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Sonntag, 4. November, 6.05 Uhr

Erster Sonntag im Monat, aber den Antik&Trödel-Marktstau habe ich endgültig hinter mir. Gewöhne mich langsam daran, sonntags nicht verschlafen ins Auto zu steigen, sondern von einem Zimmer ins andere zu wechseln. Der “Tunnel” in die Redaktion ist schnell gegraben. Wichtigste Agenturmeldungen der Nacht: Union und FDP ringen um Weichenstellungen und Cindy bleibt Assistentin von Lanz. Larifari also. Wetten dass guck ich sowieso nicht mehr. Cindy, wohl von Marzahn, Assistentin? Muss ja gruselig sein. In der Mailbox nur nächtlicher Schrott, in der eigenen “Mailbox” (Links rechts) aber schöne (obwohl/weil kritische) Leser-Beiträge.

Sichtung des Themenzettelkastens: Aus einem FAZ-Beitrag von World-Wide-Web-Pionier David Gelernter: Ich glaube an das subjektive Ich. Das subjektive Ich ist gewissermaßen ein Strahl in der Raumzeit, der bei der Geburt beginnt  und mit dem Tod endet, der sich so lange ausdehnt, wie man ununterbrochen durch die Zeit fällt, bis man am Ende stirbt.  Das Ich befindet sich im Innern dieses Strahls, es existiert nur, weil es diesen Innenraum gibt – wie der Raum einer hohlen Kugel, der nur existiert, weil die Kugel existiert. Man kommt nie heraus, und andere kommen nie hinein.  Daher die oft beschriebene existentielle Einsamkeit des Menschen. Die meisten Menschen sprechen nie und können vielleicht auch nie über das sprechen, was für sie am wichtigsten ist.

Aber vielleicht schreiben? In den Montagsthemen? Man kommt nie heraus, und andere kommen nie hinein - tja, da passt dann wohl eher der alte Eintracht-Wahnsinn in die Sportkolumne. Er lebt.

Aber der Gelernter  muss irgendwann irgendwie mal drankommen, das reizt mich. Auch ein FR-Interview mit Kris Kristofferson bleibt im Themenkasten. Nicht für Ohne weitere Worte, da nichts kurz und plakativ zu Zitierendes gefunden. Aber eine Anekdote über Sam Peckinpah und Bob Dylan werde ich nacherzählen, wenn es mal wieder einen musikalischen Anstoß gibt. Wird Zeit dafür, macht Lesern und mir immer viel Freude. Im Kristofferson-Interview geht es um einen wutpissenden Peckinpah und einen darüber verstörten Dylan, was sich in einer Textzeile in Knocking on Heaven’s Door niederschlägt, die ohne Wissen um diese Piss-Story tiefgründig interpretiert würde (und wird, weil die Anekdote unbekannt war). Wie’s der Zufall will: Momentan höre ich im Auto eine Greatest-Hits-CD von Kristofferson. So ne Stimme zu haben, erleichtert das Leben als Männlein, dachte ich schon als Knabe.

Was noch? Genmais, Ratten und die Statistik. Zu hübsch. Kommt auf den aktuellen Zettelstapel. Aussortiert wird eine kopierte Seite der Griechenland-Zeitung (GZ) zur Verhaftung des Journalisten, der die “Falciani-Listen” veröffentlicht hat. Darauf stehen die Namen von rund 2000 Griechen, die ein Konto bei einer speziellen Schweizer Bank haben. Aus einem GZ-Kommentar dazu: Es sind so gut wie keine Politiker in der Auflistung zu finden. Das kann  zweierlei bedeuten. Entweder sind griechische Politiker ehrlicher als man es ahnte, oder die Liste wurde frisiert, bevor sie an den Journalisten durchsickerte. Schade, ich dachte, ich hätte die Falciani-Listen-Story deutschlandzeitungsweit exklusiv, aber die GZ wird wohl auch in den großen Redaktionen gelesen, denn nachdem die GZ am Dienstag erschien, stand es am Wochenende auch in deutschen Zeitungen. – Nein, nicht aussortieren. Rüberschieben auf den Ohne-weitere-Worte-Zettelstapel.

Bierhoffs weiße Socken und als Assoziation Rummenigges Schuh-Arroganz – Spielmaterial für die Montagsthemen.

Xenophobie: Kein Fremdenhass, sondern Fremdenangst, was ein menschlicher Überlebensinstinkt ist. Aber das und die Angst vor dem Tod als Urangst vor dem absolut Fremdem gehört eher zum Gelernter-Stoff.

Faszinierende Sache: Der 3-D-Drucker. Mein Laien-Eindruck: Er wird die Welt verändern, zumindest aber den Maschinenbau revolutionieren. Den Alles-Drucker, der wie irre Science-Fiction klingt, gibt es sogar schon, zum Beispiel in der Zahntechnik für Kronen. Im Zettelkasten kommt der 3-D-Drucker vorerst nach unten. Mehr als das, was ich im Wirtschaftsteil der Zeit dazu gelesen habe, weiß ich noch nicht. Ob er auch Fußballer drucken kann? Ha, habe ich gerade nur so dahingeschrieben, aber das könnte der Dreh sein, um den 3-D-Drucker schon mal kurz in die Sportkolumne zu bringen, vielleicht schon in die heute noch zu schreibende.

Wird schwierig heute. Die Gedanken schweifen immer wieder ab zum Teich. Weil: Vor ein paar Jahren fünf, sechs “Nasen” eingesetzt, eine Karpfenart, die Algen wegfressen soll. Haben sie auch getan. Als unersättliche Allesfresser aber auch den Molch- und Erdkröten-Laich. In diesem Jahr kamen schon viel weniger Erdkröten und fast kein einziger Molch. Nasen vermehren sich in stehendem Gewässer nicht, außerdem überstehen sie harte Winter nicht, hieß es. Meine schon. da nach all den Jahren auch die Gefahr wächst, dass die wachsenden Ablagerungen im Teich das Wasser umkippen lassen könnten, also plötzlich stinkend vergiften, habe ich gestern das Wasser abgelassen, mit Hilfe der Pumpe, die aus dem Teich sonst zum kleinen Bachlauf in den Teich führt. Und siehe da, gestern abend wälzten sich im verschlammten Restwasser vier, fünf Nasen. Eine habe ich keschern können, dann wurde es zu dunkel. Die eine, schon halb hinüber, schwimmt jetzt in einem Zuber mit Klarwasser, falls die anderen noch leben, hole ich sie nachher raus und lasse alle in der Lahn raus in die freie Flußwildbahn. Dann muss Schlamm rausgekübelt und Wasserpflanzenwildwuchs beschnitten werden. Titanenaufgabe für einen schwachen Rentner. Dagegen sind die Montagsthemen ein Klacks. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle