofonen sind alle des Lobes voll. So wird die Schuldenspirale endlich gestoppt! Aber wer’s wirklich glaubt (wohl kaum jemand), glaubt auch, dass Griechenland 2013 zum Tiger-Staat wird.
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Auf der Bernabeu-Tribüne kommt bei Sky der lebende Gegenbeweis ins Bild: Real-Präsident Florentino Perez. Ein Milliardär, der sich sein Hobby etwas kosten lässt. Er kann es sich auch leisten, denn sein Baukonzern ACS hat viele der 140 Milliarden Euro verbaut, die Spanien im Lauf der Jahre von der EU für infrastrukturelle Baumaßnahmen spendiert wurden. Der Bauboom ist vorbei, viele Immobilien stehen leer, Spanien balanciert am Abgrund, erhöht den Steuersatz – aber nicht den für ausländische Fußballstars, der bei 24 Prozent bleibt. Das ist in Spanien perverserweise gerade mal so viel wie der Mindeststeuersatz für Fastgarnichtsverdiener. Real Madrid hat zudem weit über 500 Millionen Euro Schulden, schreibt aber offiziell sogar Jahr für Jahr Gewinne in seine Bilanz. Was kümmert einen Perez also das FFP? Er »erwirtschaftet« im Zweifelsfall immer noch mehr, als Real ausgeben kann, und das tun auch Ölscheichs und Oligarchen anderswo. Eng wird es nur für Klubs, die keinen wie Perez haben, sei es in persona oder als Putins Pipeline oder als flankierende staatliche Maßnahme wie ein Ministeuersatz für Maximalverdiener.
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Wer bezahlt all den Fußball-Wahnsinn (von anderem Wahnsinn gar nicht erst zu schreiben)? Null mal müssen Sie raten, denn Sie wissen es als deutscher Steuerzahler in der EU, als Ölverbraucher, als Autofahrer, als Gebührenzahler, als Sky-Abonnent usw. usw.
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FFP, finanzielles Fairplay im Fußball, das gibt es. »Bei Wanni« – für das BVB-Erlebnis plus zwei große, zwei kleine Pils und ein belegtes Brötchen bezahle ich nach dem Schlusspfiff 7,80 Euro. Die stellt einer wie Perez schon für einen Kubikzentimeter Beton in Rechnung.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle